Rüdiger Schmidt, Regionsleiter Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt/Lübeck Wir müssen reden - über die (un)gerechte Arbeitswelt

Rüdiger Schmidt

Arbeit stiftet soziale Identität, sie stärkt das Selbstwertgefühl, die Interaktion der Menschen und sie ist ökonomisch betrachtet die Quelle der Einkommensbildung. Arbeit trägt zur freien Entfaltung bei, fördert den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft und ist die Grundlage der Wohlstandsbildung der Einzelnen und des Ganzen. Ob sie diese Funktionen für alle Beschäftigten tatsächlich erfüllen kann, hängt davon ab, ob sie fairen, lebensdienlichen Bedingungen unterliegt.

"Wir nehmen Widersprüche wahr"

In der Arbeitswelt liegt das Thema der gerechten Entlohnung ganz oben auf, und wir nehmen gerade hier große Widersprüche wahr: Die Altenpflegerin leistet viel für die Gesellschaft und verrichtet eine körperlich schwere Arbeit, sie strengt sich genauso an wie eine Unternehmensberaterin, die aber ein vielfach höheres Einkommen bezieht.

Grundsätze für den Arbeitslohn im UN-Sozialpakt

In Artikel 7 des UN-Sozialpaktes sind einige Grundsätze für den Arbeitslohn aufgestellt. Er soll ein angemessenes Entgelt für die geleistete Arbeit sein und zugleich dem Arbeitnehmer und seiner Familie einen angemessenen Lebensunterhalt ermöglichen. Daneben wird der Grundsatz der Lohngleichheit bei gleichwertiger Arbeit ganz allgemein und das Recht der Frau auf Gleichbehandlung bei der Gestaltung der Arbeitsbedingungen und der Festlegung der Arbeitsentgelte hervorgehoben. Die Lohngleichheit wird in Deutschland allgemein durch das Grundrecht des Artikels 3 GG, der auch die Tarifpartner und Partner von Betriebsvereinbarungen bindet, und einfachgesetzlich u.a. durch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) gewährleistet.

Diskriminierung von Frauen: Strukturelles Problem am Arbeitsmarkt

Zu den strukturellen Problemen am Arbeitsmarkt, gehört die Diskriminierung von Frauen. Die Einkommenslücke zu den männlichen Kollegen beträgt noch immer beachtliche sechs Prozent. Das bedeutet, dass selbst bei gleicher Arbeit immer noch ein deutlicher Unterschied zwischen den Einkommen von Männern und Frauen besteht. Warum werden Berufe, in denen überwiegend Frauen arbeiten, zumeist deutlich niedriger entlohnt als Tätigkeiten, die mehrheitlich von Männern ausgeübt werden? Warum wird Ingenieurstätigkeit deutlich höher bewertet als die Arbeit einer Sozialpädagogin? Und warum verdient ein Gymnasiallehrer – zumindest bisher – deutlich mehr als eine Grundschullehrerin?

Ungleichheit zwischen Ost- und Westdeutschland

Eine weitere Ungleichheit, derzeit in aller Munde, betrifft speziell die Transformation Ostdeutschlands nach 1989, die durch ihre beispiellose De-Industrialisierung nicht nur zu enormer Massenarbeitslosigkeit geführt hat, sondern auch Hunderttausende Berufsbiographien entwertet hat, deren soziale und kulturelle Folgen wir bis heute spüren. Damit wurde ein deregulierter Arbeitsmarkt in den neuen Bundesländern befördert, der in Bezug auf die Erwerbs- und Einkommenschancen nicht nur die Ungleichheit zwischen Ost und West manifestiert, sondern in der Folge auch die Regulierung der Arbeitsbeziehungen in Westdeutschland negativ beeinflusst hat.

So ist etwa die Tarifbindung, die den Beschäftigten eine relative Sicherheit der Arbeitsbedingungen und Entlohnung gewährleistet, zwischen 1998 und 2016 von 63 auf 44 Prozent im Osten und von 76 auf 57 Prozent im Westen gesunken (IAB-Betriebspanel). Damit arbeitet heute nur noch jede/r zweite Beschäftigte in Deutschland tarifgebunden.

Doppelte Entwertung der persönlichen Arbeitskraft

Durch die Hartz-Reformen verschlechterte sich die Absicherung des Lebensrisikos und Arbeitslosigkeit hat dazu geführt, dass mehr Menschen eine Arbeit aufnehmen mussten, die nicht ihrem Qualifikationsprofil entsprechen und deren Entlohnung weit unter dem Durchschnittseinkommen liegt. Das Resultat ist eine doppelte Entwertung ihrer persönlichen Arbeitskraft, die das Vertrauen in Demokratie und Gerechtigkeit schwer beschädigt haben.

Die Einführung des Mindestlohns zum 1. Januar 2017 hat eine negative und eine positive Seite. Sie zeigt einerseits, dass das für die Bundesrepublik konstitutive Tarifvertragssystem nur noch teilweise funktioniert, weil viele Unternehmen unter zunehmenden Konkurrenzdruck aus den Tarifverträgen aussteigen, um durch Lohnkürzungen ihre Wettbewerbsposition zu verbessern. Anderseits ist der Mindestlohn eine Anerkennung geleisteter Arbeit, die im unteren Lohnbereich immerhin einen verbindlichen Mindeststandard setzt.

Evangelische Kirche sieht sich dem Engagement für soziale Gerechtigkeit verpflichtet

Die Evangelische Kirche sieht sich dem Engagement für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung verpflichtet. Gerade weil Arbeit über Lebensentwürfe, Selbstwertgefühl, politische Stabilität und ökonomische Teilhabe entscheidet, ist es besonders für sie und uns von großer Bedeutung, die Entwicklungen in der Arbeitswelt bewusst und reflektiert wahrzunehmen.

In der Nordkirche ist dies die Aufgabe des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt, sollte aber wegen der gesellschaftlichen Bedeutung als gemeinsame Herausforderung und Auftrag der gesamten Kirche angenommen werden.