Kirchenkreis Lübeck-Lauenburg Interkulturelle Öffnung – wie geht das?

Stressfaktor oder Chance? Dr. Jens Schneider spricht über Veränderungen und Vielfalt in der Gesellschaft.

Die Zeit der klaren gesellschaftlichen Mehrheiten in Deutschland ist vorbei. Immer mehr Menschen haben einen Migrationshintergrund. Die Mitgliedszahlen der großen Kirchen sinken kontinuierlich. Bühnen und Museen haben immer weniger Besucher. Die Gesellschaft verändert sich.
Dr. Jens Schneider forscht und lehrt am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien an der Universität Osnabrück. Der Ethnologe untersucht gesellschaftliche Entwicklungen im Hinblick auf Einwanderung. Insbesondere betrachtet er in seiner Forschung die zweite und dritte Generation. Dabei leitet ihn die Frage, welche Chancen in einem gelingenden Miteinander von Aufnahmegesellschaften und Einwandern liegen und er plädiert für eine interkulturelle Öffnung, die die Gemeinsamkeiten betont.

Interkulturelle Öffnung ganz konkret – wie können Kirchengemeinden anfangen?
Dr. Jens Schneider: Das ist pauschal schwer zu sagen. Sich umschauen, was im Dorf, im Stadtteil, im Quartier, los ist: Wer lebt dort? Was interessiert die Menschen? Diese Fragen zu stellen und dann Räume zu öffnen – damit kann Öffnung beginnen, nicht nur zu Menschen mit Migrationshintergrund. Was bewegt die jungen Menschen? Worüber kann man mit Ausgetretenen ins Gespräch kommen? Dabei muss man aushalten, dass sich nicht alles kontrollieren lässt.

Das Wort Migrationshintergrund ist im allgemeinen Sprachgebrauch negativ besetzt. Woher kommt das?
Dr. Jens Schneider: Der Begriff Migrationshintergrund kommt aus der Wissenschaft und beschreibt die Situation treffender als das Wort Ausländer, weil viele von denen, die mit diesem Begriff gemeint waren, ja gar keine Ausländer sind und vielfach nicht einmal Migrantinnen und Migranten, weil sie schon hier geboren und aufgewachsen sind. Migrationshintergrund ist statistisch korrekt und wir bemühen uns in der Wissenschaft ihn weiterhin neutral zu verwenden. Umgangssprachlich hat der Begriff allerdings die ausgrenzende Funktion des alten Begriffs Ausländer weitgehend übernommen. Hinter all dem steht die Trennung von „Wir“ und „Die“ und eine damit verbundene Wertung. Weder mit dem alten Begriff noch mit dem neuen assoziieren wir ja Österreicher oder Norweger, sondern „Südländer“ und „Orientalten“.

Gibt es ein Patentrezept für eine gelingende interkulturelle Öffnung der Kirche?
Dr. Jens Schneider: Es kann nur Grundlinien geben und keine fertigen Lösungen. Interkulturelle Öffnung geschieht nie einfach so, weil es um Zugänge oder soziale Beziehungen geht. Zugänge schaffen kann an lieb gewonnenen, aber gleichzeitig nicht immer eingestandenen Privilegien rütteln. Und soziale Beziehungen müssen immer erst aufgebaut werden – was wiederum voraussetzt, dass überhaupt die Bereitschaft dazu da ist und auch schlichtweg Zeit braucht. Veränderung ist für keinen Menschen selbstverständlich – vor allem, wenn es tief eingreift. Ein Beispiel wäre für mich die Lübecker Innenstadt. So viele große Kirchen auf engem Raum – das hat eine große historische kulturelle Bedeutung, ist aber für die heutige normale Gemeindearbeit nicht real. Das hat gar nichts mit Migration zu tun, es zeigt aber, dass sich auch ohne Migration unsere Gesellschaft und Kultur in den vergangenen Jahrzehnten rasant verändert hat. Jetzt kommt auch noch die zunehmende Diversität hinzu und nun ist die Frage, ob wir darin eher einen weiteren Stressfaktor oder gar eine Bedrohung sehen oder eher eine Chance und einen Anlass, darüber zu reden, um was es uns denn eigentlich im Kern geht und wie wir diesen Kern weitertragen können.

Und wenn Sie in den ländlichen Raum wie das Herzogtum Lauenburg blicken?
Dr. Jens Schneider: Auch Kirche auf dem Land muss sich verändern. Die Menschen sind viel mobiler als früher, ganz viele Menschen leben nicht mehr da, wo sie großgeworden sind. Dafür ziehen andere Leute aufs Land, die zwar die familiäre Verwurzelung nicht haben, aber ja trotzdem ein Bedürfnis nach Gemeinschaft und sozialer Eingebundenheit haben. Das, was auf dem Dorf über Generationen Gemeinschaft geschaffen hat, wie Vereine, Kirche oder Landfrauen, funktioniert nicht mehr mit derselben Selbstverständlichkeit. Gleichzeitig sind Rituale im Lebenslauf für viele Menschen immer noch sehr wichtig und dafür treten sie dann doch häufig an die Kirche heran. Vermutlich brauchen wir fluidere Angebote und Konzepte, denn der Wunsch nach Gemeinschaft ist da.