Kirchenkreis Lübeck-Lauenburg

Warum lässt Gott das zu? Ein Essay von Pröpstin Petra Kallies

In einer Welt voll Leid, Zerstörung und Krieg stellen Menschen immer wieder die Frage: Warum lässt Gott das zu? Gedanken dazu von Lübecks Pröpstin Petra Kallies.  

So viel Leid, so viele zerstörte Existenzen

„Allmählich werde ich unsicher. Jetzt ist auch noch Krieg im Iran. Wir beten wieder einmal um Frieden. So wie wir um Frieden für Israel und Gaza beten, und seit über vier Jahren um Frieden für die Ukraine. Bringt das überhaupt etwas? Was muss denn noch passieren, damit Gott endlich  eingreift? So viel Leid, so viele zerstörte Existenzen, so viele Tote! Und das alles, weil sich mächtige alte Männer nicht einigen wollen, sondern der Gewaltspirale jeden Tag neue Energie liefern. Weshalb lässt Gott das zu? Du sagst doch immer, Gott sei ein Gott des Friedens und der Liebe! Wie gern würde ich das glauben, aber ist das wirklich wahr?“

Eine junge Frau hat mir diese Sätze entgegengeschleudert – in einer Mischung aus Zorn und Verzweiflung. Tiefe Enttäuschung. Ent-Täuschung darüber, wie fremd Gott uns manchmal erscheint.

Zunächst einmal: sie spricht mir aus der Seele. Manchmal stelle ich mir beim Beten um den Frieden genau dieselbe Frage: Was mache ich hier eigentlich gerade? Glaube ich wirklich, dass Gott eingreift? Oder ist es nur meine Ohnmacht, die mich beten lässt? Weil mir ja sonst nichts anderes mehr bleibt…

Hat das Leid irgendeinen Sinn?

„Weshalb lässt Gott das zu? Hat das Leid irgendeinen Sinn?“ Seit Jahrtausenden stellen Gläubige ihren Priestern oder Pastor:innen diese Frage. Jede Religion sucht nach Antworten. Manche antiken Denker beispielsweise kamen zu dem Schluss, dass den Göttern das Schicksal der Menschen schlichtweg egal sei. Andere meinten, die Menschen müssten doch irgendeine Schuld auf sich geladen haben. Das Leid sei die göttliche Strafe dafür.

Je weiter sich die Menschheit kulturell entwickelte, umso weniger konnten diese Antworten überzeugen. Um es kurz zu machen: Für mich gibt keine überzeugende Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Leidens. Ich glaube auch nicht daran, dass der grausame Foltertod Jesu am Kreuz notwendig war, damit Gott uns unsere Sünden vergibt.

Die Evangelisten Matthäus und Markus überliefern als allerletzte Worte Jesu: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?!“ Ich stelle mir vor, Jesus schreit sie heraus, in einer Mischung aus Zorn und Verzweiflung. Ich glaube, an keinem Tag seines Erdenlebens kam Jesus uns Menschen näher als in diesem einen Moment der absoluten Gottverlassenheit. 

Gott ist immer da!

Ich will in das sinnlose Leiden keinen Sinn hineininterpretieren. Ich kann es nicht verstehen. Ich darf sagen, dass ich es nicht verstehe, dass ich es ungerecht finde und dass ich manchmal genau deswegen an der Liebe Gottes zweifele. 

Ich verstehe das Kreuz Jesu so: auch in Zeiten der allergrößten Hoffnungslosigkeit ist Gott (in Jesus) an unserer Seite. Immer, wirklich immer, ist Gott ganz und gar an der Seite der Verlassenen, der Leidenden, der Verzweifelten. Auch dann, wenn wir Gott nicht mehr spüren, ist Gott da. Es kommt nicht auf unsere Glaubenskraft an. Gott ist immer da. Mich tröstet dieser Glaube.

 „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?!“ Und was antwortet Gott? Gott schweigt.

Gott schweigt bis zum übernächsten Tag. Am dritten Tag antwortet Gott. Keine Erklärung. Keine Worte. Stattdessen: die Auferweckung Jesu von den Toten.