Haltung, Herz und Weitblick: Pröpstin Petra Kallies geht in den Ruhestand
Man kann ein Amt ausfüllen. Oder man kann es prägen. Am 19. April 2026 wird in St. Petri zu Lübeck Pröpstin Petra Kallies in den Ruhestand verabschiedet – und mit ihr geht eine, die Kirche in der Hansestadt über viele Jahre hinweg mitgestaltet hat: verlässlich, klar und nah an den Menschen.
Wer ihr begegnet, merkt schnell: Hier spricht jemand, der die Dinge gern auf den Punkt bringt – und gleichzeitig gut zuhören kann. Eine, die Haltung zeigt, ohne sich in den Vordergrund zu stellen. Für sie selbst lässt sich ihr Anliegen in einer Frage bündeln, die sie lange begleitet hat: „Mich bewegt die Frage, wie sich gelebte Spiritualität im Alltag und praktisches diakonisches Engagement verbinden lassen.“
Glaube ist nie etwas Abgehobenes gewesen
Dieser Gedanke zieht sich durch ihren Weg. Der Glaube ist für sie nie etwas Abgehobenes gewesen, sondern immer verbunden mit dem, was im Alltag zählt. Geprägt hat sie dabei auch die Spiritualität von Taizé, die sie schon früh kennengelernt hat. Ebenso wichtig ist ihr bis heute die Ökumene: „Dabei sollen theologische Unterschiede nicht verwischt, sondern in einem kritischen, offenen Dialog diskutiert werden.“
Geboren 1963 in Lübeck, ist sie ihrer Stadt immer verbunden geblieben. Nach dem Theologiestudium in Hamburg und ersten Stationen in der Gemeindearbeit wurde sie 1994 ordiniert. Es folgten viele Jahre als Pastorin in Lübeck – zunächst in der Bodelschwingh-Gemeinde, später in der Luther-Melanchthon-Gemeinde. Seit 2008 ist sie Pröpstin der Propstei Lübeck, ihre Predigtstätte ist St. Marien.
Ihr theologisches Denken ist dabei weit gespannt: „Anregungen suche ich gerne bei Paulus, in der mittelalterlichen Mystik, bei Martin Luther, bei Dietrich Bonhoeffer und Dorothee Sölle.“ Diese Vielfalt spiegelt sich auch in ihrer Arbeit wider – in Predigten ebenso wie in Gesprächen und Entscheidungen.
Kirche muss sich verändern
Dass Kirche sich verändert – und verändern muss –, hat Petra Kallies immer deutlich benannt: „Die große Herausforderung sehe ich darin, in einer sich verändernden Welt – und mit weniger Finanzmitteln – lebendige und einladende Kirche zu sein.“ Und weiter: „Gegründet in den Traditionen unseres christlichen Glaubens. Dabei flexibel und neugierig im Umgang mit neuen, auch digitalen, Formaten.“
“Ich konnte mich jederzeit auf sie verlassen”
Wie sich das konkret anfühlt, beschreiben Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter aus unterschiedlichen Kontexten. Frauke Eiben, langjährige Pröpstin im Herzogtum Lauenburg, spricht von einer Kollegin, „auf die ich mich in jeder Situation verlassen konnte“ – klar, strukturiert, mit Humor.
Antje Peters-Hirt, Initiatorin zahlreicher kultureller, sozialer und politischer Projekte in der Hansestadt und langjähriges Mitglied des Kuratoriums von St. Petri zu Lübeck, erinnert sich bei Petra Kallies an eine „unprätentiöse Gelassenheit“, verbunden mit Geradlinigkeit und einem feinen Augenzwinkern. Ralf Nagel, Stiftungsratsvorsitzender von 7Türme+, hebt hervor, wie viel Geduld und Ausdauer Petra Kallies in ihre Arbeit eingebracht hat: „Langmut“ nennt er das – die Fähigkeit, Dinge voranzubringen, ohne den Blick für die Menschen zu verlieren.
“Sie steht für eine Kirche, die sich einmischt"
Auch über die Kirche hinaus ist das wahrgenommen worden. Olivia Kempke, Geschäftsführerin des Lübeck Managements, beschreibt Petra Kallies als eine, die „für eine Kirche steht, die Haltung zeigt und sich einmischt – klar, menschlich und nah an den Themen der Zeit.“ Sie habe früh erkannt, dass Kirche sich verändern müsse, dabei aber doch immer „den Menschen im Zentrum“ behält. Gemeinsame Projekte bleiben in Erinnerung: der Einsatz für ein weltoffenes Lübeck, deutliche Positionen gegen Extremismus oder Formate wie „Eine Stadt feiert Erntedank“. „Kirche mitten auf dem Markt, mitten im Leben“, beschreibt Kempke.
Und nun? Der Ruhestand ist kein Bruch, sondern eher ein neuer Rhythmus. Mehr Zeit für den Garten, für Reisen, für Musik und Bücher – für das, was bisher oft zwischen Terminen lag. Was bleibt, ist vieles von dem, was Petra Kallies angestoßen hat – in Gemeinden, in Begegnungen, in Ideen. Oder, wie Frauke Eiben es formuliert: „Dass sie beim Abschied spürt, wieviel von dem, was sie auf den Weg gebracht hat, gut geworden ist.“