Propstei Lübeck

Der Brandanschlag in der Hafenstraße: 30 Jahre danach

Lübeck. Der Brandanschlag auf eine Asylbewerberunterkunft in der Lübecker Hafenstraße gehört zu den gravierendsten Ereignissen der jüngeren Stadtgeschichte. In der Nacht zum 18. Januar 1996 sterben zehn Menschen bei einem Feuer in dem Gebäude. Auch 30 Jahre später ist der Anschlag nicht aufgeklärt.

Das dreistöckige Haus in der Hafenstraße 52 war von Asylbewerbern bewohnt, vor allem von Geflüchteten aus afrikanischen Ländern, die vor Krieg und Gewalt geflohen waren. Ein Gedenkstein auf der gegenüberliegenden Straßenseite erinnert heute an die Opfer. „Sie waren nach Deutschland gekommen, um hier Schutz zu finden“, heißt es in der Inschrift.

Zehn Menschen sterben bei dem Feuer

In der Brandnacht befinden sich 48 Menschen im Haus. Die meisten schlafen, als kurz nach drei Uhr Feuer ausbricht. Zehn Bewohnerinnen und Bewohner kommen ums Leben. Die Ermittlungen ergeben früh, dass es sich um Brandstiftung handelt.

Täter bis heute nicht ermittelt 

Vier junge Männer aus Mecklenburg-Vorpommern werden zunächst festgenommen. Sie werden der rechten Skinhead-Szene zugeordnet und hielten sich in Tatortnähe auf. Der Verdacht eines rechtsradikalen Anschlags steht im Raum. Die Verdächtigen werden jedoch wieder freigelassen, da die Beweislage aus Sicht der Justiz nicht ausreicht. Einige Wochen später legt ein damals 20-Jähriger aus Grevesmühlen ein Geständnis ab, das er kurze Zeit später widerruft. Weitere Ermittlungsansätze führen nicht zum Erfolg. Bis heute wurde niemand für den Anschlag verurteilt.

Flüchtlingsbeauftragte: Eine offene Wunde 

Elisabeth Hartmann-Runge, heute Flüchtlingsbeauftragte des Kirchenkreises Lübeck-Lauenburg, erinnert sich an die Nachricht vom Brand. „Ich war damals Pastorin in Norderstedt und hörte morgens im Radio, was in Lübeck geschehen war.“ Das Geschehen im Kontext vieler anderer rassistischer Anschläge in jenen Jahren habe sie seither stark beschäftigt. Für sie sei klar, dass der Anschlag nicht in Vergessenheit geraten dürfe. „Natürlich ist dieses Thema dieser schönen Stadt unangenehm – vor 30 Jahren ebenso wie heute, aber Gedenken und Erinnerung sind wir den Opfern, den Überlebenden und allen Angehörigen schuldig! Dass die Tat bisher nicht aufgeklärt wurde, ist wie eine offene Wunde. “

Hartmann-Runge sieht auch einen Bezug zur Gegenwart: „Menschenverachtung und Fremdenhass sind sehr verbreitet und werden durch den migrationsfeindlichen politischen Diskurs geschürt.“ Die  Auseinandersetzung mit Rassismus müsse deshalb immer wieder neu eingefordert werden.

Lübeck erinnert an die Brandnacht 

Anlässlich des 30. Jahrestages wird in Lübeck mit einer Reihe von Veranstaltungen an den Brandanschlag erinnert. Am 17. und 18. Januar fanden eine Demonstration und eine Gedenkfeier statt. Am 24. Januar 2026 wird der Film „Tot in Lübeck“ im Geschichtserlebnisraum Roter Hahn gezeigt. Im Februar bringt das Theater Lübeck das Schauspiel „Hafenstraße“ erneut auf die Bühne.

Initiative drängt auf Aufklärung

Parallel dazu richtet sich der Blick erneut auf die ungeklärten Fragen. Die Initiative Hafenstraße96 hat die norddeutschlandweite Kampagne #zeitzureden gestartet. Ziel ist es, zur Aufklärung des Brandanschlags in der Lübecker Hafenstraße 52 vom 18. Januar 1996 beizutragen. „Mit der Kampagne #zeitzureden sollen Menschen erreicht werden, die über Wissen zum Brandanschlag oder zu den Tätern verfügen – Wissen, das bei den damaligen Ermittlungen entweder nicht bekannt war oder nicht berücksichtigt wurde“, erklärt die Initiative. 

Pröpstin: Das Schweigen brechen 

Unterstützung kommt auch von Lübecks Pröpstin Petra Kallies: „Es wäre so sehr wünschenswert, dass Menschen, die vielleicht Kenntnisse haben und bis heute geschwiegen haben, ihr Schweigen brechen und endlich zur Aufklärung beitragen würden. Dass macht Tote zwar nicht wieder lebendig, aber es hilft, Angehörigen und betroffenen Personen Frieden finden zu können.“