St. Aegidien: „The Black Rider“ im Theatergottesdienst
Lübeck. Was haben die Legende vom „Freischütz“ aus dem 15. Jahrhundert und unsere moderne Gesellschaft gemeinsam? „Schon damals ging es um Leistungsdruck“, sagt Malte C. Lachmann. Der Schauspieldirektor des Theater Lübeck inszenierte das Stück „The Black Rider“. Es ist derzeit im Großen Haus zu sehen und wird am Sonntag, den 15. März 2026, ab 10 Uhr Thema des Theatergottesdienstes in St.-Aegidien sein. Besucherinnen und Besucher erwartet ein Vormittag mit theologisch-philosophischem Dialog und Musik. Gestaltet wird der Gottesdienst von Pastorin Nicola Nehmzow, Malte C. Lachmann und Willy Daum, musikalischer Leiter im Schauspiel des Theater Lübeck und Mitglied der Live-Theaterband.
„The Black Rider“ wurde 1990 in Hamburg von William S. Burroughs, Kathleen Brennan, der Rocklegende Tom Waits und Regisseur Robert Wilson uraufgeführt – eine traumhafte, düster-poetische Neuinterpretation der Freischütz-Sage. Geprägt wurde die Inszenierung auch von der schräg-rauen, zirkushaften Musik von Tom Waits.
Alte Sage mit aktueller Botschaft
Die Legende vom „Freischütz“, 1810 von Johann August Apel in einer schaurig-romantischen Erzählung festgehalten, erzählt vom Amtsschreiber – und miserablen Schützen – Wilhelm. Um seine geliebte Käthe heiraten zu dürfen und die Försterei ihres Vaters zu übernehmen, muss er sich mit einem Probeschuss beweisen. In seiner Verzweiflung geht er einen Pakt mit dem Teufel ein: Sieben magische Kugeln erhält er – doch die letzte gehört dem Teufel.
„Wenn wir diese Geschichte in die Gegenwart übertragen und uns die Hintergründe Texte von William S. Burroughs anschauen, in denen es unter anderem um Drogenkonsum geht, entdecken wir viele Parallelen“, sagt Lachmann. „Wir beginnen schon früh damit, Schmerzen mit Tabletten zu unterdrücken. Sportler dopen sich, um mehr Leistung zu bringen. Die entscheidende Frage ist: Wie erkenne ich den Punkt, an dem mein Weg der falsche wird?“
Um sich diesem Thema zu nähern, sprach Lachmann unter anderem mit Deutschlands erstem wegen Dopings verurteilten Radrennfahrer sowie mit einem Dopingexperten. „Wie viel müssen und wie viel wollen wir hinnehmen, um Leistung zu bringen? Und in welche Welt führt uns das?“, fragt der Regisseur.
Passionszeit als Zeit der Besinnung
Für Pastorin Nicola Nehmzow passt die Auseinandersetzung mit dem Werk gut in die Passionszeit. „Der Predigttext für den 15. März findet für Gott das Bild einer Mutter, die ihr Kind nährt. Er zeichnet das Bild eines ursprünglichen Geborgenseins, das nicht für immer verloren ist“, erklärt sie. Vielleicht liege darin auch eine mögliche Antwort: die Einladung, diesem ursprünglichen Gefühl nachzuspüren. „Besonders schön ist vor diesem Hintergrund, dass wir im Gottesdienst auch eine Taufe eines kleinen Kindes feiern.“
Nehmzow hat sich die Inszenierung bereits im Theater angesehen. „Ich bin mit vielen Denkanstößen aus der Vorstellung gegangen“, erzählt sie. Eine endgültige Antwort werde es auch im Gottesdienst nicht geben. „Aber wir können eine Richtung aufzeigen. Wir sind dem Leistungsdruck nicht vollkommen ausgeliefert. Wir sind immer mehr als unsere Leistung.“
Alternativen statt Antworten
„Wir wollen gar keine fertigen Antworten geben“, ergänzt Lachmann. „Wir möchten zum Nachdenken anregen.“ Wilhelm, die Hauptfigur, tue genau das nicht: innehalten, reflektieren, sich selbst hinterfragen. „Das können wir dagegen tun: stehen bleiben und nach Alternativen suchen – statt einfach weiterzumachen, bis es zu spät ist.“
Nach dem Theatergottesdienst sind die Besucherinnen und Besucher eingeladen, bei einem Kaffee mit den Beteiligten ins Gespräch zu kommen.