Propstei Lübeck

Der Hüter der Monduhr im Dom zu Lübeck

Lübeck. Ein Ehrenamt hält jung – dafür ist Andreas Groth der beste Beweis. Der 83-jährige Senior-Chef des gleichnamigen Papierhauses in der Lübecker Innenstadt geht jeden Morgen in den Dom zu Lübeck, um die historische Monduhr aufzuziehen. Auch am Abend wird sie aufgezogen – dann übernimmt ein Küster. 

Andreas Groth wurde am Tage nach Palmarum 1942 mitten in den Trümmern der Altstadt geboren. Vielleicht fühlt er sich auch deshalb so eng mit Lübeck und besonders mit dem Dom verbunden. Doch es gibt noch einen weiteren Grund: „Ich stamme aus einer Familie von Buchbindern. Mein Urgroßvater hat von 1857 bis 1858 die historische Bibel eingebunden, die heute im Dom in einer Glasvitrine ausgestellt ist. Er war Buchbindemeister – diese Bibel war sein Meisterstück.“ 

Täglicher Weg zur historischen Uhr 

Auch familiäre Erinnerungen führen zurück in die Geschichte des Doms: Seine Urgroßeltern wurden 1858 vom damaligen Dom-Pastor Zietz getraut.  „Für mich ist es eine große Ehre, auf die Uhr aufzupassen, sie zu pflegen und zu hegen“, sagt der rüstige Senior. Immer wieder sprechen ihn Besucher an, und Andreas Groth erklärt ihnen geduldig die Besonderheiten der Monduhr. „Die Menschen sind oft richtig begeistert“, erzählt er. Überhaupt ist der Senior ein kommunikativer Mensch. Für seine ehrenamtlichen Kolleginnen und Kollegen hat er stets einen Scherz parat, für Kirchenbesucher ein freundliches Wort – besonders für diejenigen, die eine Kerze anzünden oder sich für die Geschichte des Doms interessieren.  

Handarbeit im „Uhrenhäuschen“  

Täglich steigt Andreas Groth die Treppe zum Lettner hinauf zum kleinen Kabäuschen, in dem sich das Uhrwerk befindet. Drei Mechanismen müssen dort von Hand aufgezogen werden: der Minutenzeiger, danach der Viertelstundentakt und schließlich das Werk für die vollen Stunden. Zwischendurch wechselt der Senior immer wieder von der rechten zur linken Hand. „Da kommen schon über 150 Umdrehungen zusammen“.  

Die Augen der Sonne

Wer sich im „Uhrenhäuschen“ umsieht, entdeckt zwei kugelförmige Elemente. „Das sind die Augen der Sonne“, erklärt Andreas Groth. „Sie bewegen sich im Takt des Pendels – nur wer genau hinschaut, kann das erkennen.“ Für ihn ist das ein kleiner Scherz der Erbauer: „Vielleicht sollen es Gottes Augen sein, die uns beobachten“. Auch der Tod spielt eine Rolle im Mechanismus – ein eigenes Uhrwerk lässt ihn eine Sanduhr drehen. 

„Möglicherweise will er uns damit sagen, dass wir noch Zeit zum Leben haben“, meint Andreas Groth. Zu den Stundenschlägen schüttelt der Tod mit seinem Kopf und scheint zu sagen: „Ihr lieben Leute da unten, ich will Euch noch nicht holen“. An einer Stelle der Konstruktion ist außerdem eine eingeritzte Jahreszahl zu entdecken: 1648: „Vermutlich hat sich hier jemand verewigt – 20 Jahre nach der Inbetriebnahme der Uhr 1628." Nachdem alle Uhrwerke aufgezogen sind, prüft Andreas Groth, ob alles ordnungsgemäß läuft. Anschließend notiert er die Temperatur im Kalender. „Heute sind es 13 Grad Celsius plus Luftfeuchtigkeit 62 – das ist in Ordnung.“ 

Zum Abschluss liest er aus dem Buch „Die Losungen für junge Leute“ die Tageslosung – für sich selbst, oder auch für Besucher. 

Ehrenamt als Herzenssache

Was bedeutet ihm dieses Engagement? „Ich sehe mich schon ein bisschen als Vorbild“, sagt Andreas Groth. „Vielleicht bekommen andere Lust, sich ebenfalls ein Ehrenamt zu suchen.“ Vor allem aber sei es schön, so lange mit dieser Kirche verbunden zu sein und zu ihrem Erhalt beizutragen – in seinem Fall ganz besonders zur Pflege der Monduhr.  Wer sich ebenfalls ehrenamtlich im Dom engagieren möchte, kann sich per E-Mail an info@domzuluebeck.de wenden. Auch die anderen Kirchengemeinden der Lübecker Innenstadt freuen sich über Unterstützung: zentralbuero@innenstadtkirchen-luebeck.de

Die Geschichte der Monduhr  

Die astronomische Monduhr im Lübecker Dom stammt aus den Jahren 1627-1628 und ist damit fast 400 Jahre alt. Sie zeigt den Lauf des Mondes mit einer Mondphasenkugel und besitzt ein Ziffernblatt, auf dem in den Ecken die vier Evangelisten dargestellt sind.  Bemerkenswert ist die besondere Zeigerstellung: Der Minutenzeiger – die Uhr gehört zu den frühesten öffentlichen Uhren mit Minutenanzeige – zeigt zur vollen Stunde senkrecht nach unten, zur halben Stunde senkrecht nach oben, zur Viertelstunde waagerecht nach links und zur Dreiviertelstunde waagerecht nach rechts. Diese Anordnung entspricht der historischen Einteilung des Ziffernblatts mit einem eigenen Viertelstundenring innerhalb des Stundenrings.  

Die Monduhr ist Teil des berühmten Lettners im Dom zu Lübeck, der 1477 von dem Künstler Bernt Notke geschaffen wurde und zu den bedeutenden Kunstwerken der Kirche gehört. Die Lettner-Uhr symbolisiert mit den Figuren Tod und Glauben die kurze Spanne,  das eine Menschenleben währt, mit dem Psalmwort 90, 12: „Lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden“.