Telefonseelsorge Lübeck Urlaubszeit ist auch Seelsorgezeit

Helfer in der Not: Pastor Frank Gottschalk von der TelefonSeelsorge Lübeck.

„Man könnte vermuten, dass es den Menschen in der warmen Jahreszeit mit dem Mehr an Tageslicht besser geht“, sagt Frank Gottschalk, Leiter der TelefonSeelsorge Lübeck. „Grundsätzlich ist dies auch hilfreich, doch unsere Erfahrung zeigt, dass es Menschen mit seelischen Belastungen oder psychischen Erkrankungen gerade jetzt häufig auffällig schlecht geht". Warum dies so sei, lasse sich nach Aussage des 55-Jährigen ungefähr so beantworten: „Die Welt da draußen ist vermeintlich unbeschwert, bunt, die Menschen sind in Sommer- und Urlaubsstimmung. Dadurch wächst bei psychisch Erkrankten der Innendruck, weil sie diese Leichtigkeit und Lebensfreude für ihr eigenes Leben so eben nicht empfinden können.“

40 Anrufe pro Tag bei der TelefonSeelsorge

40 Anrufe Hilfe suchender Menschen nehmen die 82 ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen der Lübecker TelefonSeelsorge zurzeit pro Tag entgegen. „Das sind nicht weniger als in anderen Jahreszeiten - eher ein paar mehr“, sagt Gottschalk. 16 000 anonyme Gespräche sind es pro Jahr, die allein in der Hansestadt geführt werden. Bundesweit gibt es 105 TelefonSeelsorgen - „das zeigt eindrucksvoll, wie groß die Nachfrage ist“, betont der Pastor und nennt ein Beispiel: „Es gibt immer wieder Fälle, in denen uns Anrufer berichten, dass das Gespräch mit uns der einzige zwischenmenschliche Kontakt des Tages war. Wir sind für viele Menschen eine ganz wichtige Bezugsgröße."

Mitarbeitende retten Leben

Die Mitarbeitenden der TelefonSeelsorge hören den Menschen aber nicht nur zu, mitunter retten sie sogar Leben. „Erst vor wenigen Tagen konnte eine Mitarbeiterin einem jungen Mann am Telefon das Leben retten. Das sind Momente, die niemanden kalt lassen und mich mit Stolz auf meine Kolleg:innen erfüllt“, sagt Gottschalk.

"Nummer gegen Kummer" stark frequentiert

Auch die „Nummer gegen Kummer“, das Kinder- und Jugendtelefon der Gemeindediakonie Lübeck, ist derzeit stark frequentiert. „Einsamkeit, Sorgen und Nöte von jungen Menschen sind nicht weg - nur weil die Sonne scheint“, sagt Brigitte Bischoff. Die 62-Jährige ist seit acht Jahren Leiterin der Einrichtung. Die 35 ehrenamtlichen Helfer - „von der Studentin bis zum Rentner“ - nehmen in Lübeck pro Jahr 10 000 Anrufe entgegen. Die Bandbreite der Themen ist groß: Von Depressionen über häusliche Gewalt bis zum Liebeskummer ist alles dabei. „Spürbar ist, dass das Thema Mobbing auf dem Schulhof ebenso wie im Internet mehr und mehr in den Fokus rückt“, berichtet Bischoff. Durch intensive Aufklärungsarbeit in den vergangenen Jahren werde immer häufiger auch sexueller Missbrauch in Telefonaten thematisiert. „Hier ist viel Fingerspitzengefühl gefordert, wir ermutigen die Kinder und Jugendlichen, sich aus dieser ganz furchtbaren Situation zu befreien und zeigen Hilfsoptionen auf“, so Bischoff.

Corona schlägt auch auf die seelische Gesundheit

Die Folgen der Corona-Pandemie werden auch beim Kinder- und Jugendtelefon spürbar. „Wir bekommen es häufiger mit psychisch auffälligen Heranwachsenden zu tun, denen ganz offenkundig während der langen Lockdown-Phasen ein Regulativ in der Außenwelt gefehlt hat“, berichtet die Leiterin. Welche tatsächlichen Folgen dies für die seelische Gesundheit vieler Kinder und Jugendlicher haben wird, sei noch nicht abzusehen - „zumal das Thema Corona ja noch nicht zu Ende ist“.

Jubiläum beim Kinder- und Jugendtelefon

Im kommenden Jahr wird das Kinder- und Jugendtelefon in Lübeck 40 Jahre alt. Zurzeit findet bei der „Nummer gegen Kummer“, dem Dachverband der Kinder- und Jugendtelefone,  ein Modellversuch statt, der nach Aussage von Brigitte Bischoff schon jetzt ein Erfolg ist. „Wir bieten zukünftig neben Gesprächen am Telefon und der email-Beratung auch Beratungen per Chat an - und die Resonanz ist weit mehr als gut.“

 

Die TelefonSeelsorge ist unter der Telefonnummer 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 erreichbar.

Das Rufnummern des Kinder- und Jugendtelefons - die „Nummer gegen Kummer“ - sind 116 111 oder 0800 111 0 333.

Ratgeberin für junge Menschen: Brigitte Bischoff vom Kinder- und Jugendtelefon.