Dienste und Werke: Jochen Schultz geht in den Ruhestand
Lübeck. Wenn Jochen Schultz, Leiter der Dienste und Werke, im April in den Ruhestand geht, verabschiedet sich der Kirchenkreis Lübeck-Lauenburg von einer Persönlichkeit, die Kirche über Jahrzehnte hinweg gestaltet und weitergedacht hat. Sein eigenes Selbstverständnis fasst er knapp zusammen: „Ich wollte immer vor allem ein Türöffner und Ermöglicher sein.“ Die Leitung der Dienste und Werke übernimmt ab Mai 2026 Pastorin Anne Freudenberg-Klopp.
Vom Hamburger Elternhaus zur Theologie
Zur Kirche kam der 64-Jährige nicht über eine religiöse Familientradition. „Meine Eltern waren nicht im traditionellen Sinne religiös“, sagt er, „aber es gab Werte: Gerechtigkeit, Fairness, Toleranz und politische Offenheit. Religiöse Fragen waren erlaubt, aber nicht vorgegeben.“
Der erste konkrete Kontakt mit dem Glauben entstand über einen Grundschulfreund. „In dessen Familie wurde vor dem Essen gebetet. Das war mir neu und hat mich als Kind sehr beeindruckt. Ich habe nicht verstanden, was da genau passiert. Aber ich habe gemerkt: Das tut gut. Das gibt einen Rahmen.“ Über diese Familie kam er in die Kirchengemeinde in Hamburg Rahlstedt.
Gemeinde als Halt im Leben: Kirche als Erfahrungsraum
Die Gemeinde wurde für Jochen Schultz mehr als ein Ort kirchlicher Angebote. Hier fand er Gemeinschaft, Halt und Orientierung. Es wuchs die Erkenntnis, dass Kirche mehr ist als Freizeitgestaltung: „Da steckt etwas Substanzielles dahinter, etwas, das im Leben tragen kann.“ Er blieb – in Jungschar, Jugendgruppe, Konfirmandenarbeit und später als Helfer auf Freizeiten.
Musik als Zugang: Beteiligung ermöglichen
Eine prägende Rolle spielte die Musik. „Das Coolste war, dass wir mit unserer Band im Gemeindehaus proben durften.“ Mitte der 70er-Jahre war das keineswegs selbstverständlich. Die Jugendlichen durften Equipment nutzen, in Jugendgottesdiensten spielen und bei Konfirmationen auftreten. „Dass wir das machen durften, hat mich sehr geprägt.“
Junge Menschen zum Musik-Machen einzuladen, blieb ihm immer wichtig: in der Gemeinde in Heide, im Jugendpfarramt mit dem Bandraum der Evangelischen Jugend und auch darüber hinaus.
Gemeindeleben in Heide: Kooperation statt Kirchturmdenken
Die Zeit in Heide war auch familiär prägend: Jochen Schultz und seine Frau, Pastorin Byrthe Kröncke-Schultz, teilten sich dort, parallel zum Familienleben mit drei Kindern, von 1993 bis 2008 die Pfarrstelle in der Erlöserkirche. Er spricht von „ganz normalem Gemeindeleben mit unheimlich vielen schönen Erlebnissen“. Neue Formate, intensive Jugendarbeit, Motorradgottesdienste mit bis zu 4000 Teilnehmenden entstanden oft aus Initiativen von außen. „Etwas Besseres kann Kirche ja gar nicht passieren.“
Früh setzt Schultz in Heide auf Kooperation statt Kirchturmdenken: Gemeinden bilden Profile und verweisen aufeinander bewusst, statt alles doppelt vorzuhalten. „Die Vorstellung, dass jede Gemeinde alles anbieten muss, halte ich für obsolet“, so Schultz. „Wenn bei uns jemand gefragt hat, ob er sich einem Chor anschließen kann, dann habe ich nicht geantwortet: ,Oh, tut mir leid, haben wir nicht‘, sondern: ,Großartig, dass Sie mitsingen wollen! In der St.-Jürgen-Kirchengemeinde am Markt gibt es einen tollen Chor, da wird man sich über Sie freuen!‘“
Jugendpfarramt Lübeck-Lauenburg: Fusion als Lernprozess
2008 wechselt Schultz ins Jugendpfarramt Lübeck, später Lübeck-Lauenburg. Mitten im Fusionsprozess zweier Kirchenkreise hilft er, unterschiedliche Jugendsysteme zusammenzuführen. Eine entscheidende Frage lautet: Wie bleibt gute, auch professionelle Jugendarbeit bei knapper werdenden Ressourcen möglich?
Die Antwort findet er in regionaler Kooperation. Gemeinden schließen sich zu Jugendregionen zusammen, teilen sich Fachkräfte und der Kirchenkreis trägt die Hälfte der Personalkosten. 2011 beschließt die Synode das Modell „Regionale Jugendarbeit“ einstimmig. Das ist für Schultz bis heute ein Grund, auf den Kirchenkreis stolz zu sein.
Beauftragungen Eintrittsstelle und Kirchentag
In der Eintrittsstelle führte Jochen Schultz seit 2009 Gespräche mit Menschen, die aus der Kirche ausgetreten waren und den Wunsch hatten, wiederzukommen. Zuhören war entscheidend: „Ich verstehe Kirche auch als ein lernendes System. Und deswegen war mir immer sehr wichtig zu hören, was hat die Menschen bewogen auszutreten und was führt sie wieder zurück“, sagt Schultz.
Über viele Jahre nahm Jochen Schultz die Beauftragung zur Verknüpfung mit dem Deutschen Evangelischen Kirchentag wahr. Dazu gehörten Auftaktveranstaltungen und Nachlesegottesdienste, die Organisation von Fahrten in die jeweiligen Städte und die Mitarbeit im Landesausschuss. „Das Highlight“, hebt er hervor, „war der Abend der Begegnung des Kirchentages in Hamburg 2013“, an dem er die Mitwirkung vieler Gemeinden des Kirchenkreises in der Hamburger Speicherstadt koordinierte.
Leitung Dienste und Werke: Kirche im Kontext als DNA
Seit 2018 leitete Jochen Schultz die Dienste und Werke im Kirchenkreis. Hier verstand er sich als Scharnier zwischen Fachstellen, Verwaltung, Pröpst:innen und Synode. Inhaltlich wurde für ihn klar: „Der Gedanke von Kirche im Kontext ist im Grunde die DNA der Dienste und Werke.“
„Für die Dienste und Werke sind die Lebenskontexte der Menschen wichtig“, sagt Schultz. In Krankenhäusern, Schulen, Hospiz, in der Telefonseelsorge, mit den besonderen Anliegen von Jugendlichen, Geflüchteten, Lebensälteren, der Ökumene oder in geschlechterspezifischen Fragen sei Kirche für die Menschen da.
Dabei gehe es nicht um Verkündigung, „die immer etwas Einseitiges hat“, sondern um Dialog. Schultz zitiert die Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt: „Wir beantworten viel zu viele Fragen, die niemand stellt, und was die Menschen wirklich bewegt, nehmen wir zu wenig wahr“. Deswegen liegt für Jochen Schultz der entscheidende erste Schritt immer in der Frage Jesu: „Was willst Du, was ich Dir tue“.
Prävention als Kernauftrag kirchlicher Verantwortung
Ein weiteres zentrales Arbeitsfeld war ab 2011 in der Fachstelle zur Prävention sexualisierter Gewalt. „Da sind wir am Kern unseres kirchlichen Auftrags“, sagt Schultz. Menschen vor Grenzverletzungen zu schützen und zu begleiten, wenn sie etwas erleben mussten, was sie nicht wollten, sei keine Zusatzaufgabe. Seine Jugendarbeits- und Gemeindeerfahrung half dabei, die Gremien zu sensibilisieren.
Abschied in den Ruhestand: Vertrauen behalten
Mit dem Abschied verbindet Jochen Schultz auch Dankbarkeit. „Dafür, dass so viele Menschen mich unterstützt und auch mal in Frage gestellt haben, zur Zusammenarbeit bereit waren, Anregungen gaben, Ideen aufnahmen, mich antrieben oder bremsten“, sagt er. Gerade dieses Miteinander, das gemeinsame Ringen um gute Lösungen, sei für ihn über die Jahre von großer Bedeutung gewesen.
Wichtig war ihm immer seine Lieblingsbibelstelle, die Stillung des Sturms (Mk 4, 35–41). „„Wo ist euer Vertrauen?“ ist für mich die Schlüsselfrage“, sagt Schultz. Für ihn liegt die Antwort in einem Grundvertrauen darauf, das Gott durch alle Zeiten trägt, hält und leitet. Und somit nichts so bleiben muss, wie es ist.
Im Ruhestand freut er sich auf das Musik-Machen in der Band „Buddy Kate“, auf das Segeln „mindestens bis nach Kopenhagen“ und darauf, sich Zeit zu nehmen, auch für ein Ehrenamt. Sein Wunsch für die Kirche bleibt: „Eine Kirche, die bei den Menschen ist.“