Lübeck

Abschied eines Grenzgängers: Bernd Schwarze verlässt St. Petri

Lübeck. Pastor Bernd Schwarze verlässt nach fast 30 Jahren St. Petri zu Lübeck, um ein Buchprojekt für den Kirchenkreis Lübeck-Lauenburg zum 800. Geburtstag der Kultur- und Universitätskirche im kommenden Jahr zu realisieren. Ein würdigender Blick zurück.

Zwischen Kanzel und Kultur: eine Würdigung

Wenn ein Pastor geht, endet mehr als eine Amtszeit. Mit dem Abschied von Dr. Bernd Schwarze aus St. Petri zu Lübeck geht auch eine bestimmte Weise, Kirche zu gestalten, zu Ende. Geprägt von freiem Geist, von der Lust zum Ausprobieren und vom Vertrauen darauf, dass sich Glaube im Austausch mit der gegenwärtigen Weltanschauung bewähren muss.

Geboren 1961 in Lübeck, Studium und akademische Arbeit in Hamburg, Promotion über religiöse Motive in der Popkultur. Schon darin liegt eine programmatische Geste. Schwarze hat die Theologie nie als abgeschlossenes System verstanden, sondern als etwas, das sich im Gespräch mit dem Zeitgeist bewähren muss. „Glaube ist nichts Festgeschriebenes. Glaube ist der Spielraum des Lebens.“ Dieser Satz ist sowohl Bekenntnis als auch Arbeitsauftrag.

“Glaube ist der Spielraum des Lebens”

Als er 1998 nach St. Petri kam, war die kirchliche Landschaft bereits im Wandel. Die klassischen Formate wirkten vielerorts wie aus der Zeit gefallen, das Publikum wurde dünner. Schwarze reagierte darauf nicht mit Rückzug, sondern mit einem Öffnen der Fenster. Schon früh zeigte sich dabei, dass sein Blick nicht auf einen Ort beschränkt bleiben würde: Zwei Jahre nach seinem Beginn in St. Petri wurde ihm zusätzlich die übergemeindliche Arbeit an St. Marien übertragen. In beiden Kirchen setzte er neue konzeptionelle Akzente, brachte Kirche und Stadt näher zusammen und begleitete viele Menschen geistlich – oft jenseits klassischer Formate, dafür nah an ihren Fragen. Von seinen Marien-Projekten bringen bis heute das Advensleuchten und der Volksfestgottesdienst die halbe Stadt in Bewegung. 

Gemeinsam mit seinem Vorgänger Pastor Günter Harig entstand das Format der Petrivisionen – und damit ein Raum, der sich bewusst zwischen den Welten einrichtete.

Der erste Abend: ein Samstag im September 2000, 23 Uhr. Allein diese Uhrzeit hatte etwas Subversives. „Wir wollten einen Gottesdienst machen, der sich deutlich unterscheidet“, erinnert sich Schwarze. Was folgte, war kein Gegenentwurf im klassischen Sinne, sondern eine Erweiterung: Musik, Kunst, Wissenschaft und Theologie traten nebeneinander, richteten sich manchmal auch gegeneinander. „Wir haben die Petrivisionen ausdrücklich nicht Gottesdienste genannt, weil wir die potenziellen Gäste gewinnen und nicht abschrecken wollten.“ 

In St. Petri durften verrückte Dinge geschehen

Dass dabei auch Kamele durch den Kirchenraum zogen oder ein „Schlamm-Monster“ auftauchte, gehört inzwischen zur lokalen Folklore. Doch hinter der Irritation stand ein ernsthaftes Anliegen: die Kirche als einen Ort zu begreifen, an dem mehr möglich ist, als man ihr gewöhnlich zutraut. „In St. Petri durften und dürfen sehr verrückte Dinge passieren“, sagt Schwarze und meint damit vor allem: Hier darf gedacht, experimentiert und auch gescheitert werden.

Parallel dazu suchte er immer wieder die Gegenbewegung. Solo Verbo, die auf 36 Abende angelegte Reihe zum Glaubensbekenntnis, setzte auf Reduktion: Wort, Stimme, Konzentration. Hier wurde nicht inszeniert, sondern geprüft. „Ich wollte Zweifel nicht nur streifen, sondern tief in diese einsteigen“, sagt Schwarze. Und zugleich blieb darin immer eine zweite Bewegung spürbar: „Ich habe Menschen nie allein gelassen in diesem Moment. Ich habe immer Wege aufgezeigt, die den Zuhörende ermöglichten, ihren eigenen Zugang zu finden.“ Zweifel war bei ihm kein Abbruch, sondern ein Durchgang.

Diese Haltung zeigte sich auch in den thematischen Abenden, die sich bewusst an den Rändern des Religiösen bewegten. Wenn über „Schmerz“ mit Medizinern gesprochen wurde oder über „Zweifel“ im Gespräch mit Atheisten, dann entstand eine Form von Kirche, die weniger Antworten gab, als sie Resonanzräume öffnete. Man könnte sagen: eine Kirche, die zuhört, bevor sie spricht.

Kirche am Nullpunkt der Religion

Unvergessen bleiben die großen Inszenierungen. Etwa die Aufführung von „Supper’s Ready“ am Gründonnerstag 2017: Ein 23-minütiges Rockepos von Genesis als Rahmen für ein neu choreographiertes Abendmahl. 1200 Menschen kamen. Für Schwarze war das kein Stilbruch, sondern eine logische Konsequenz: „St. Petri ist die Kirche am Nullpunkt der Religion. Wo, wenn nicht hier, sollte man solche ungewöhnlichen Rituale ausprobieren?“

Dass dieses Experimentieren auf fruchtbaren Boden fiel, zeigte sich schon früh. Die „Lübecker Woche der Engel“ im Jahr 2000 verwandelte die Altstadtkirchen in ein Netz aus Licht und Kunst und zog rund 200.000 Besucher an. „Wir hatten praktisch kein Budget“, erinnert sich Schwarze, „aber die Menschen standen Schlange und rund 100 Ehrenamtliche haben Tag und Nacht mit angepackt.“ Ein Bild, das fast sinnbildlich für seine Arbeit steht: große Wirkung bei vergleichsweise einfachen Mitteln, getragen von einer Idee.

Mit der Entwicklung von St. Petri zur Universitäts- und Hochschulkirche gewann dieses Denken eine weitere Ebene. Wissenschaft und Kirche traten in einen intensiven Austausch, Ringvorlesungen, Feiern und Kooperationen entstanden. Die Universität zu Lübeck ehrte Schwarze dafür 2015 mit der Ehrenbürgerwürde der Uni – ein Zeichen dafür, wie sehr sich hier zwei Welten angenähert hatten.

“Ja, ich wollte auch herausfordern”

Ein weiterer Schwerpunkt seines Wirkens: die Förderung der Kunst. Die Zusammenarbeit mit Künstlern wie Jonathan Meese, der 2019 mit eigenwilligen Installationen den Raum bespielte, war dabei mehr als Dekoration. Sie war Teil eines Verständnisses von Kirche als offenen Raum. „Ich wusste, dass es polarisiert“, sagt Schwarze. „Ja, ich wollte auch herausfordern.“

Auffällig ist, dass sich dieses Erzählen und Deuten nicht auf den Kirchraum beschränkte. Aufgrund einer gemeinsamen Idee mit Sebastian Fitzek veröffentlichte Schwarze 2021 den Bestseller-Kriminalroman „Mein Wille geschehe“. Ein Titel, der nicht zufällig an das Vaterunser erinnert und die Spannung zwischen religiöser Sprache und existenziellen Abgründen literarisch auslotet. Und auch die leiseren Töne fehlen nicht. Mit dem 2025 erschienenen „WeihnachtsWunderWonnebuch: Geschichten fürs Sofa und den Tannenbaum“ schlägt Schwarze eine andere, heitere Seite auf. 

Nicht beruhigen, sondern bewegen

Vielleicht ist genau das der rote Faden seines Wirkens: nicht zu beruhigen, sondern zu bewegen. Nicht festzuschreiben, sondern zu öffnen. Immer mit dem Risiko, anzuecken – und mit der Hoffnung, dass gerade darin etwas entsteht.

Nun geht Dr. Bernd Schwarze, um sich stärker dem Schreiben zu widmen. Es ist ein Schritt, der beinahe folgerichtig wirkt: Nach Jahren der Inszenierung und Begegnung folgt die Verdichtung im geschriebenen Wort.

Was bleibt, ist eine Kirche, die für viele zu einem Ort geworden ist, an dem man auch mit wenig Glauben kommen konnte – und trotzdem etwas fand. Oder, wie Schwarze es selbst formuliert hat: der Versuch, „Gestaltungsformen zu finden, in denen sich Menschen mit religiösem Restinteresse wiederfinden“.