Kirchenkreis Lübeck-Lauenburg Friedenslieder singen

Friedenslieder singen: Pröpstin Frauke Eiben über das Singen an Weihnachten.

Spätestens beim O du fröhliche passiert es: Aus dem ICH wird ein WIR. Pröpstin Frauke Eiben über Friedenslieder. 

"Singen Sie gerne? Dann ist Weihnachten Ihr Fest. In so vielen Liedern ist die Weihnachtsbotschaft vom Geschenk des Friedens, das Gott uns Menschen ans Herz und in eine Krippe legt besungen. Da muss man einfach mitsingen. Kein Radio und kein Streamingdienst kann das gemeinsame Singen ersetzen.

Wenn wir aufhören zu grübeln.

Und bestimmt haben Sie es auch schon einmal erlebt, bei „Stille Nacht“, dem fröhlichen „Gloria“ oder bei „O du fröhliche“ es passiert etwas in uns wenn wir singen: unser Atem geht anders, ein- und ausatmen im Rhythmus der Melodie, unsere Muskeln werden locker, die hochgezogenen Schultern sinken und wir hören auf zu grübeln.

Zusammen mit anderen zu singen ist schöner als allein. Vor allem, wenn ich mich nicht so sicher fühle. Ich kann mich einfügen und anlehnen und werde getragen. Beim Singen entsteht von allein aus dem ICH ein WIR. Und das fühlt sich gut an. Nicht von ungefähr ist gemeinsames Singen nicht nur in klassischen Chören sondern auch in Kneipenchören und Grölgruppen ein echter Renner. Und natürlich Weihnachten, im Gottesdienst oder mit der Familie und Freunden unter dem Weihnachtsbaum.

Wenn wir anfangen, aufeinander zu hören

Beim Singen muss man aufeinander hören. Und das ist heutzutage ein hohes Gut. Aus dem Fernsehen sind wir  gewohnt, besonders in den Talk-Shows, dass alle durcheinander reden und ihre Argumente wie Pfeile schießen – ganz egal ob der andere hinhört. Singen funktioniert so nicht. Eine Melodie zur Zeit, ein gemeinsamer Anfangston und aufeinander achten  -  anders geht es nicht. Und so wird aus dem gemeinsamen Singen ein Übungsfeld für den Frieden.

Ja, ich weiß, dass Singen nicht nur dem Frieden dienen kann, dass es Kampflieder gibt, die verführen und Böses im Schilde führen – die meine ich nicht. Ich meine die Lieder, die uns froh machen, die uns zum Träumen bringen, die unsere Sehnsucht wecken, die trösten und heilen, die uns Mut machen, das es gut ausgehen wird. Lieder, die uns locken, den Mund ein wenig zu voll zu nehmen und nicht alles so nüchtern und rational ausdrücken, wie wir es im Alltag tun. Unsere Weihnachtslieder geben uns dazu jede Chance: „Stille Nacht“ und „Oh du fröhliche“ egal ob gebrummt oder ganz leise – Hauptsache dabei.

Die Aufgabe der Engel

„Mensch, lerne singen, sonst wissen die Engel im Himmel nichts mir Dir anzufangen“ heißt es in Anlehnung an einen Satz des Kirchenvaters Augustin. Apropos Engel. In der Weihnachtsgeschichte ist es die Aufgabe der Engel die Friedensbotschaft zunächst den Hirten weiterzusagen. „Fürchtet Euch nicht!“, das ist ihr erster Satz und dann heißt es: „die Menge der himmlischen Heerscharen lobten Gott mit den Worten:

Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“

Liebe Leser*innen, das müssen die Engel gesungen haben. Anders kann ich es mir gar nicht vorstellen. Als Sprechtext vom Himmel herab funktioniert das nämlich nicht. Mit ihrer Botschaft haben sie den Hirten eine Melodie ins Herz gesetzt, die man nicht vergisst. Es ist ein Lied gegen das Dunkel und die Nacht und gegen die Vergeblichkeit und die Angst. Eine Erkennungsmelodie, in der alle Töne aufgehoben sind, die dem Leben dienen und das Gute befördern. Die gute Nachricht vom Frieden.

Sie singen den Hirten ein Hoffnungslied

Die Engel haben kein Manifest verfasst, keine Eckpunkte und auch kein Thesenpapier. Sie singen den Hirten ein Hoffnungslied – eines, das ansteckend ist. Und ich stell mir vor, wie die Hirten es auf dem Weg zum Stall weitersingen, laut und leise, brummend und tastend, jubelnd und mutig. Und als sie angekommen sind stimmen die Engel mit ein – vielleicht auch Josef und Maria. Dort im Stall klingen die Engelworte als Loblied, als Wiegenlied, als Friedenslied, als Mutmach- und als Sehnsuchtslied.

In allem Dunkel der Nacht, in Armut und Erschöpfung, in Unsicherheit und Liebe entsteht ein Moment der Harmonie, in dem alles zusammen klingt, wie Gott es gemeint hat.

Eine heilige Nacht.

Wenn wir uns einladen lassen, weiterzusingen

Mit Weihnachten ist dieser Ton, ist dieses Lied in der Welt. „Hab keine Angst, es ist Frieden“. Es geht nicht mehr weg, es ist Gottes Geschenk für uns und unser Leben – wir sind eingeladen es weiterzusingen:

  • Und so summen wir es als Schlaflied für ein Kind, das sich im Dunkel fürchtet.
  • am Bett eines Sterbenden
  • in höchster Not oder großer Freude
  • im Krieg und auf der Flucht, in der Fremde
  • auf dem Weg zu den Liebsten

Wir singen weiter, wovon die Engel künden: „Fürchte dich nicht  - es ist Frieden“ - der fängt bei dir an. Wir singen es weiter bei Streit und Versöhnung und auch dann – hoffentlich - laut und deutlich, wenn Menschenrechte mit Füssen getreten werden. Denn das Friedenslied ist nicht nur ein harmloses Liedchen, es hat Kraft.

Ein kraftvolles Friedenslied

Zum Beispiel so:

Die Bahn ist voll. Voll von Menschen, die das Weihnachtsglück in Tüten nach Haus bringen wollen.

Der Bahnsteig ist voll. Voll von Verlierern mit ihren Fußballfahnen, Schals und Bierdosen. Sie drängeln in die Bahn, drinnen stehen sie dicht an dicht. Die Menschen mit dem Weihnachtsglück in Tüten versuchen Abstand zu halten. Aber das klappt nicht. Vor allem zu den Bierfahnen gibt es keinen Abstand. Ein Fangesang wird angestimmt. Nicht schön aber laut. Der Boss der Verlierer gibt den Ton an, aber so richtig will keine Stimmung aufkommen.

Da fällt sein Blick auf ein junges Mädchen mit dunklem Haar. Sie sitzt allein, die Hände auf den Knien, die Augen auf die Hände gerichtet, den Kopf etwas eingezogen. Der Boss hat das Mädchen entdeckt und er merkt, dass sie Angst hat. Dafür hat er einen Riecher und grinst. Er drängelt sich zu ihr, legt ihr den Arm mit der Bierdose um die Schulter, dreht ihr Gesicht zu sich: Gib Wolle einen Kuss!

Das Mädchen verkriecht sich noch mehr in sich. Die Fahrgäste mit den Weihnachtstüten schauen weg. Und der Boss weiter: Na, wird’s bald. Wolle wartet. Seine Jungs gröhlen vor Freude, endlich mal was los. Die anderen Fahrgäste schauen betreten auf ihre Schuhe.

Plötzlich springt das Mädchen auf und will zur Tür. Aber der Boss war schneller, stellt ihr ein Bein. Das Mädchen fällt, die Bande gröhlt. Keiner drückt den Halteknopf. Der Zug fährt weiter. Na, grient der Boss das Mädchen an: das hat Wolle aber gar nicht gerne. Da kann er aber sehr ärgerlich werden…

Und während er so schimpft fängt plötzlich eine Frau an zu singen, laut und klar, gegen all das Krakeelen der Bande.

Dona nobis pacem.

Die Leute drehen sich zu ihr um – die Fußball Gang ist still. „Was ist das denn fürn komisches Lied“ sagt einer. „Was soll der Mist.“ Die Frau singt einfach weiter. Guckt dem Boss in den Augen und sagt: „Das ist kein Mist, das ist Latein.“

„Und was soll das, das versteht doch kein Schwein.“

„Aber wer singt denn schon für Schweine“, sagt die Frau.

Und dann singt jemand aus der anderen Wagenecke plötzlich auch und noch einer. Und eine Männerstimme. Immer weiter. Sogar als Kanon.

Die Bande ist still geworden und weiß nicht so recht, was sie machen soll. Alle gucken den Boss an. Der knallt seine Bierdose auf den Boden und brüllt: „Ach, die sind alle von Weihnachten ganz besoffen. Das hält man ja im Kopf nicht aus“. In Mölln steigt er aus. Seine Clique hinterher.

Das Mädchen guckt verwundert zu den Menschen die singen. Als die Fußballgang draußen ist, wird das Singen leiser und kommt zum Ende. Die Frau, die angefangen hat ruft laut: Danke fürs Mitsingen und friedliche Weihnachten.

Und sie drückt dem Mädchen die Hand und sagt: „Dona nobis pacem das ist eine alte Bitte um Frieden in einer alten Sprache“ und sie wünscht ihr frohe Feiertage.

In Ratzeburg steigen alle aus. Und es ist meist, als wär da noch ein Summen in der Luft und ein Leuchten auf manchem Gesicht. (frei nach einer Geschichte von Bolko Bullerdiek)

Ein Störton gegen Gewalt und Hass

„Fürchte dich nicht, es ist Frieden“ - die Erkennungsmelodie der Engel funktioniert. Auch in der Bahn. Sie verunsichert das Böse – für einen Moment jedenfalls – und macht es sprachlos. Menschen finden einen Ton, der Frieden bringt. Gemeinsam entsteht eine Frequenz, ein Störton gegen Gewalt und Hass. So wie im Stall von Bethlehem.

Natürlich weiß ich, das funktioniert nicht immer. Es braucht jemanden, der anstimmt und manchmal ist das Böse und das Banale laut und wir können allein den Ton nicht halten. Deshalb ist wichtig, nicht aus der Übung zu kommen. Weihnachten erinnert uns an die Melodie des Friedens und der Liebe, die mit der Geburt des Gotteskindes in die Welt gekommen ist.

Wenn wir anfangen, mitzusingen

Es ist die Aufforderung an uns alle mitzusingen, wenn die Engel vom Frieden künden. Dann entsteht aus dem ICH ein WIR. Und wir werden nicht zu überhören sein.

Bringen wir die Weihnachtsbotschaft in die Welt, mit alten und neuen Liedern, mit Wort und Tat – und schließen uns allen an, die vor uns dem Kind vertraut haben."