Hinschauen und Haltung zeigen: Mehr als 500 Menschen auf dem Kreuzweg
Lübeck. Rund 1650 Meter durch die Lübecker Altstadt – und doch ein Weg, der weit darüber hinausweist: Beim 21. Ökumenischen Kreuzweg (3. April 2026) haben sich auch in diesem Jahr zahlreiche Vertreterinnen und Vertreter aus Kirche, Politik und Gesellschaft auf den Weg gemacht. Insgesamt beteiligten sich mehr als 500 Menschen an der Karfreitags-Prozession.
“Machtspiele” im Fokus des Kreuzwegs
Vom Start an St. Jakobi zu Lübeck bis hinauf zum historischen Jerusalemsberg wurde der Leidensweg Jesu unter dem Titel „Machtspiele“ mit aktuellen Erfahrungen von Ohnmacht, Gewalt und Hoffnung in Verbindung gebracht. Besonders sichtbar wurde dabei: Der Kreuzweg ist ein offenes Zeichen für die Stadt. Bürgerinnen und Bürger – unabhängig von Konfession oder religiöser Bindung – konnten sich beteiligen und das Kreuz auf einzelnen Abschnitten des Kreuzwegs selbst tragen.
Für die geistlichen Impulse standen Kirsten Fehrs, Bischöfin im Sprengel Hamburg-Lübeck der Nordkirche, und Stefan Heße, Erzbischof des katholischen Erzbistums Hamburg. An den fünf Stationen beteiligten sich zudem Stimmen aus Gesellschaft und Politik, darunter die Landtagsabgeordnete Anette Röttger, Bundeswehr-Oberst Frank-Eckhard Brandsowie die Klimaaktivistin Sophia Marie Pott. “Karfreitag ist der Tag der Ohnmacht und alles scheint verloren. Ostern wird diese Ohnmacht überwunden.”
Der Kreuzweg griff bewusst die Spannungen der Gegenwart auf. Pröpstin Petra Kallies verwies auf die wachsende Verunsicherung vieler Menschen: „Es kostet sie momentan sehr viel Kraft, diesen ‚Machtspielen‘ Zuversicht und Hoffnung entgegenzusetzen.“ Auch Propst Christoph Giering betonte die Aktualität: „Wir werden immer häufiger Zeitzeugen für die Machtspiele der Großen, die ihre Mittel drastisch einsetzen.“
Eindringlicher Impuls von Bischöfin Fehrs
Am Jerusalemsberg, dessen Hügel bereits im 15. Jahrhundert als Nachbildung der Kreuzigungsstätte Jesu aufgeschüttet wurde, fand der Kreuzweg seinen eindrücklichen Abschluss. Dort erinnerte Bischöfin Fehrs daran, wie gegenwärtig das Leiden ist:
„Brutale Gewalt kann Widerstand brechen. Kann Menschen lähmen und verzweifeln lassen. Damals und heute.“
Mit Blick auf die täglichen Nachrichten aus Krisenregionen weltweit sagte Bischöfin Fehrs: „Wir haben es jeden Tag vor Augen – auf all den Kanälen, die unsere Seelen verdunkeln. Die Trauer und das Entsetzen all derer, deren Kinder, Partner, Eltern verfolgt, gefoltert und ermordet werden.“
Der Kreuzweg sei deshalb mehr als ein Ritual: „Der Kreuzweg geht den Weg des leidenden Jesus Christus nach – und wir sind mitgegangen. Das ist so wichtig in dieser Zeit, in der Mitmenschlichkeit und Mit-Leid als lächerlich diskriminiert werden.“
Kirsten Fehrs: “Nicht wegzappen!”
Fehrs rief dazu auf, nicht wegzusehen: „Nicht das Weite suchen, nicht wegzappen. Hinsehen. Heute, an Karfreitag, in ganz besonderer Weise.“ Es dürfe keine Gewöhnung geben an Krieg, Zerstörung und Gewalt: „Das vergossene Blut klagt die Mächtigen an: Sucht Wege zu einem gerechten Frieden.“
Zugleich verband die Bischöfin den Blick auf das weltweite Leid mit einer klaren Verantwortung vor Ort. Angesichts wachsender Hetze gegenüber Geflüchteten sagte sie: „Es kommt auch auf uns an, Rückgrat zu zeigen.“ Und sie erinnerte an die Bedeutung demokratischer Freiheit: „Was für ein unfassbares Glück, in einem Rechtsstaat zu leben – und zugleich: was für eine große Aufgabe, diese Freiheit zu erhalten.“