St.-Jürgen-Kapelle Digitale Predigt von Pröpstin Petra Kallies

Pröpstin Petra Kallies beim Segen im YouTube-Gottesdienst.

Auf einmal ist alles anders: Gottesdienste dürfen bis auf Weiteres nicht in den Kirchen gefeiert werden, um die Ausbreitung des Corona-Virus zu verhindern. Spontan wurde  ein digitaler Gottesdienst in der St.-Jürgen-Kapelle gefeiert, der auf YouTube live übertragen wurde. Hier kann er nachgeschaut werden.

Die Predigt von Pröpstin Petra Kallies zum Nachlesen:

Predigttext: Lukas 11, 5-10

Die Gnade Gottes, und die Liebe Jesu Christi und die Gemeinschaft im Heiligen Geist sei mit uns allen! Amen.

 

I. Anders mit Problemen umgehen lernen

Liebe Gemeinde,

muss nur noch kurz die Welt retten

danach flieg‘ ich zu dir

noch 148 Mails checken

wer weiß, was mir dann noch passiert, denn es passiert so viel

muss nur noch kurz die Welt retten

und gleich danach bin ich wieder bei dir

die Zeit läuft mir davon

zu warten wär‘ eine Schande für die ganze Weltbevölkerung

ich muss jetzt los, sonst gibt’s die große Katastrophe -

merkst du nicht, dass wir in Not sind?

ich muss jetzt echt die Welt retten

danach flieg‘ ich zu dir

Tim Bendzko 2011.

Kennen wir alle. Haben damals an Leute gedacht, die genau so drauf sind: Immer online immer unterwegs. Manchmal ist der Blick für das Wesentliche, für Freunde, für die Kinder, für die Partner verloren gegangen.

nur noch 148 Mails checken und dann ist alles besser…

So funktioniert unsere Welt:  Es gibt ein Problem? Okay, dann müssen wir noch härter arbeiten, noch mehr machen, noch schneller sein - und dann lösen wir das Problem. So kennen wir das.

Und jetzt plötzlich müssen wir etwas ganz anderes lernen. Ganz anderes üben. Um „die Welt zu retten“, um das Problem zu lösen oder es zumindest zu verlangsamen, die Ausbreitung von Corona, müssen die meisten von uns weniger machen. Du kannst auch weiterhin ständig Mails checken. Du kannst ständig vom Fernseher sitzen oder das Internet leer lesen, aber es ändert nichts. Noch mehr Informationen bringen dich nicht viel weiter. Was uns weiter bringt, ist: weniger machen. Zu Hause arbeiten. Das Tempo drosseln. Andere Formen der Begegnung ausprobieren.  Uns mit unserer Familie und uns selbst beschäftigen. Gar nicht so einfach; manche fürchten sich davor.

Andere haben Angst zu erkranken. Oder, dass es für liebe Menschen, die zu einer besonders gefährdeten Gruppe gehören, kritisch wird. Oder dass alles den Bach runtergeht. Plötzlich erleben wir alle, dass, jedenfalls die meisten von uns, fast nichts „machen“ können, um das Virus zu besiegen.

Wir können uns aber darum kümmern, dass die Angst vor dem Virus uns nicht besiegt! Ob es uns gelingt, wird sich zeigen. Es wird wesentlich davon abhängen, wie wir in diesen nächsten Wochen miteinander umgehen. Ob wir unser Miteinander retten – oder sogar bessermachen…

II. Werden wir teilen, wenn uns jemand bittet?

Jesus erzählt ein Gleichnis: Du bekommst unverhofft spätabends Besuch. Der Kühlschrank ist leer. Dein Gast ist ausgehungert. Du hast nichts anzubieten. Zu spät zum Einkaufen es auch schon; sogar der letzte REWE hat schon zu.   Bleibt nur, zum Nachbarn zu gehen, mit dem du dich ganz gut verstehst und ihn aus dem Bett zu klingeln. Was dann passiert, ist nicht ungewöhnlich. Der sonst sehr nette Nachbar ist total genervt.  Aber, so erzählt Jesus, weil du nicht aufhörst, gibt er nach, damit Ruhe ist. Er geht dann doch in die Küche und plündert den Kühlschrank.

Was also werden wir in den nächsten Wochen tun, wenn jemand uns bittet? Werden wir teilen? Egal, was es ist? Was werden wir tun, wenn Menschen unsere Hilfe brauchen? Was tun wir jetzt schon? Müssen sie bitten und betteln, bevor wir sie auf dem Schirm haben oder kann es auch ganz anders gehen?

Viele Nachbarschaften sind bereits dabei, praktische Unterstützung zu organisieren. Sie bitten darum: „Sagen Sie Bescheid, wenn Sie Hilfe beim Einkaufen brauchen, oder um den Hund spazieren zu führen, oder das Rezept vom Arzt abzuholen, oder zur Apotheke zu gehen, oder den Müll rauszustellen.

Was immer es auch ist:  an unserem Verhalten, an unserer Achtsamkeit wird sich entscheiden, wie wir als Gesellschaft durch diese Krise kommen. Da kann jeder mitmachen, der gesund und fit ist.  Ich finde es total klasse, dass auch viele Kirchengemeinden gerade dabei sind, einen Einkauf-Service zu organisieren. Hier in Lübeck, und in Lauenburg an der Elbe und an vielen anderen Orten.  Wir melden uns als Kirche nicht in ab, nur weil Gruppen, Konzerte und Gottesdienste für eine Weile nicht in gewohnter Weise stattfinden können. - Wir sind auch weiterhin für Sie da sind, nur eben in anderer Form als bislang! Wenn Sie praktische Hilfe oder einfach jemanden zum Reden brauchen: rufen Sie an!

III. Glaub bloß nicht, dass du Gott egal bist.

Jesus erzählt seine Gleichnisse auch, damit wir etwas lernen für den Umgang miteinander. Aber das Hauptziel der Gleichnisse ist eigentlich, uns etwas zu erzählen von Gott und den Menschen. In diesem Gleichnis, so interpretiere ich es, sind wir diejenigen, die gerade diesen unverhofften Übernachtungsbesuch bekommen haben und deren Kühlschrank leer ist. Gott ist der Nachbar, den wir gut kennen, mit dem wir uns gut verstehen und den wir um Unterstützung bitten.

….

Und jetzt wird es schwierig. Denn eigentlich sagt das Gleichnis ja: Du bittest Gott um Hilfe, aber Gott antwortet: „Sag mal, weißt du eigentlich, wie spät es ist? Schon weit nach Mitternacht! Komm morgen wieder!“ Ich finde, das ist sehr irritierend! Das deckt sich überhaupt nicht mit meiner Vorstellung von Gott, mit meinem Glauben. Genau deswegen hat Jesus diese Geschichte so erzählt. Denn das erleben ja viele Menschen, dass das Beten kein Automatismus ist: "Ich bitte Gott, und schwupps! ist das Problem gelöst, die Sorgen verflogen…" Sondern wir erleben es auch, im Glauben, auch im Gebet, dass wir uns manchmal fragen: „Kommt es überhaupt an? Es ändert sich doch gar nichts!“

Genau das, meine ich, hatte Jesu mit dieser Geschichte im Blick. Er sagt: „Geh nicht enttäuscht weg, sondern bleib dran! Glaub bloß nicht, dass du Gott egal bist. Oder dass Deine Sorgen oder Deine Not Gott egal sind.“ Ich kann es vielleicht am besten nur von mir selber sagen. Von Zeiten, in denen ich gedacht habe: „Au weia, jetzt rüttelt es aber doch mächtig!“ Zeiten, in denen ich mich einerseits Gott sehr nah gefühlt habe – in denen jedoch das Schlimme nicht einfach so wegging…

Meine eigene Erfahrung ist: Es hilft, dran zu bleiben. Ich kann Gott nicht in die Karten gucken und längst nicht alles verstehen. Tatsächlich ist es so, dass Gottes Schöpfung auch die Möglichkeit von Seuchen, von Epidemien vorsieht. Das verstehe ich nicht. Und es wäre aus meiner persönlichen Sicht auch nicht nötig gewesen.

Aber was ich weiß und was ich glaube, ist, dass es lohnt sich dran zu bleiben. Am Glauben. Und am Gebet. Im dem biblischen Abschnitt kommt nach der Geschichte ein gedanklicher Sprung. Jesus setzt sozusagen nochmal neu an: Darum sage ich Euch: Bittet, und es wird Euch gegeben. Sucht, und ihr werdet finden. Klopft an, und Euch wird geöffnet.

Ich vertraue sehr auf die Kraft des Gebets, weil es uns verändern kann. Wenn wir für andere beten, nehmen wir sie liebevoll in den Blick. Wir vergessen sie nicht. Sie sind uns wichtig. Und für die, die mir wichtig sind, setze ich mich ein. Ihr Wohlergehen liegt mir am Herzen. Daraus erwächst Aktion. Das sind Nachbarn, erkrankte Kollegen, Menschen in sog. systemrelevanten Berufen (Medizinisches Personal, Pflegekräfte, Verkäuferinnen, Stadtwerke, …); wie können wir sie entlasten?

IV. Sie alle brauchen unsere Gebete

Und über all dem: mal ganz ehrlich – abgesehen von denjenigen, die wirklichen Grund zur Sorge haben: Es geht uns gut! Lassen wir nicht zu, dass dieses eine Thema, Corona, alles andere beiseite drängt: das Gute ebenso wie das Schlimme. Die Flüchtlinge im Nahen Osten irren weiterhin zwischen den Fronten umher. Den Hungernden in Ostafrika fressen die Heuschrecken weiterhin die Ernten weg.

Die Unterdrückten in Mittel- und Südamerika leiden weiterhin unter Gewalt und Terror. Und die Liste ließe sich endlos weiterführen. Sie alle brauchen unsere Gebete und unsere konkrete Hilfe. Ihnen können wir nicht sagen: „Eure Not passt jetzt nicht. Kommt nächstes Jahr wieder, wir haben gerade andere Themen.“ Auch daran erinnert uns Jesus mit seinem Gleichnis.

Ich kann nicht die Welt retten. Brauche ich auch nicht- dafür ist Jesus in die Welt gekommen. Aber da, wo es möglich ist, soll ich mitmachen.

Bittet, und es wird Euch gegeben.

Sucht, und ihr werdet finden.

Klopft an, und Euch wird geöffnet.

Denn alle, die bitten, empfangen.

Und alle, die suchen, finden.

Und alle, die anklopfen, denen wird geöffnet.

Behalten wir einander im Blick.

Aufmerksam und freundlich.

Mit Zuversicht.

Dann ist mir nicht bange!

Und der Friede Gottes, der unser menschliches Verstehen übersteigt, der bewache unsere Herzen und Sinne in der Liebe Jesu, des Retters der Welt.

Amen.