Lübeck

"Hoffnung" - Die Abschiedspredigt von Petra Kallies

Die Predigt von Petra Kallies anlässlich ihrer Entpflichtung am 19. April 2026 im Wortlaut: 

Liebe Gäste! Liebe Schwestern und Brüder!

Was ist dran, Mitte April 2026 – mal abgesehen von einem Leitungswechsel in der Lübecker Kirche? Was bewegt Sie und Dich und mich wirklich – am Ende des Tages?

Ich lese: die Menschen stumpfen ab. Gleichgültigkeit greife um sich, angesichts der täglich immer neuen Bilder von Gewalt und Zerstörung, angesichts des täglich neuen Unsinns, den einige mächtige Männer von sich geben. Wer will das noch hören? Mich machen diese Kerle aggressiv. Ich stell den Ton ab. Die haben Hausverbot auf meinem Sofa.

Jedoch: Mit Gleichgültigkeit hat das nichts zu tun. Sondern viel mehr mit Ohnmacht. Ich kann die ja nicht einmal abwählen. Ich kann erheblich mehr für den Klimaschutz tun (was die wahre Herkulesaufgabe für die Menschheit ist) als für einen Waffenstillstand im Nahen Osten oder in der Ukraine. Da kann ich genau gar nichts tun.

Ich habe die Lage schon recht gut verstanden: Egomanen regieren derzeit die Welt. Immer neue Details ändern an diesem Wissen nichts. Hinter der vermeintlichen Gleichgültigkeit, liebe Leute, steckt in Wahrheit oftmals Selbstschutz. Wieviel Hoffnungs-, Mut- und Ratlosigkeit verträgt denn unsere Seele? 

Was hilft gegen Resignation? 

Was also ist dran, Mitte April 2026, für uns hier und heute? 

Ich glaube, es ist die Suche, die Sehnsucht, nach Hoffnung. Was hilft gegen die Resignation?

Ich habe uns zwei Bibeltexte mitgebracht, die für mich eine besondere Bedeutung haben.

Der erste: Psalm 23. Der Herr ist mein Hirte. Da schreibt jemand auf, was seinen Glauben ausmacht. Viele von uns haben diese Worte mal im Konfirmandenunterricht auswendig gelernt. … Na gut – auswendiglernen müssen. Ich hab sie mir als Konfirmationsspruch ausgesucht. 

Eigentlich ist dieser Text kein richtiges Gebet; es ist ein Bekenntnis. 

Ich bin, gefühlt, in Gärten aufgewachsen; alle meine Kindheitserinnerungen sind Outdoor-Momente. Der Herr ist mein Hirte, er weidet mich auf einer grünen Aue und führt mich zum frischen Wasser. Damit erquickt er meine Seele. Er bereitet vor mir einen Tisch, im Angesicht meiner Feinde… Alles in der 3. Person singular: „Der Herr ist mein Hirte.“

Ein Satz zieht sich durch mein Leben

In meinem Kopf sehe ich eine üppig gedeckte Tafel auf einer Sommerwiese, weiße Tischdecke, wärmende Luft, und alles unter einem duftenden, blühenden Apfelbaum. Der Herr ist mein Hirte; mir wird nichts mangeln. Dieser Satz und dieses Zutrauen ziehen sich durch mein Leben. Diese Hoffnung.

Ein Satz jedoch ist anders; und aus dem unpersönlichen „Er, der Herr, Gott“ wird plötzlich ein „Du“ – so wie das oft ist bei uns Menschen. Wenn es eng wird, wenn wir Hilfe brauchen, dann suchen wir Nähe; das „Du“. …und ob ich schon wanderte im finsteren Tal… Ich sehe eine enge Kluft zwischen hohen Felswänden, in die kaum Sonnenlicht fällt. Kalt, unheimlich, gefährlich. 

Und ob ich auch wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück. Denn Du, Gott, bist bei mir: Dein Stecken und Stab trösten mich. 

Mit vielen anderen folge ich dem guten Hirten, aber manchmal kann ich ihn in dieser engen, dunklen Kluft, zwischen den kalten Felsen, nicht mehr erkennen. Aber: ich kann den Hirtenstab sehen. Der ist größer als der Schäfer, der ihn in der Hand trägt. Daran kann ich mich orientieren. 

Wo der Stab ist, da ist auch der Hirte.

Der Hirtenstab ist Stütze - und Waffe

Liebe Gemeinde, den Stab trägt der Hirte aber eigentlich nicht als Orientierungshilfe (so wie die Regenschirmchen der Stadtführerinnen und Stadtführer). Der Hirtenstab ist eine Stütze; aber vor allem ist er eine Waffe.

Ein Hirte trägt kein Schwert, keine Lanze. Keine tödlichen Angriffswaffen. Einen Hirtenstab kannst Du nur defensiv einsetzen, als Verteidigung gegen wilde Tiere, die das Leben der Schafe bedrohen.

Und ob ich auch wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück. Denn Du bist bei mir: Dein Stecken und Stab beschützen mich, trösten mich. 

Ich bin nicht allein; Gott ist in meiner Nähe und steht auf meiner Seite, wenn ich angegriffen werde. Immer. Ein Hoffnungsbild für eine manchmal verzagte Seele. You never walk alone.

Es begann in einer etwas chaotischen Situation

Die andere Geschichte, die ich heute dabei habe, stand ganz am Beginn meines Dienstes als Pröpstin. Ich habe dieses Amt ja in einer etwas chaotischen Situation übernommen: 

Die Fusion der damals noch selbständigen Kirchenkreise Lübeck und Lauenburg stand an. Beide Partner waren nicht sonderlich beglückt von dieser Vorgabe der Landeskirche. Beide damaligen Pröpste hatten aus unterschiedlichen Gründen gerade ihr Amt aufgegeben. 

In einem, zugegebenermaßen nicht ganz schlauen Wahlverfahren, sollten zwei noch eigenständige Synoden sich auf neue zwei Propstpersonen einigen. Gemeinsam. Für Lauenburg hat das gut geklappt, für Lübeck leider nicht. Die eine Synode wollte Kandidat A, die andere wünschte sich Kandidat B. Das Wahlverfahren endete ergebnislos. In dieser Situation wurde ich gefragt, ob ich, zunächst übergangsweise, das Amt übernehmen könne.

Die Geschichte von der Sturmstillung

Für meinen Vorstellungsgottesdienst 2008 hatte ich die Geschichte von der Sturmstillung ausgewählt. Sie passte damals gut, in kabbeligen Zeiten – und ich finde, heute tut sie es auch.

Wir haben sie schon gehört.

Ein langer, anstrengender Tag war es gewesen; unermüdlich hatte Jesus Menschen zugehört, Kranke geheilt, Mut zugesprochen. 

Wir alle kennen das irgendwie: am Ende solcher Tage willst Du gar nichts mehr. Du bist platt und möchtest nur noch aufs Sofa. Ruhe und Schlaf. Fertig.

Der engste Jüngerkreis also chartert ein Fischerboot, um den Menschenmassen zu entkommen und um auf die andere Seite des Sees von Genezareth zu fahren. Einige der Jünger waren erfahrene Fischer, sie waren am See und auf dem See aufgewachsen. Sie kannten sich gut aus und wussten auch um die bisweilen dort sehr plötzlich auftretenden starken Fallwinde. „Kein Problem, das haben wir im Griff!“.

Jesus nahm sich ein dickes Kissen und sofort schlief ein. Doch dann, weit weg von allen Ufern, brach ein Sturm los, schlimmer als es jemals einer der Jünger erlebt hatte. So heftig, dass selbst den Erfahrensten von ihnen die Optionen ausgingen. 

Es war wie so oft im Leben: erst in der allergrößten Not fiel ihnen ein, dass Jesus ja bei ihnen war; mit ihnen im Boot saß. Sie rüttelten ihn auf: „Ist es dir denn völlig egal, dass wir hier gleich untergehen?“

Jesus erhob sich, „bedrohte Wind und Wogen“ und zack!: Ruhe. Es entstand eine große Stille. 

Allgemeines Aufatmen. Aber bevor sie mit den Jubelschreien loslegen konnten, von ihm nur dieser eine Satz: „Wo ist euer Glaube?“ 

Ich wüsste zu gern, wie Jesus das gesagt hat: spöttisch? ärgerlich? enttäuscht?...

Ich habe unglaublich viel Schönes erlebt

Im Advent 1994 habe ich „Ja, ich will“ gesagt. 

Bei meiner Ordination habe ich Bischof Kohlwage geantwortet auf seine Frage, ob ich Pastorin sein will und mit meiner Kraft und meinem Glauben Gott und der Kirche dienen will. „Ja, mit Gottes Hilfe!“

In diesen 31 Jahren habe ich unglaublich viel Schönes erleben und tun dürfen, für das ich zutiefst dankbar bin: 

Taufen, Hochzeiten, ja, Beerdigungen auch, Feste, Projekte, Gottesdienste, Gespräche, Begegnungen und kirchliches Engagement in der Gesellschaft. 

Ich bin Gott dankbar – und ich bin Euch und Ihnen für alle Weggemeinschaft dankbar!

Die Krise lief immer mit 

Neben all diesem Wunder-vollen lief von Tag 1 an aber auch ein anderes Thema mit: die Krise. 

Die Zahl der Kirchen-Mitglieder wird stetig kleiner, die Finanzen werden knapper, wir müssen uns von Immobilien und Aufgaben trennen. Und das fällt uns schwer. 

Ich finde uns, zunächst mal uns Kirchenleute, immer wieder in der Geschichte vom Seesturm wieder: 

Wir sind krisenerprobt. Wir haben Erfahrung. Wir reagieren auf die stürmischer werdende See. Es ist nicht so, dass wir tatenlos zusähen. 

Wir entwickeln neue Ideen, wie wir das Evangelium zu den Menschen bringen; auch zu denen, die mit der Tradition fremdeln. 

Denn das ist ja unser einziger Auftrag: Geht hin bis ans Ende der Welt, erzählt von Gott, tauft die Leute und lehrt sie, alles das Kostbare zu bewahren, was Jesus uns gelehrt hat. Unbedingte Nächstenliebe zum Beispiel, und mehr noch: die Feindesliebe…

Uns wirft so schnell nichts aus der Bahn – oder aus dem Boot. Kirche, das Schiff, das sich Gemeinde nennt… Wir glauben ja, wir wissen ja: Gott, Jesus sitzt mit uns im Boot!

Es bleibt stürmisch - und kräftezehrend

Trotzdem reicht es nie, das Boot endlich mal wieder in ruhiges Fahrwasser zu lenken. Es bleibt stürmisch – und damit auf Dauer auch kräftezehrend. Der Druck steigt und manchmal wird der Ton rauher. Vielerorts schwindet der Spaß am Ehrenamt und am Hauptamt auch. 

Und das gilt nun nicht nur für die Kirche, sondern für vieles andere auch. Krisenmodus vielerorts.

Pläne schmieden, Stress loslassen

Vielleicht ist es an der Zeit für eine paradoxe Intervention. Also: etwas tun, was auf den ersten Blick unlogisch erscheint. Sie könnte so aussehen:

Für eine Weile keine Pläne schmieden. Den Stress loslassen. Sich auf Gott ausrichten. 

Die Jünger auf dem Boot kamen an den Punkt, an dem sie erkannten: „mit unsrer Kraft ist nichts getan, wir sind gar bald verloren…“ – Da weckten sie Jesus auf. Sie vertrauten ihm das Boot und ihr Leben an – und taten selbst einen entscheidenden Moment lang gar nichts mehr.

Ich wünsche uns mehr Gottvertrauen

Liebe Schwestern und Brüder, das wünsche ich unserer Kirche: mehr Ruhe, mehr Gelassenheit, mehr Gottvertrauen. Es ist doch nicht unsere Kirche; es ist Gottes Kirche! 

Vielleicht ist es der bessere Weg, für eine Weile weniger in Sitzungen zu sitzen, weniger zu powern. Stattdessen mehr zu schweigen. Gemeinsam. (Wie ging nochmal der uralte Witz? Jemand beklagt sich bei Gott, er bete und bete, aber Gott würde nie antworten. Gott entgegnete: „Ja, wann denn bitteschön? Du lässt mich doch gar nicht zu Wort kommen!“…)

Die Jünger erinnerten sich in der allerhöchsten Not an Jesus - und da sorgte er für Ruhe. Der Sturm hörte auf. Da kamen sie wieder zu Atem, konnten wieder klar denken. 

Das ist Segen – und das ist es, was so viele Menschen sich wünschen in diesen Zeiten. Tempo raus, nicht immer sofort reagieren. Innehalten.

Und wer jetzt meint: „Naja, aber so ist die Welt doch nicht. Gott nimmt uns die Arbeit doch nicht ab!“ – da haben Sie wohl recht. 

Nach dem Sturm auf dem See Genezareth kam die große Flaute. 

Raten Sie mal, wie die mit ihrem Segelboot bei Flaute wieder ans Ufer gekommen sind…

Gottes Friede erfülle Euer Herz! Amen.