Historische Barockorgel aus der Lübecker Briefkapelle geht auf Reisen
Lübeck. “Gut Ding will Weile haben.” Dieses alte Sprichwort passt gut zur Restaurierung der kleinsten Orgel in Lübecks Innenstadtkirchen: Nach 16 Jahren Vorbereitung wurde die Briefkapellenorgel von St. Marien abgebaut, in einen Transporter verladen und auf den Weg nach Landshut gebracht. Dort wird Orgelbauer Christoph Weber mit seinem Team das historische Instrument behutsam restaurieren.
Instrument für die Zukunft erhalten
Ziel ist es, die ursprüngliche Substanz der Barockorgel wieder stärker zur Geltung zu bringen und dieses besondere Instrument für die Zukunft zu erhalten. Vor der weiten Reise unterzeichneten St.-Marien-Pastor Robert Pfeifer, Kirchenmusikdirektor i. R. und Orgelbausachverständiger Hans-Martin Petersen sowie Orgelbauer Christoph Weber den Restaurierungsvertrag in der Briefkapelle.
Für Marienorganist Johannes Unger, der besonders gern auf der kleinen Orgel spielt, ist das ein besonderer Tag: “Nach Jahren mit Gutachten, Besprechungen, der guten Zusammenarbeit mit der Lübecker Denkmalpflege, der Ausschreibung und dem Einwerben von Spendengeldern ist es endlich so weit. Die Orgelbaufirma wird die Briefkapellenorgel weitestgehend in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzen.” Die Kosten für die Restaurierung belaufen sich auf rund 280.000 Euro.
Zurück zu den barocken Wurzeln
Die Briefkapellenorgel zählt zu den ältesten Orgeln, die in Lübecks Innenstadtkirchen künftig wieder erklingen werden. Sie stammt aus dem Jahr 1723 und stand ursprünglich in der Schlosskapelle Dönhoffstädt in Ostpreußen. In den 1930er-Jahren gelangte sie durch die Orgelbaufirma Kemper nach Lübeck. Zunächst fand sie ihren Platz in St. Katharinen, später in der Briefkapelle der St.-Marien-Kirche.
“Durch die Umbauten der Firma Kemper sieht sie heute ganz anders aus, als sie ursprünglich gebaut wurde”, erklärt Johannes Unger. Dank ihrer Balganlage kommt die Orgel ohne Strom aus. Nach dem Zweiten Weltkrieg war sie deshalb eine der wenigen Orgeln, die noch bespielt werden konnten. Bei dem Instrument handelt es sich um eine sogenannte Brüstungsorgel. Ursprünglich waren die Tastatur und die Registerzüge an der Rückseite angebracht.
Im Laufe der Zeit wurden zudem von Holzwürmern beschädigte Holzteile teilweise durch Spanplatten ersetzt. Auch die Anordnung der Pfeifen könnte ursprünglich anders ausgesehen haben. “Wir gehen davon aus, dass die Front einst anders gestaltet war. Leider fehlen uns dazu historische Daten”, sagt Unger. Rund 30 Prozent der Orgelpfeifen wurden von der Firma Kemper ersetzt.
Aufwendige Arbeit für ein besonderes Instrument
“Wir sind eine ganz kleine Orgelbaufirma, aber auf historische Orgeln spezialisiert”, sagt Christoph Weber. Für seinen letzten Auftrag war er in Italien, wo er eine norditalienische Orgel antiquarisch restaurierte. Nun ist er ganz gespannt darauf, die Lübecker Briefkapellenorgel wiederherzustellen: “Wir sind sehr stolz und freuen uns auf dieses besondere Projekt.”
Um dem ursprünglichen Zustand möglichst nahe zu kommen, wollen Weber und sein Geselle auch nach Litauen reisen, in die Grenzregion zu Polen, dem einstigen Ostpreußen. “Hier sind vielleicht noch Orgeln im Stil der Briefkapellenorgel zu finden – beim Abbau sind einige Fragen aufgetaucht”, berichtet der Orgelbaumeister. Deshalb werde er in engem Kontakt mit der St.-Marien-Kirchengemeinde bleiben, um die einzelnen Arbeitsschritte abzustimmen.
Keine Fotos vom Original
Bei der Restaurierung werden die Registerzüge neu gebaut und an der ursprünglichen Position angebracht. Die von Kemper eingesetzten Orgelpfeifen sollen ersetzt und der Spieltisch samt Tastatur wieder nach hinten versetzt werden. Zwei Register, die im Laufe der Zeit verloren gegangen sind, müssen ebenfalls nachgebaut werden. Ein Register steuert jeweils eine Reihe von Orgelpfeifen an. Darüber hinaus wird die Orgel gründlich gereinigt. Schäden durch Schmutz, Schimmel und Staub werden beseitigt, Spanplatten durch echtes Holz ersetzt. Auch der Motor, die Windversorgung und die Mechanik werden erneuert.
Wie das Instrument ursprünglich aussah, lässt sich heute allerdings nicht mehr genau sagen. “Von dieser Orgel gibt es keine alten Abbildungen, nur Schriftstücke”, erläutert der Orgelbausachverständige Hans-Martin Petersen. Deshalb liegt derzeit nur der Zustand vor, den die Umbauten der Firma Kemper hinterlassen haben. Da auch die ursprüngliche Farbgestaltung nicht eindeutig belegt ist, soll die Orgel äußerlich weitgehend so bleiben, wie sie heute aussieht.
Spurensuche in Ostpreußen
Möglicherweise führt die Restaurierung auch zu neuen Erkenntnissen über die Herkunft des Instruments. “Vielleicht findet Christoph Weber in Litauen Hinweise auf den ursprünglichen Zustand”, hofft Petersen. In der Region wirkte einst der bedeutende barocke Orgelbaumeister Johann Josua Mosengel (1663–1731), von dem auch die Briefkapellenorgel stammen könnte. Mosengel baute 1728 die monumentale Hauptorgel für den Königsberger Dom. Sie wurde im Zweiten Weltkrieg vollständig zerstört. Von seinen rund 40 Orgeln sind viele nicht erhalten geblieben.
“Die Briefkapellenorgel könnte Teil eines dieser Meisterwerke sein. Beweisen lässt sich das bislang leider nicht”, sagt Petersen. Auch St.-Marien-Pastor Robert Pfeifer freut sich darauf, die Restaurierungsarbeiten vor Ort zu verfolgen. Er plant bereits einen Gemeindeausflug nach Landshut: “Ich freue mich sehr, dass die Orgel nun restauriert wird, und schaue mir dann gern die Fortschritte an. Mit der Restaurierung wird ein wertvolles Zeugnis der Orgel- und Musikgeschichte bewahrt und rekonstruiert.”
2028 soll die Briefkapellenorgel nach Lübeck zurückkehren und wieder in der Briefkapelle für Gottesdienste erklingen.
Briefkapellenorgel: Mit einer Spende helfen
Ein Großteil der Gelder für die Restaurierung kommt von der Possehl-Stiftung, der Sparkassenstiftung, der Dräger Stiftung und der Bluhme-Jebsen-Stiftung. Auch zahlreiche Einzelspender beteiligten sich an der Finanzierung. Noch ist die benötigte Summe allerdings nicht vollständig erreicht. “Wir freuen uns deshalb weiterhin über Spenden”, sagt Johannes Unger.
Wer die Restaurierung unterstützen möchte, kann über die Spendenseite der St.-Marien-Kirchengemeinde einen Beitrag leisten. Als Dankeschön werden alle Spenderinnen und Spender zur Wiedereinweihung der Orgel zu einem Konzert eingeladen, verspricht Kirchenmusiker Johannes Unger.