Kirchenkreis Lübeck-Lauenburg Zwiegespalten und voll Hoffnung zugleich

Pröpstin Petra Kallies schreibt über die Jahreslosung 2020.

Ich glaube! Herr, hilf meinem Unglauben! lautet die Jahreslosung 2020. Über diese Gratwanderung zwischen Glauben und Unglauben und der Hoffung darin schreibt Pröpstin Petra Kallies.

Es gibt eine andere Geschichte

Gerade erst haben wir die biblischen Weihnachtsgeschichten gehört: Jesus, Maria, Josef und die Hirten im Stall von Bethlehem – so erzählt es Lukas.

Von den Weisen, die dem Stern folgen und der skrupellosen König Herodes – aufgeschrieben bei Matthäus. Den geheimnisvoll-philosophischen Text vom „Wort Gottes“, das Mensch wurde – nach Johannes. Und was ist mit dem Markus-Evangelium? Weihnachtsgeschichte Fehlanzeige? Das Markus-Evangelium startet gleich mit der Taufe des erwachsenen Jesus.

Aber Halt – da gibt es doch eine etwas andere Weihnachtsgeschichte; im 9. Kapitel. Jesus nimmt drei Jünger mit auf einen Berg. Dort sehen sie ihn, wie er wirklich ist: erleuchtet, erfüllt von Gottes Licht. Gott spricht: „Dies ist mein geliebter Sohn, auf den sollt ihr hören!“ Wow, welch ein Glanz, welch ein Schein in ihren Herzen!

Darum geht es ja an Weihnachten: Gott kommt zu uns – und wir erkennen das!

Jesus ist nicht greifbar

Während Jesus mit den Dreien auf dem Berg ist, sucht ein verzweifelter Mann nach ihm; Vater eines an Epilepsie leidenden Jungen. Jesus ist nicht greifbar. Also wendet er sich in seiner Not ans Bodenpersonal, an die anderen Jünger. Sie geben sich redlich Mühe, aber es nützt nichts. Sie können nichts für das Kind tun.

Dann kommt Jesus. „Wenn es dir möglich ist, Jesus, dann hab Erbarmen und hilf uns!“ sagt der arme Mann. Jesus antwortet: „Wenn es dir möglich ist“, sagst Du? Für den, der glaubt, ist ALLES möglich!

Hammerhart. Kein bisschen empathisch. Heißt das: wenn Du mal intensiver glauben würdest, wäre dein Kind schon lange nicht mehr krank…?

Heißt das: Der Glaube der Jünger ist zu klein. Die bringen es also nicht…

Heißt das: Ihr alle werdet gleich sehen, wie groß MEIN Glaube ist!

Und dann sagt der Vater diesen wunderbaren Satz, der uns als Jahreslosung durch das neue Jahr begleiten soll: Ich glaube! Herr, hilf meinem Unglauben! (Markus 9, 24)

Klimawandel: Zu spät oder noch zu schaffen?

In einer Zeit, in der Kinder und Jugendliche das Thema Klimaschutz und Klimagerechtigkeit ganz nach oben auf die Agenda gebracht haben, beginnen wir, wieder einmal, uns mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen dazu zu befassen.

Ich glaube – gegen allen Zweifel an, dass es noch nicht 5 nach 12 ist. Dass es der Menschheit gelingen kann, die Erderwärmung zu stoppen. Wir werden den Klimawandel, das damit verbundene Artensterben, die Verwüstung großer Landstriche nicht mehr zurückdrehen können, aber ich glaube, dass es noch nicht zu spät ist, um diese Entwicklung zu ändern. An manchen Tagen glaube ich das, glaube an Vernunft und Einsicht – und am nächsten Tag wird mein Zutrauen wieder erschüttert durch neue Negativ-Headlines. Ist es doch schon längst zu spät?

Sehnsucht, dass alles gut wird

Diese Gratwanderung zwischen Glauben und Unglauben, zwischen Glauben-wollen und nicht-glauben-können ist Teil unseres Menschseins. Der Vater spricht aus, was viele Menschen beschäftigt: da ist diese Sehnsucht nach Gott, der alles gut werden lässt, der Geknicktes aufrichtet, der Glimmendes neu entfacht – und es gibt diese Zeiten, wo Du das tatsächlich erlebst!

Da ist auch das Gegenteil: Du erlebst, wie Gott nicht eingreift, der es nicht gut, nicht heil werden lässt. Doch nicht genug geglaubt? Diese Ambivalenz im Glauben lässt sich nicht auflösen. Die Jahreslosung nennt dieses Hin- und Her-gerissen-Sein beim Namen. Glaube ist nichts, was ich HABEN, was ich festhalten kann. Aber um das ich beten kann: Hilf meinem Unglauben!

Jahreslosung 2020: Zwiegespalten und voller Hoffnung

Ich mag diese Jahreslosung, die so brüchig daherkommt. Realistisch, zwiegespalten, wie unser Leben und auch wie unser Glaube. Aber sie ist zugleich voller Hoffnung.

Die Kirche ist eine Gemeinschaft der Glaubenden. Darüber bin ich froh, denn immer, wenn mein Zweifel überwiegt, ist jemand da, der für mich mit glaubt. Zu anderen Zeiten bin ich diejenige, die glaubend vorangeht an andere mitträgt.

So soll das sein!

Ich wünsche Ihnen ein erfülltes Jahr 2020 – Gottes Segen an 366 Tagen. Glaubensmut und gute Wegbegleiter*innen!

Herzlichst, Ihre

Petra Kallies