Kirchenkreis Lübeck-Lauenburg

"Kirche gegen den Hass": Wenn Glaube Haltung zeigt!

Lübeck. Ein Abend für Haltung und Widerspruch: Am Freitag, 17. April 2026, ab 20 Uhr wird im Dom zu Lübeck das Buch „Kirche gegen den Hass“ vorgestellt. Das Buch soll Kirchengemeinden, haupt- und ehrenamtlich engagierte Menschen stärken, mit alltäglichem Rechtsextremismus umzugehen. Zu der Buchvorstellung in Lübeck – ein Interview mit dem Herausgeber Dr. Sönke Lorberg-Fehring und Joachim Nolte, Rechtsextremismus-Beauftragter des Kirchenkreises. 

Rechtsextremismus im Alltag - ein Interview

"Kirche gegen den Hass" – neu ist diese Aussage ja nicht. Warum bedarf es jetzt dieses Buches?

Dr. Sönke Lorberg-Fehring: Die Situation spitzt sich zu. Ich erlebe an vielen Stellen rechtsextreme Versuche, menschenfeindliche Ansichten in kirchlichen Kontexten zu platzieren. Dabei nehmen die Themen Islam, Migration und kulturelle Deutungshoheit zentrale Positionen ein.

Pauschal gefragt: Wo erleben Sie gerade gesellschaftlich Hass? 

Dr. Sönke Lorberg-Fehring: Wenn die „Christen in der AfD (ChrAfD)“ davon sprechen, dass Jesus zu allererst seine eigenen Leute im Blick hatte und der barmherzige Samariter den Verwundeten nicht selbst gepflegt hat, sondern andere dafür bezahlt hat, dann verkehrt sich für mich an diesen Stellen die biblische Botschaft von der Nächstenliebe in eine neue nationalistische Lesart der Bibel. Darin drückt sich für mich ein Hass auf Fremdes und Fremde aus, dass das Eigene nicht mehr bereichert, sondern nur noch bedroht und daher abgewehrt werden muss.

Ein Hass auf Fremde und Fremdes 

....und innerhalb kirchlicher Strukturen?

Dr. Sönke Lorberg-Fehring: Ich bin froh, dankbar und glücklich, dass sowohl die evangelischen Landeskirchen als auch die Katholische Bischofskonferenz und der Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden sich eindeutig abgrenzen von Versuchen, Kirchen und christlichen Glauben für nationalistische Politik zu instrumentalisieren. Unter der offiziellen Oberfläche höre und erlebe ich aber immer wieder auch Stimmen, die sagen: Das Christentum sei nun einmal die bessere Religion und die Europäer seien allen anderen Völkern überlegen. Es gibt eine Diskrepanz zwischen dem, was die drei großen kirchlichen Verbände theologisch vertreten und dem Wunsch einiger Gemeindeglieder, den eigenen Glauben stärker gegen andere Religionen – und dabei ist der Regel der Islam gemeint – abzugrenzen. Das macht mir Sorge, weil ich darin ein Einfallstor für rechtsextreme Versuche sehe, Gläubige aus unterschiedlichen Religionen und Menschen aus verschiedenen Kulturen gegeneinander aufzubringen.

Szene will eine junge rechte Elite bilden

In Ländern wie den USA gibt es bereits eine etablierte Szene rechter Christen. Auch hierzulande scharen extreme Influenzer zigtausende vor allem junger Menschen um sich. Wie bewerten Sie diesen Trend – vor allem: Wie kann Kirche hier entgegenwirken?

Dr. Sönke Lorberg-Fehring: Ich habe diesen Trend bei der rechtsextremen Büchermesse in Halle mit eigenen Augen beobachten können: Es gibt eine rechte Szene, die sich vor allem darum bemüht, eine junge rechte ‚Elite‘ zu bilden. Das Christentum als vermeintlich „deutsche Religion“ spielt dabei eine wichtige Rolle, indem es als Identifikationsmarker und zur Abgrenzung benutzt wird. Das hat nichts zu tun mit der Botschaft der Bibel – deswegen sehe ich die Aufgabe der Kirche darin, die eigenen Glaubensgrundlagen mutig zu vertreten und immer wieder darauf hinzuweisen, dass uns Menschen vor allem das Menschsein verbindet und nicht die Zugehörigkeit zu verschiedenen Gruppen und Nationen.

Dr. Sönke Lorberg-Fehring (geb. 1969) ist Islambeauftragter der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland. Er arbeitet als Referent für den Christlich-Islamischen Dialog im Ökumenewerk und leitet interreligiöse Seelsorgekurse am Institut für Seelsorge und Supervision im Norden/KSA. Lorberg-Fehring wurde in Hamburg geboren und war nach seinem Theologie-Studium und seiner Promotion Pastor an verschiedenen Gemeinden in Lübeck. 

Kulturen sind nicht starr und abgegrenzt

Sie sprechen in dem Buch auch davon, dass sich rechte Denkweisen teilweise in kirchlichen Mainstream einschleichen. Woran erkennt man das?

Dr. Sönke Lorberg-Fehring: Vor kurzem wurde in einer großen Frankfurter Zeitung die Idee aufgebracht, dass die Kirchen wieder ‚kulturalistischer‘ agieren sollten – also mehr Wert darauflegen, dass das Christentum die deutsche Kultur geprägt hat und deswegen gegen andere Kulturen verteidigt werden muss. Diese Kulturvorstellung kam im 18. Jahrhundert auf und hat die deutsche Kultur stark geprägt. Heute gehen wir aber davon aus, dass Kulturen immer im Plural vorhanden sind, dass sie einander beeinflussen und durchdringen. Kulturen sind nicht starr und abgegrenzt, sondern beweglich und offen für neue Impulse. Dieser neue Kulturbegriff prägt auch die Kirchen. Er kann seine innovative Kraft aber nur entfalten, wenn die Angst vor Veränderungen nicht dazu führt, dass neue Impulse grundsätzlich als gefährlich angesehen werden. Deswegen sehe ich eine zentrale Aufgabe meiner Kirche, die eigene protestantische Kultur als Ergebnis vieler unterschiedlicher Einflüsse zu präsentieren.

Ich werde beschimpft, abgewertet und bedroht 

Sie arbeiten intensiv im christlich-islamischen Dialog. Wie verändert der gesellschaftliche Rechtsruck Ihre Arbeit ganz konkret?

Dr. Sönke Lorberg-Fehring: Ich bekomme mehr Briefe, die mich, meine Arbeit und die Muslim:innen, mit denen ich arbeite, beschimpfen, abwerten und bedrohen. Anfangs kamen solche Briefe meistens anonym, heute stehen viele Leute zu ihren diffamierenden Aussagen über den Islam und Muslim:innen. Mein Ansatz ist es, in Gemeindevorträgen auch den christlichen Gemeinden zu zeigen, dass interreligiöse Begegnungen niemals Einbahnstraßen sind. Wir können als Kirche vom Islam und von Muslim:innen lernen, unsere eigene Religion tiefer zu verstehen. Ich erlebe immer wieder die Sorge, dass die Begegnung mit Gläubigen aus anderen Religionen dazu führen, dass die eigenen Glaubensgrundlagen nicht mehr wichtig genommen werden – nach meiner Erfahrung ist das Gegenteil der Fall. Ich erkenne durch die Begegnung mit anderen, was mir in meiner Religion fehlt und wie ich meine Traditionen daraufhin befragen kann, diese offenen Stellen auszufüllen.

Begegnen Ihnen Vorbehalte oder Ängste gegenüber Musliminnen und Muslimen heute offener als noch vor einigen Jahren? 

Dr. Sönke Lorberg-Fehring: Ja, das muss ich leider bestätigen. Ich erlebe zunehmend, dass Muslim:innen vor allem aus der Perspektive des Sicherheitsdiskurses wahrgenommen werden. Das bereichernde Potential des Islam als Weltreligion gerät dabei nicht selten aus dem Blick. Ich möchte aber betonen, dass ich an sehr vielen Stellen meiner Kirche – auch und besonders von Kirchenleitenden – eine große Wertschätzung meiner Arbeit erfahre. Bischöfin Fehrs leitet in Hamburg das Interreligiöse Forum und ermutigt mich und meinen Kollegen Tobias Pfeifer, der für den christlich-jüdischen Dialog in der Nordkirche zuständig ist, Kontakte zu halten, zu vertiefen und auszubauen. Dafür bin ich sehr dankbar.

Pastorin Margrit Wegner aus der Gemeinde des Doms zu Lübeck

“Kirche gegen den Hass”: Buchvorstellung im Dom 

Die Buchvorstellung findet im Rahmen eines Gottesdienstes am Freitag, 17. April 2026, ab 20 Uhr im Dom zu Lübeck statt. Mitwirkende sind die beiden Projektverantwortlichen – Pastor Dr. Sönke Lorberg-Fehring und Bischöfin Bettina Schlauraff – sowie der Lübecker Rechtsextremismus-Beauftragte des Kirchenkreises Joachim Nolte und Dom-Pastorin Margrit Wegner (Foto). 

Die Würde des Menschen wird angetastet

Herr Nolte, Sie arbeiten seit Jahren konkret gegen Rechtsextremismus im kirchlichen Raum. Was hat sich in dieser Zeit verändert – zum Guten und zum Schwierigen?

Joachim Nolte: Wie werden wir einander gerecht? „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“  Die Würde des Menschen wird zunehmend und vielfältig angetastet, in Frage gestellt. Die gegenwärtige gesellschaftspolitische Lage ist von wachsenden sozialen Spaltungen, Unsicherheiten durch globale Krisen und einem zunehmenden Vertrauensverlust nicht nur in demokratische Institutionen geprägt. Den Kirchen kommt die Verantwortung zu, sich für Gerechtigkeit, Menschenwürde und den Schutz aller Menschen einzusetzen. Sie setzt damit wichtige Impulse für einen werteorientierten, gesellschaftlichen Diskurs. Gerade in Zeiten von Populismus und Vereinfachungen braucht es die Stimme der Kirche, um an die Komplexität sozialer und gesellschaftspolitischer Probleme zu erinnern und zur Versöhnung, statt zur Verhärtung beizutragen.

Wo erleben Sie aktuell die größten Herausforderungen in Gemeinden?

Joachim Nolte: Um Ihre Frage zu beantworten, müsste ich jetzt über Gemeinden sprechen. Ich erlebe meine persönlichen Gespräche mit den Menschen in Gemeinden, in unserer Kirche als offen. Es ist im direkten Gespräch möglich auch bei unterschiedlichen inhaltlichen Positionen im Austausch zu sein und zu bleiben, sich aus-einander-zu-setzen. Als Christ:innen sind wir herausgefordert, gemeinsam mit anderen für die Unantastbarkeit der Menschenwürde einzutreten. Sie ist für uns Christ:innen in der Gottesebenbildlichkeit begründet. Dieser Auseinandersetzung müssen wir uns stellen, sie führen, gestalten und auch dafür streiten. Das erfordert Mut und Kraft, ist auch so manches Mal unbequem. Wir brauchen mehr Begegnung, mehr Raum, damit unser Mut und unsere Kraft erhalten bleibt, wächst Vertrauen, Vertrauensräume entstehen. Und wir sollten unseren Blick schärfen für die vielfältigen Situationen in denen Menschenwürde in Frage gestellt, angegriffen wird. Da müssen wir an den vielen Orten in unserer Kirche noch besser werden!

Die Grenzen des Sagbaren verschieben

Dr. Sönke Lorberg-Fehring: Rechtsradikale Strategien zielen darauf an, die Grenzen des Sagbaren zu verschieben. Der neueste Versuch ist die Umdeutung des Jesuswortes aus der Passionsgeschichte: „Arme habt ihr allezeit bei euch.“ (Mt 26,11) Daraus wird abgeleitet, die Aufnahme von Geflüchteten für einige Jahre auszusetzen und erst einmal diejenigen, die jetzt da sind, zu integrieren. Dabei wird das Jesuswort nicht mehr in dem Sinne benutzt, dass unsere Hilfe jedem Menschen gelten muss, der in Not ist. Sondern es findet eine Umdeutung statt: Lasst die heutigen Armen einfach ein paar Jahre im Stich, weil es danach wieder neue gibt. Das ist eine brutale Form der Menschenfeindlichkeit, die hier versucht wird, biblisch zu begründen. Es braucht theologische Expertise, um zu erkennen, was hier geschieht und wie die Bibel an dieser Stelle missbraucht wird.

Joachim Nolte (geb. 1963) ist Beauftragter „Kirche gegen Rechtsextremismus“ im Ev.-Luth. Kirchenkreis Lübeck-Lauenburg (Propstei Lübeck). Er ist Mitgründer des „Forum Kirche und Rechtsextremismus im Norden“ (2014) sowie Mitglied im geschäftsführenden Ausschuss der „AG Kirche und Demokratie“ der Nordkirche. In seinem Beitrag im Buch berichtet er aus seiner langjährigen praktischen Arbeit.

Gewaltbereitschaft steigt rapide

Das Buch bietet Ansätze für Gemeinden, mit alltäglichem Rechtsextremismus umzugehen. Mal ganz konkret gefragt: Was kann ich tun, wenn am Stammtisch oder im Kirchengemeinderat problematische Aussagen fallen?

Dr. Sönke Lorberg-Fehring: Die erste Frage sollte immer sein: Bin ich selbst gerade in einer so sicheren Position, dass ich mutig widersprechen kann. Oder muss ich befürchten, dafür Gewalt ausgesetzt zu sein. Das klingt martialisch. Aber leider steigt die Gewaltbereitschaft in rechten Kreisen rapide. Dann sollte ich mich fragen: Was möchte ich erreichen: Will ich deutlich machen, dass rechte Parolen nicht unwidersprochen geäußert werden sollen? Oder will ich mein Gegenüber von meiner Position überzeugen? Zusätzlich ist wichtig, zu beachten, was mein Gegenüber mit seiner Aussage erreichen möchte: Will er sich einfach mal Luft machen, drückt sich darin eine Angst oder Sorge aus, werden andere Menschen abgewertet? Wir haben in der Kirche viele Jahrzehnte nach der ökumenischen Devise diskutiert: Versöhnte Verschiedenheit. Deswegen sind wir oftmals auf Rechtsextreme nicht gut vorbereitet, die keinen Konsens herstellen wollen, sondern denen es darum geht, Dominanz auszuüben. Wir müssen diese neue Strategie verstehen und uns darauf vorbereiten: Dafür bieten wir Workshops und Seminare an. Gerne in Kirchengemeinderäten oder Gemeindegruppen.

Was ist hilfreicher: klare Konfrontation oder das Gespräch suchen? 

Dr. Sönke Lorberg-Fehring: Es kommt immer auf die Situation an – und dabei ist besonders wichtig: Wo trifft mich eine rechtsradikale Aussage? Habe ich selber oder meine Familie Erfahrungen mit Flucht oder Vertreibung? Schnüren mir solche Aussagen vor Angst die Kehle zu oder reizen Sie mich zum heftigen Widerspruch? Es ist hilfreich, die eigene Angreifbarkeit solcher Aussagen bei sich selbst zu kennen – um dann selbstbewusst und klug darauf antworten zu können.

Die Bedrohung ist real und aktuell

Wenn jede Gemeinde nach der Lektüre nur eine Sache mitnehmen würde – was sollte das sein?

Dr. Sönke Lorberg-Fehring: Rechtsextreme Propaganda ist weltweit vernetzt, professionell aufgestellt und finanziell gut ausgestattet. Sie verfügt über eine eigene Medienwelt, in der Menschen davon überzeugt werden sollen, dass sie in einem Abwehrkampf gegen feindliche Mächte stehen. Die Gefahr, dass durch solche Bestrebungen unser Land, unsere Gesellschaft und unsere Kirche zum Schlechten verändert wird, ist real und aktuell.

Wir haben jetzt vor allem über Probleme und negative Dinge gesprochen. Zum Schluss: Gibt es da etwas, das Ihnen Hoffnung macht?

Dr. Sönke Lorberg-Fehring: Gott trägt seine Kirche. Wir dürfen darauf vertrauen, dass wir gehalten und geborgen sind – aus dieser Gewissheit und Hoffnung heraus können wir uns bemühen, unsere Gesellschaft und unsere Kirchen zu menschenfreundlichen Orten zu machen.