Nach Debatte um Kirchenaustritt: So einfach ist der Weg zurück
Lübeck. Eine Pressemitteilung der Hansestadt Lübeck sorgt für Aufregung in digitalen Medien: Ohne Termin aus der Kirche austreten, diese Möglichkeit bietet ein städtisches Bürgerbüro ab November 2026 an. Einige Medien und Nutzer:innen sozialer Netzwerke kritisierten die Ankündigung als Werbung für den Kirchenaustritt. Auch politisch wurde Widerstand laut. In der Diskussion geriet eine andere Möglichkeit kaum in den Blick: Auch der umgekehrte Weg in die evangelische Kirche ist einfach. Wer neu eintreten oder nach einem Austritt zurückkehren möchte, muss dafür nicht einmal das Haus verlassen. Eine E-Mail genügt für den ersten Kontakt.
Aufregung um eine Pressemitteilung
„Kirche lebt von Menschen, die Gemeinschaft suchen, ihren Glauben leben oder neu entdecken möchten“, sagt Philip Graffam, Propst im Kirchenkreis Lübeck-Lauenburg. „Wer in die Kirche eintritt oder zurückkehrt, trifft eine persönliche Entscheidung, über die wir uns von Herzen freuen.“
Gut 100 Menschen haben diesen Schritt im Kirchenkreis Lübeck-Lauenburg seit Jahresbeginn bereits gemacht. Im gesamten Jahr 2025 waren es 152. Die Gründe dafür sind unterschiedlich: Manche Menschen finden nach längerer Zeit zur Kirche zurück, andere entscheiden sich erstmals für eine Mitgliedschaft. Wieder andere möchten ihrem Glauben einen neuen Platz im Leben geben.
Kircheneintritt vom Wohnzimmer aus
Eine Anlaufstelle für Interessierte ist das Team Segensreich des Kirchenkreises Lübeck-Lauenburg. Dort begleitet Projektleiter Tobias Maximilian Knöller Menschen, die sich mit einem Eintritt oder Wiedereintritt beschäftigen. Zehn Menschen haben von Januar bis Oktober 2026 allein über Segensreich den Weg in die evangelische Kirche gefunden.
„Wir möchten den Wiedereintritt möglichst unkompliziert gestalten“, sagt der Diakon. „Wir besuchen Menschen zu Hause, treffen uns mit ihnen per Zoom, verschicken die Unterlagen per Post oder stellen den Kontakt zu einer Kirchengemeinde her.“
Wer den Kontakt lieber persönlich aufnehmen möchte, kann sich auch direkt an eine Pastorin oder einen Pastor wenden. Entscheidend sei, dass Menschen mit ihren Fragen und Erfahrungen ein offenes Gegenüber finden. Dabei spiele es keine Rolle, ob jemand schon lang mit Kirche verbunden sei oder sich gerade erst mit dem christlichen Glauben beschäftige.
„Unsere Türen stehen offen – auch für Menschen mit Fragen, Zweifeln oder kritischen Erfahrungen mit Kirche“, betont Propst Graffam. „Denn Kirche soll ein Ort sein, an dem Menschen willkommen sind, Glauben teilen und gemeinsam etwas für andere bewegen können.“
Kirchenmitgliedschaft: mehr als ein Verwaltungsvorgang
Die Diskussion um die Pressemitteilung der Hansestadt betrachtet der Kirchenkreis differenziert. Dass Verwaltungsleistungen bürgerfreundlich und ohne lange Wartezeiten angeboten werden, sei grundsätzlich zu begrüßen. Die Stadt habe zunächst eine organisatorische Veränderung mitgeteilt: Kirchenaustritte werden künftig ohne Termin in einem Bürgerservicebüro möglich sein. Gleichzeitig berühre die Entscheidung über eine Kirchenmitgliedschaft persönliche Fragen von Glauben, Zugehörigkeit und Lebensgeschichte. Deshalb wünsche sich der Kirchenkreis einen sensiblen Umgang mit dem Thema.
Im Mittelpunkt stehe dabei die Frage, wie Kirche für die Menschen in Lübeck und im Herzogtum Lauenburg da sein könne. Neben Gottesdiensten und Seelsorge in allen Lebens- und Glaubensphasen gehören dazu zahlreiche Angebote der Kirchengemeinden und diakonischen Einrichtungen – von Bildung und Beratung über Pflege bis hin zu Kultur und gesellschaftlichem Engagement.
Interesse am Glauben auch bei jungen Menschen
Dass christlicher Glaube auch für Menschen interessant ist, die bislang wenig Kontakt zur Kirche hatten, beobachtet Tobias Maximilian Knöller insbesondere bei jungen Erwachsenen. In der Generation Z nehme er eine neue Offenheit für Glaubensfragen wahr. „Gerade in den sozialen Medien erleben wir, dass Menschen neugierig werden, Fragen stellen und sich für den christlichen Glauben interessieren“, sagt Knöller. In diesem Zusammenhang werde auch über ein sogenanntes „Quiet Revival“ gesprochen, eine stille Wiederentdeckung des Glaubens. „Daran möchten wir anknüpfen.“
Für 2027 plant Segensreich deshalb gemeinsam mit dem Kirchenkreis eine Kampagne unter dem Motto „Warum ich gerne mit dabei bin“. Darin sollen Menschen erzählen, was ihnen ihre Kirchenmitgliedschaft bedeutet und weshalb sie gerne Teil der evangelischen Kirche sind.
Der erste Schritt ist einfach
Wer über einen Eintritt oder Wiedereintritt nachdenkt, kann sich direkt an die Pastorinnen und Pastoren der evangelischen Kirchengemeinden wenden. Alternativ steht das Team Segensreich als zentrale Anlaufstelle zur Verfügung. Eine E-Mail an segensreich@kirche-ll.de reicht aus, um Kontakt aufzunehmen und die nächsten Schritte zu besprechen. Ob persönlich, digital oder zunächst ganz unverbindlich: Wer sich für die evangelische Kirche interessiert, findet ein offenes Gegenüber.