Pröpstin Frauke Eiben Wir sind nicht still!

Pröpstin Frauke Eiben.

Dieser Reformationstag ist kein stiller Feiertag

Was für ein Glück, dass dieser Feiertag heute kein stiller Feiertag wird, sondern ein lautes, fröhliches, buntes und engagiertes Lautgeben für unsere Demokratie und ein friedliches, respektvolles Miteinander aller Menschen ist.

Seit Tagen, nein Wochen beschäftigt die Medien die alljährliche Zeitumstellung von Sommer- auf Winterzeit. Ich kann nicht zählen wie viele Umfragen, Interviews und Leserbriefe ich dazu wahrgenommen habe.

Gesundheitliche Auswirkungen und, welche Probleme entstehen, wenn wir in Europa keine weitgehend einheitliche Lösung finden werden diskutiert. Eine ganze Nation hat dazu eine Meinung. Ehrlich gesagt ist es mir ziemlich egal wie eine Entscheidung oder keine Entscheidung in dieser Sache ausfällt. Was mir viel mehr Sorgen macht ist, dass in unserem Land so ganz nebenbei eine andere Art von Zeitumstellung/Zeitenwende angebrochen ist. Und leider ist die in Europa fast überall zu spüren.

Ich meine, das deutliche Abrücken von demokratischen Normen und Grundwerten hin zu einem Nationalismus des „mein Land zuerst“: Zäune und Grenzen, die überall auf der Welt hochgezogen werden um ungestört zu bleiben. Tabubrüche, die gesellschaftsfähig werden: etwa das abfällige und böse reden über Fremde, über Menschen anderer Herkunft und Hautfarbe, anderen Geschlechts. Abwertende Bemerkungen über Menschen jüdischen Glaubens, 85 Jahre nach der NS-Diktatur und der Shoa werden scheint‘s ohne Zögern ausgesprochen.

Die Feindseligkeit gegen den Islam. Offener Hass und Häme gegen politisch andersdenkende in den sozialen Medien und auf offener Straße. Da geht es lange nicht mehr um Argumente, da geht es um Macht und um Deutungshoheit.

Doch: nicht in unserem Namen. Wir sind nicht länger still!

In unserem Land ist eine Zeit angebrochen, in der es an Mitgefühl und Menschlichkeit zu fehlen scheint. Denn wie sollte man sonst verstehen: wie über ertrinkende Menschen im Mittelmeer berichtet wird? Dass Kapitäne und Helfende sich rechtfertigen müssen oder bestraft werden, wenn sie retten? Dass Menschen regelrecht gejagt und gehetzt werden, weil sie anders aussehen?

Die Liste der Tabubrüche ist lang. Mir macht es Angst, das in unsrem Land und um uns herum ein Nationalismus entsteht, der sich gnadenlos zeigt. Und dass dann dumm und frech behauptet wird, alle würden das wollen.

Aber so ist das nicht. Ich will das nicht. Und Sie wollen das auch nicht. Wir sind nicht still. Nicht in unserem Namen: kein Rassismus, keine Menschenfeindlichkeit, kein Rumtrampeln auf den Werten unseres Grundgesetzes. Wir brauchen eine Zeitumstellung in unserem Land. Menschlichkeit first, Nächstenliebe first, der Schutz der Schwachen first. Demokratie stärken und üben und leben.

Reformationstag: Vor 500 Jahren war Martin Luther nicht still

Liebe Mitmenschen, wir feiern heute den Reformationstag. Vor 501 Jahren hat Martin Luther seine Thesen zur Veränderung der Kirche öffentlich gemacht. Luther war kein Heiliger. Aber er bleibt für evangelische Christen ein Vorbild, weil er gegen Unrecht aufgestanden ist. Weil ihm wichtig war, dass jeder Mensch lernen darf und muss damit jeder in der Lage ist, sich ein eigenes Urteil zu bilden. Immer noch die beste Prävention gegen Dummheit und Verführung.

Und eine Erkenntnis, die mir persönlich sehr wichtig ist: er hat in seinem Nachdenken über den Glauben die Gnade wiederentdeckt. Er hat entlarvt, dass die Angst vor Hölle, Tod und einem strafenden Gott vor allem dazu dient die Menschen einzuschüchtern und klein zu halten. Luther hat neu und wiederentdeckt: Es geht im Glauben nicht um Angst und Strafe.

Gott hat jeden Menschen mit gleichem Wert und gleicher Würde begabt hat und sieht uns gnädig an.Und weil Gott gnädig auf uns und unser Leben blickt, können wir ebenso gnädig mit anderen Menschen sein. Und zwar nicht nur mit denen, die sowieso zu uns gehören.

Liebe Mitmenschen, ich protestiere an diesem Reformationstag für eine innere Zeitumstellung in unserem Land: ich plädiere für die Wiederentdeckung der Gnade von Mensch zu Mensch – in Wort und Tat.

Nicht irgendwann, sondern jetzt.

Redebeitrag von Pröpstin Frauke Eiben zur Reformations-Demonstration Berkenthin „Wir sind nicht still!“ am 31. Oktober 2018.