„Der Glaube als Zumutung“: Zum Tod von Pastor Thomas Baltrock
Lübeck. Der Lübecker Pastor Thomas Baltrock ist nach schwerer Krankheit im Alter von 64 Jahren verstorben. Die Trauerfeier findet am 24. April ab 11 Uhr in St. Aegidien statt. Ein Nachruf.
Gegen die Leichtigkeit des Glaubens: Ein Nachruf
Mit dem Tod von Thomas Baltrock verliert die Lübecker Kirche einen Menschen, der sich den gängigen Zuschreibungen entzog – ein Theologe von eigensinniger Prägung. Ein Intellektueller im besten Sinne des Wortes. Ein Prediger, der das Wagnis des Gedankens nie scheute.
Am 9. November 1961 geboren und aufgewachsen im norddeutschen Glücksburg, führte ihn sein Weg über das Fördegymnasium in die theologischen Fakultäten und Zentren von Bonn, Rom und Kiel – und von dort in jene Zwischenräume, in denen sich Denken und Glauben erst wirklich bewähren.
Eine prägende Wegmarke war seine Zeit bei dem Jesuiten Friedhelm Mennekes an der Kunststation St. Peter in Köln. Hier verband sich in ihm, was fortan sein theologisches Profil bestimmen sollte: eine strenge, intellektuell durchdrungene Frömmigkeit, die sich weder vor der Zumutung des Fremden noch vor der Schönheit des Komplexen fürchtete. Baltrock war kein Theologe der Vereinfachung. Er glaubte nicht an die Niedrigschwelligkeit als kirchliches Ideal, sondern an die Anziehungskraft des Anspruchs – daran, dass gerade das Herausfordernde Menschen neu für Glauben und Kirche öffnen kann.
Ein streitbarer Anfang im kirchlichen Dienst
Sein Weg in den kirchlichen Dienst begann in Lübeck, wo er nach seinem Vikariat an St. Marien und St. Petri zunächst als ebenso begabter wie streitbarer Pastor auffiel. Früh wurde ihm attestiert, ein „anspruchsvoller und origineller Prediger“ zu sein – eine Charakterisierung, die sich wie ein Leitmotiv durch sein Wirken zog. Baltrock war, gerade in jungen Jahren, ein enfant terrible der Lübecker Kirche: provokant, bisweilen schroff, nicht selten auch Anlass für Konflikte. Doch gerade an dieser Reibung entzündete sich etwas, das über bloße Kontroverse hinausging: die existenzielle Frage nach Wahrheit, nach Tiefe, nach dem Ernst des Glaubens.
Die damaligen Auseinandersetzungen – bis hin zur ausbleibenden Übernahme in den Pfarrdienst – markieren eine biographische Zäsur, aber keineswegs ein Verstummen. In den folgenden Jahren wirkte Baltrock freiberuflich, hielt Vorträge, gab Kurse in Philosophie und Theologie, erschloss sich und anderen jene Denklandschaften, die ihm vertraut waren, die scholastische Tradition, vor allem aber die antike Philosophie und die frühe Christenheit. Es war diese Rückbindung an die Ursprünge, die sein Denken prägte – und die ihm zugleich einen scharfen Blick für die Gegenwart verlieh.
Petra Kallies, ehemalige Pröpstin in Lübeck, erinnert sich: „Ich bin – leider viel zu selten – zu Thomas Baltrock in den Gottesdienst gegangen. Aber wenn, dann bin ich hinterher jedes Mal ein bisschen schlauer rausgegangen bin, als ich reingekommen bin. Es hat mich tief beeindruckt - diese Belesenheit, dieses Wissen.“
Ankommen und Wirken in St. Aegidien
Seit 2003 war Thomas Baltrock schließlich Pastor an St. Aegidien – ein Ort, der ihm zur geistigen Heimat wurde und an dem sich sein Wirken konsolidierte, ohne an Tiefe zu verlieren. Manche Weggefährten meinten, er sei ruhiger geworden, zugänglicher vielleicht. Doch blieb er sich im Kern treu. Ein Theologe, der aus der Regelmäßigkeit des Kirchenjahres lebte, aus der disziplinierten Lektüre der Heiligen Schrift (nicht selten im Urtext) und aus einer geistigen Strenge, die nicht asketisch, sondern leidenschaftlich war.
Petra Kallies beschreibt auch diese spätere Phase mit feiner Beobachtung:
„Ich hatte das Gefühl, dass es ihn mitunter verwirrte, wenn Kolleginnen und Kollegen das, was er im Geistlichen Ministerium, dem Konvent der Lübecker Pastor:innen, einbrachte, richtig gut fanden. Als hätte er sich selbst längst anders eingeordnet. Das fand ich ganz berührend anzusehen.“
Baltrock blieb zeitlebens eine Randfigur im besten Sinne: einer, der nicht im Mainstream aufging, der Distanz hielt, wo andere sich allzu schnell einrichteten. Und gerade darin lag seine Bedeutung. Denn eine Kirche, die nur das Bekannte reproduziert, verliert ihre Tiefe. Thomas Baltrock hingegen erinnerte daran, dass Glaube immer auch ein intellektuelles Abenteuer ist – ein Ringen mit Texten, Traditionen und Gedanken, das nie abgeschlossen ist.
Das Engagement für die Jannaschs
Seit Ende der 1990er-Jahre engagiert sich die Kirchengemeinde St. Aegidien im Gedenken an das Pastorenpaar Jannasch. Im Schatten des Zweiten Weltkriegs bewahrte der Pastor Wilhelm Jannasch gemeinsam mit seiner Frau Elisabeth politisch und religiös Verfolgte vor der Deportation. Sie versteckten Jüdinnen und Juden vor den Nationalsozialisten, ermöglichten Fluchten und setzten damit ihr eigenes Leben aufs Spiel. Dass diese Geschichte nicht im Dunkel des Vergessens verbleibt, sondern als Zeugnis mutigen Handelns erinnert wird, ist dem beharrlichen Engagement der Kirchengemeinde und auch Thomas Baltrock zu verdanken.
Ein besonderes Anliegen war Thomas Baltrock die erinnernde Vergegenwärtigung gelebter Zivilcourage in dunkler Zeit. Gemeinsam mit dem Historiker Hansjörg Buss widmete er sich intensiven Recherchen zur Geschichte des Lübecker Ehepaars Jannasch. Baltrock war dabei die treibende Kraft hinter dem Bestreben, die internationale Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem darum zu bitten, Wilhelm und Elisabeth Jannasch als „Gerechte unter den Völkern“ anzuerkennen.
Thomas Baltrocks Tod nach schwerer Krankheit reißt eine Lücke. Nicht nur, weil mit ihm ein außergewöhnlich gebildeter Theologe geht, sondern weil mit ihm eine Stimme verstummt, die den Mut hatte, zu widersprechen, zu fordern, zu irritieren – und gerade dadurch Menschen neu zu erreichen.
Thomas Baltrock hinterlässt seinen langjährigen Lebensgefährten Ulrich Gebauer, mit dem er über drei Jahrzehnte eine tiefe gegenseitige Verbundenheit teilte.
Die Lübecker Kirche verliert mit ihm einen ihrer eigenwilligsten Denker. Und vielleicht ist es gerade diese Eigenwilligkeit, die bleiben wird: als Erinnerung daran, dass der Glaube nicht nur Trost ist, sondern auch Zumutung – und dass beides untrennbar zusammengehört.