Jahreswechsel 2014/15: Nehmt einander an!


Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob - so lautet die Jahreslosung, die Christinnen und Christen durch das Jahr 2015 gegleiten wird. Für Pröpstin Petra Kallies beschreibt dieser Satz eine Haltung im Umgang mit anderen Menschen.

 

„Was tun Sie“, wurde Herr K. gefragt, „wenn Sie einen Menschen lieben?“ – „Ich mache einen Entwurf von ihm“, sagte Herr K., „und sorge dafür, daß er ihm ähnlich wird.“ – „Wer? Der Entwurf?“ – „Nein“, sagte Herr K., „der Mensch.“
Herr K. ist Denker. Alltagsphilosoph. In knapp 100 superkurzen Geschichten hat Bertold Brecht seinen Titelhelden über die Welt, das Leben, den Menschen sinnieren lassen. („Geschichten vom Herrn Keuner“) Spitzfindig bringt es Herr K. auf den Punkt, und oft fühlt man sich ertappt.

Natürlich, wir alle wollen so geliebt werden wie wir sind. Mit unseren Schokoladenseiten ebenso wie mit unseren Ecken und Kanten. Wenn man verliebt ist, kommt irgendwann der Tag, an dem man feststellt, dass der oder die Geliebte Angewohnheiten, Wesenszüge hat, die einen stören. Ist die gegenseitige Liebe stark genug, dann kann man Rücksicht nehmen. Man ändert das eigene Verhalten, geht Kompromisse ein – und akzeptiert manches. Man nimmt einander an, das heißt ja: gegenseitig, so wie der Partner eben ist.

Manchmal gelingt es nicht, so aufeinander zuzugehen. Dann zerbricht die Liebe.

Und dann gibt es Menschen wie Herrn K. Sie versuchen, die anderen umzuformen, damit sie dem eigenen Wunschbild entsprechen. Solche Menschen lieben nur sich selbst; der andere soll sie gefälligst glücklich machen. In Herrn K. ertappt uns der Dichter, denn in Ansätzen versuchen wir alle, unsere Nächsten umzuformen, damit es für uns bequemer wird.

Um Liebe geht es auch in der Jahreslosung für das Jahr 2015. Das ist eine biblische Überschrift für das neue Jahr: „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.“ (Römerbrief, Kap. 15,7) Dieser Satz kann ein guter Rat für alle Liebenden sein. Christen glauben, dass Gott jeden Menschen vorbehaltlos liebt. Wir müssen nicht erst einen Leitungskatalog erfüllen, sondern so wie wir sind, liebt uns Gott. (Was nicht bedeutet, dass wir machen können, was wir wollen – schon gar nichts Böses!) Gottes Liebe zu uns ist Vorbild für unseren Umgang mit anderen Menschen.

Nimm sie an, so wie sie sind: deine Lebenspartner, deine Kinder, deine Eltern, deine Nachbarn, deine Kollegen. Und die Menschen, die Gott dir über den Weg schickt – die, die dir sofort sympathisch sind genauso wie die, mit denen du es schwer hast – oder die es dir schwer machen. Das ist gar nicht so einfach, sondern eine Lebens-Übung. Es bedeutet jedoch nicht, jedes Verhalten, jede Meinung widerspruchslos hinzunehmen. Zum Lieben gehört auch die Auseinandersetzung: „Du bist es mir wert, dass ich mit Dir darüber rede, auch streite, wenn ich finde, dass du im Irrtum bist!“ Bei jemandem, der mir nichts bedeutet, mache ich mir solche Mühe nicht.

Wenn es Gott nicht egal ist, was aus einem Menschen wird, dann darf uns das auch nicht egal sein. „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.“ Geh vorurteilsfrei auf andere zu. Hör hin, auch wenn du ihre Meinung nicht teilst. Bleib fair – aber bleib auch aufrecht und klar! Und frag dich selbstkritisch, ob vielleicht du selbst auf dem falschen Dampfer bist.

„Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.“ Das beschreibt eine Haltung im Umgang mit anderen Menschen. Sie könnte uns allen gut zu Gesicht stehen, ob Christen oder Nicht-Christen, im privaten Umfeld ebenso wie in unseren Kirchengemeinden und im politischen Diskurs in Stadt und Land. Auch im neuen Jahr werden große Herausforderungen auf uns zukommen, die wir nur im Miteinander gut bewältigen können.

Eine konstruktive Zusammenarbeit wünsche ich uns allen – und Ihnen persönlich ein gesegnetes, friedvolles neues Jahr!                       Ihre Pröpstin Petra Kallies