Kirchengemeinde Luther-Melanchthon, Lübeck „Sie waren Väter der Ökumene in Lübeck“

Der vier Lübecker Geistlichen Prassek, Lange, Müller und Stellbrink werden in Lübeck als Märtyrer verehrt.

Am Dienstag, 10. November 2020, jährt sich die Hinrichtung der als Lübecker Märtyrer bekannten Kapläne Johannes Prassek, Hermann Lange und Eduard Müller und des Pastors Karl Friedrich Stellbrink zum 77. Mal.  Aus diesem Anlass gibt es in diesem Jahr in Lübeck einige Erinnerungsveranstaltungen, durch die Einschränkungen der Pandemie sind es allerdings weniger als in anderen Jahren. Am Sonntag, 8. November 2020, erinnert Stellbrinks ehemalige Gemeinde, die Lutherkirche, in einem Gottesdienst ab 11 Uhr an die Lübecker Märtyer. Alle Plätze für diesen Gottesdienst sind coronabedingt bereits vergeben. Am Dienstag, 10. November 2020, wird um 18 Uhr in der katholischen Herz-Jesu-Kirche ein Pontifikalamt gefeiert.

Altbischof Karl Ludwig Kohlwage: Kritischer Blick auf den Umgang mit den Lübecker Märtyrern

Einer derjenigen, die auf protestantischer Seite das Gedenken an die vier Märtyrer in Lübeck vorangebracht hat, ist der frühere Bischof der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche, Karl Ludwig Kohlwage. Er blickt kritisch auf den Umgang seiner Kirche mit den Märtyrern bis weit in die Nachkriegszeit hinein.

Unterschiedliches Gedenken auf protestantischer und katholischer Seite

Als Vikar diente Kohlwage an genau der Kirche, an der Stellbrink seine Palmarumspredigt vom „Strafgericht Gottes“ gehalten hatte, das Lübeck ereilt habe und die zu seiner Verhaftung, Verurteilung und Hinrichtung führte. „Die Urne von Karl Friedrich Stellbrink war in der Lutherkirche schon beigesetzt, aber im Gemeindeleben spielte er überhaupt keine Rolle“, erinnert sich Kohlwage. Auch in Protokollen des Kirchenvorstands, die er später daraufhin durchsah, gab es keinen Hinweis darauf, dass man sich mit dem Prozess um Stellbrink je beschäftigt habe. Das steht im Gegensatz zum Verhalten der katholischen Gemeinde in Lübeck, wie Kohlwage beobachtet hatte: „Hier spielten die Vorgänge um die drei Kapläne immer eine ganz große Rolle.“

Anerkennung nach 50 Jahren

Zum 50. Jahrestag der Hinrichtung, Kohlwage war da Bischof der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche, kam es erst zu einer offiziellen Stellungnahme der Kirchenleitung. „Die Kirchenleitung ehrt in Karl-Friedrich Stellbrink einen Pastor, der in der Bindung an das Wort Gottes und geleitet durch sein Gewissen immer deutlicher und immer klarer das Unrecht eines totalen Regimes erkannte und kritisierte. Er ist den schweren Leidensweg eines Zeugen der evangelischen Wahrheit gegangen, der sein Leben für die von ihm erkannte Wahrheit geben mußte.“ „Diese Erklärung der Kirchenleitung markiert ein ganz entscheidendes ökumenisches Datum in Lübeck und Nordelbien“, betont Kohlwage und bringt damit einen wichtigen weiteren Aspekt der Zusammenarbeit der vier Männer auf. „Die vier Märtyrer waren Väter der Ökumene in Lübeck. Sie haben konfessionelle Grenzen in Lübeck überwunden, in dem die Konfessionen damals nur nebenher lebten.“

Auswirkungen über den kirchlichen Bereich hinaus

„Unsere Erklärung von 1993 hatte aber nicht nur Auswirkungen auf die innerkirchliche Beschäftigung mit dem Verhalten von Prassek, Lange, Müller und Stellbrink“, berichtet Kohlwage weiter. „Der ehemalige Justizminister von Schleswig-Holstein und Mitglied der Kirchenleitung, Heiko Hoffmann, stellte daraufhin fest, dass das Urteil noch Rechtskraft hatte und stellte den Antrag, das Urteil zu annullieren.“ Das sei vor allem für die Familie von Stellbrink wichtig gewesen. Endgültig aufgehoben wurden alle Urteile des Volksgerichtshofs erst 2002.

Was sagen uns die Lübecker Märtyer heute?

In diesem Jahr beschäftigen Kohlwage im Zusammenhang mit dem Erinnern an die Lübecker Märtyrer einige Fragen, die sie an die jetzt lebenden Christ:innen stellen: „Was sind wir, die Nachgeborenen, ihnen schuldig? Wie werden wir ihnen gerecht? Und was bedeutet das für das Verhältnis der Konfessionen untereinander?“