Cellokonzert
Der Drang, die Grenzen des alltäglichen Ichs zu überschreiten, scheint so alt zu sein wie die Menschheit selbst. In der Ekstase – auch als Verzückung zu verstehen – tritt das Ich aus seinen gewohnten Bahnen heraus. Vergangenheit und Zukunft treten zurück; der Mensch befindet sich in einer ausgedehnten Gegenwart.
(nach Benedikt Sarreiter: Ekstasen der Gegenwart)
Ein solcher ekstatischer Zustand – jenseits von Zeit und Ich – spiegelt sich auch in der Musik Hildegards von Bingen wider. Ihre Kompositionen werden oft als archaisch und zugleich lichtvoll beschrieben: Archaisch durch einfache Melodien und klare Strukturen, lichtvoll durch ihre spirituelle Tiefe. Ihre Gesänge wirken erhebend und transzendent – wie ein Licht, das die Seele durchdringt.
Licht gilt in diesem Zusammenhang als Metapher für göttliche Inspiration und Erleuchtung – ein Symbol für das Wirken der göttlichen Gegenwart.
Das Programm verbindet alte Gesänge Hildegards von Bingen – von Christina Meißner für Cello solo arrangiert – mit neuen Werken von John Palmer. Diese zeitgenössischen Kompositionen sind Hildegard gewidmet und kreisen thematisch um das Licht.
Die Musik entfaltet dabei eine große emotionale Spannweite – von asketischer Schlichtheit bis zu dramatischer Intensität. Sie hat eine theatralische Dimension: Licht wird zur Brücke – zwischen Berührung und Transformation.
John Palmers Lux-Tetralogie (2022-2025)
Die Lux-Tetralogie umfasst vier Kompositionen, die ihre Inspiration aus den Visionen der mittelalterlichen Mystikerin Hildegard von Bingen (1098-1179) schöpfen. Das Thema dieser Trilogie ist der Begriff des Lichts: Lux Vivens (2022), Lux Ardens (2023) Lux Serena (2024) und Lux Obscura (2025).
Diese Stücke tauchen in unterschiedliche, aber doch eng miteinander verbundene symbolische Bereiche einer Reise ins Licht ein:
Lux Vivens erforscht das Licht als pulsierendes Wesen des Lebens;
Lux Ardens verkörpert eine furchteinflößende und glühende Kraft, die an lodernde Flammen erinnert;
Lux Obscura gebiert sich aus der Erfahrung der Dunkelheit als notwendige Bedingung, die zum Licht und zur Ektase führt;
Lux Serena beschließt die Trilogie mit einer Art klanglicher Kontemplation, die sich in die Ambivalenz von Klängen vertieft, die an der Schwelle der Hörbarkeit artikuliert sind.
Beauftragt von Christina Meißner, sind alle diese Werke ihr gewidmet.