Orgeln in St. Jakobi

Historische Orgeln in St. Jakobi

Es ist eine Besonderheit, dass in St. Jakobi gleich zwei historische Orgeln weitgehend erhalten geblieben sind. Hinzu kommt ein rekonstruiertes Orgelpositiv in dem original erhaltenen Gehäuse von Jochim Richborn (1673), so dass die "Familie" aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts mit der Großen Orgel, der Kleinen Orgel (Stellwagen-Orgel) und der ehemaligen Lettnerorgel wieder vollzählig ist. Hinzu kommen zwei kleinere Instrumente, die orgelbaugeschichtlich Aufmerksamkeit verdienen: das Positiv des Lübecker Orgelbauers Theodor Vogt (vermutlich aus dem Jahr 1835) und die Hausorgel des ehemaligen Jakobiorganisten und Komponisten Hugo Distler aus dem Jahr 1938 von Paul Ott.

Große Orgel

Reste des alten Fundamentes gehen auf die Jahre 1464/66 zurück. Die gotische Hauptwerkfassade stammt von 1504, genannt wird der damalige Werkmeister Peter Lasur. 1573 entstand durch Hans Köster ein Rückpositiv.
1673 ergänzte der Hamburger Orgelbauer Jochim Richborn das Hauptwerk mit neuen Registern, erweiterte das Rückpositiv, fügte ein Brustwerk ein und flankierte das Hauptwerk mit den Pedaltürmen. Die damalige Disposition ist erst in einer Aufzeichnung von 1739 überliefert. Es folgten viele Reparaturen und Anpassungen an das jeweilige Klangideal, was bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts klangliche und auch technische Veränderungen zur Folge hatte. Während der Amtszeit Hugo Distlers kam es 1935 durch Karl Kemper zu einem ersten Umbau mit dem Ziel einer Restaurierung.

Nach der Einlagerung im 2. Weltkrieg wurde die Große Orgel 
von 1957 bis 1965 durch Emanuel Kemper jun. in mehreren Bauabschnitten wieder aufgestellt und zu einer viermanualigen Orgel erweitert. In den Siebzigerjahren traten statische Probleme auf, die eine Sanierung des tragenden Gebälks notwendig machten. Dies war der Anlass, dass zwischen 1981 und 1984 nach denkmalpflegerischen Gesichtspunkten eine Maßnahme ergriffen wurde, die neben der Sanierung und Restaurierung des historischen Gehäuses und der historischen Register die Rekonstruktion von verloren gegangenem historischem Pfeifenmaterial einbezog. Den Auftrag erhielt die Firma Karl Schuke Berliner Orgelbauwerkstatt GmbH. Finanziert wurde dieses Projekt vorwiegend aus Spenden, Zuschüssen u.a. der Possehl-Stiftung zu Lübeck und sogenannten Zonenrandmitteln. Die Gesamtkonzeption orientierte sich an den vorhandenen Registern von 1573 und 1673.

Die Orgel verfügt über vier Manuale und Pedal. Das Oberwerk mit vowiegend romantich geprägten Stimmen hebt sich auch baulich im Innern von den historischen Gehäuseteilen ab, integriert sich aber klanglich hervorragend in das übrige Werk.

Daten:
Unbekannter Orgelbauer 1464/66, Peter Lasur (?) 1504, Hans Köster 1573, Jochim Richborn1673, Karl Schuke Berliner Orgelbauwerkstatt 1981/84. Hauptwerk, Brustwerk, Oberwerk, Rückpositiv, Pedal, 63 Register, Setzerkombinationen, Schweller OW (Jalousien), BW (Türen); Mechanische Spiel- und Registertraktur, zusätzlich elektromagnetische Registeranlage, Schleifladen.
Renovation, Neubau der Windanlage und Neuintonation durch Firma Flentrop/Zaandam (Niederlande) 2012/13
Disposition

Stellwagen-Orgel

Die Anfänge der Stellwagen-Orgel, der sog. Kleinen (historischen) Orgel an der Nordwand, gehen auf das Jahr 1467 zurück. Die bis heute erhaltene spätgotische Fassade beherbergte ein gotisches Blockwerk der Bruderschaft ‘Zum Heiligen Leichnam’ und der Bruderschaft der Krämer, das 1637 von dem Orgelbauer Friederich Stellwagen zu einer dreimanualigen Schleifladenorgel erweitert wurde. Stellwagen ergänzte das ehemalige Blockwerk (jetzt Hauptwerk) um einige Register, baute darunter ein Brustwerk ein und setzte in die Emporenbrüstung ein Rückpositiv. Das Pedalwerk befand sich hinter dem Hauptwerk. Die Kleine Orgel stand vor und nach dieser Erweiterung im Schatten der Großen Orgel. Die Folge war der für uns heute glückliche Umstand, dass zwischenzeitlich nur wenige Eingriffe vorgenommen wurden und somit das historische Material weitgehend erhalten blieb. Die Romantisierungen des 19./20.Jahrhunderts beschränkten sich auf ein Minimum.
Bei der Hamburg-Lübecker Organistentagung 1925 konzentrierte sich das Augenmerk der Orgelbewegung auf die Orgel in St. Jacobi (Hamburg), auf die Totentanzorgel in St. Marien (Lübeck) und auf die Kleine (historische) Orgel in St. Jakobi (Lübeck).
1935 veranlasste Hugo Distler die Restaurierung auch dieser Orgel. 1942 wurde sie zum Schutz vor weiteren Bombenangriffen abgebaut und nach Nusse im Kreis Herzogtum Lauenburg ausgelagert.
Bereits 1946 wurde die Orgel von der Firma Emanuel Kemper & Sohn wieder eingebaut und galt nach Kriegsende als die einzige erhaltene und wieder spielbare historische Orgel Lübecks.

1977/78 kam es zu einer grundlegenden und nach strengen denkmalpflegerischen Gesichtspunkten durchgeführten Restaurierung durch die Firma Gebrüder Hillebrand aus Altwarmbüchen bei Hannover. Ein Gutachterrat mit hiesigen und auswärtigen Sachverständigen begleitete die Arbeiten. Die Finanzierung übernahm die Possehl-Stiftung zu Lübeck. Das Ergebnis war eine Orgel, die der Zeit des Orgelbauers Friedrich Stellwagen entsprach. Deshalb wird sie seitdem ‘Stellwagenorgel’ genannt. Sie ist weltweit eine der wenigen Orgeln, in der ein originaler Pfeifenbestand aus Gotik und Renaissance erhalten ist.

Daten:
Unbekannter Orgelbauer 1467/1515, Friederich Stellwagen 1637, Gebrüder Hillebrandt 1977/78. Hauptwerk, Brustwerk, Rückpositiv, Pedal, 31 Register, mechanische Spiel- und Registertraktur, Schleifladen.

Anmerkung: Die von Stellwagen umgestaltete Blockwerkslade stammt aus der Zeit um 1500,
die Brustwerks- und die Rückpositivlade stammen von 1637, die Pedallade ist neu und
wurde höher gelegt. In den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurden bei den gotischen Pfeifen, vor allem im Hauptwerksprospekt, Zersetzungserscheinungen durch Bleiweiß entdeckt. Um das unschätzbar wervolle historische Pfeifenmaterial zu retten, wurde 1998 das von der Europäischen Union geförderte Projekt ‘Collapse’ ins Leben gerufen, an dem sich mit der Kirchengemeinde St. Jakobi das Göteborg Art Center der Universität Göteborg gemeinsam mit der Technischen Universität Chalmers Göteborg, die Universität Bologna und die Orgelbaufirma Marcussen & Søn, Apenrade, beteiligten. 2005 konnten die langwierigen Rettungsarbeiten zum Abschluss gebracht werden.
Disposition

Richborn-Positiv

(ehemalige Lettnerorgel)
Auf dem Gewölbe über der Sakristei befand sich ein Schrank mit der Jahreszahl 1673. Durch intensive Nachforschungen und Vergleiche mit einer Kleinorgel in Skokloster (Schweden) stellte sich heraus, dass Jochim Richborn, der 1673 die Große Orgel erweitert hatte, der Erbauer auch dieses Instrumentes war. Dieses Positiv befand sich auf dem Sängerchor (Lettner) bis zu dessen Abbruch1844. Das Pfeifenwerk wurde damals ausgeräumt, das Gehäuse fortan als Schrank benutzt. Angeregt von dem Orgelbauer und Richbornforscher Mads Kjersgaard veranlasste einer der Pastoren 1992 mit Hilfe der Denkmalpflege und des Kirchenbauamtes die Sicherung dieses Schrankes gegen Wasserschäden und Wurmbefall. Als ausschließlich durch Spenden und aus privaten Stiftungen die Finanzierung für das Projekt ‘Lettnerorgel’ gesichert war, wurde der Schrank von der Restaurierungswerkstatt Matthias Seefried, Bremen, in den Jahren 1999/2000 restauriert. Anschließend wurde das Orgelgehäuse nach Schweden in die Werkstatt des Orgelbauers Mads Kjersgaard transportiert, wo nach den Vorgaben anderer Richbornorgeln, vor allem des Positivs in Skokloster, das Pfeifenwerk, die Spielmechanik und die Windanlage rekonstruiert werden konnten.
Im November 2003 wurde das Positiv in St. Jakobi eingeweiht.

Daten:

Jochim Richborn 1673, Mads Kjersgaard (Funbo–Gunsta, Uppsala/Schweden) 2003.
1 Manual, geteilte Lade, 8 Register, davon 2 Register nur im Discant, 1 Register nur im Bass, 1 Register in Bass und Discant teilbar. Windversorgung durch zwei Keilbälge, Balgaufzug durch zwei Riemen, zusätzlich elektrisches Gebläse.
Zum Projekt ‘Lettnerorgel’ gehört eine ausführliche Dokumentation:
 Mads Kjersgaard/Dietrich Wölfel, ,,Zwei Positive des Orgelbauers Jochim Richborn von 1667 und 1673", Lübeck 2005 (zu erwerben über den ,,Verein zur Erhaltung der Kunstwerke, Orgeln und der historischen Bausubstanz in St. Jakobi zu Lübeck e.V.", Jakobikirchhof 3, 23552 Lübeck).

Positiv von Theodor Vogt

Eine besondere Seltenheit aus der Lübecker Orgelbaugeschichte ist das einmanualige pedallose Positiv des Lübecker Orgelbauers Theodor Vogt. Vogt war im 19.Jahrhundert für die meisten Lübecker Orgeln zuständig. Von seinen weiteren Orgelwerken ist nur noch die Orgel in der Kirche zu Nusse erhalten. Das Positiv in St. Jakobi gehörte ursprünglich der Lübecker Loge ‘Zur Weltkugel im Orient’ und wurde 1984 über einen der Pastoren der St. Jakobigemeinde geschenkt. Ein Mitarbeiter der Firma Karl Schuke machte es wieder spielbar. Abgesehen von einer geringfügigen Ergänzung ist dieses Positiv ein Zeugnis der Klangvorstellungen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts in Lübeck.

Daten:
Theodor Vogt (Lübeck) um 1835.
1 Manual, 4 Register, mechanische Spiel- und Registertraktur, Windversorgung mechanisch durch Fußhebel, zusätzlich durch elektrisches Gebläse.

Hugo-Distler-Hausorgel

Eine weitere Besonderheit auf dem Gelände der St. Jakobigemeinde ist die Hausorgel des ehemaligen Jakobiorganisten Hugo Distler. In Erinnerung an die historischen Jakobiorgeln ließ Distler sich dieses Instrument in seiner Stuittgarter Zeit von dem Göttinger Orgelbauer Paul Ott bauen. Nach einer langen Odyssee wurde dieses Instrument 1957 von der damaligen Lübecker Kirche gekauft und stand einige Jahre in der St.-Jürgen-Kapelle. 1976 wurde das Instrument bei der Firma Kemper eingelagert und bald darauf in einer Seitenkapelle in St. Jakobi untergestellt. Einer der beiden Jakobipastoren sammelte Spenden und finanzierte die Restaurierung dieser Orgel. Die Arbeiten führte Harald Knorr von der Firma Karl Schuke – Berliner Orgelbauwerkstatt GmbH, Filiale Hitzacker, aus. Kurz vor Distlers 50. Todestag 1992 wurde die Hausorgel im Distler-Saal (Jakobikichhof 5) eingeweiht.

Daten:
Paul Ott (Göttingen) 1938, 
Harald Knorr (Hitzacker, Karl Schuke-Berliner Orgelbauwerkstatt GmbH) 1992.
Unterwerk (I), Oberwerk (II), Pedal, 16 Register, Tremulant, Schleifladen, mechanische Spiel- und Registertraktur.


Disposition der Großen Orgel

HauptwerkOberwerkBrustwerkRückposititvPedal
Principal 16’ *Bordun 16' *Holzgedackt 8'Principal 8’ *Untersatz 32' *
Octav 8’ *Offenflöte 8'Principal 4'Gedackt 8’ *Principal 16' *
Spillpfeife 8’ * Viola da Gamba 8'Rohrflöte 4'Quintadena 8’ *Subbaß 16'
Octav 4’ *Schwebung 8'Nassat 2 2/3'Octav 4’ *Octav 8' *
Flöte 4’ *Principal 4'Octav 2'Blockflöte 4’ *Gemshorn 8'
Quint 2 2/3’ *Querflöte 4'Waldflöte 2'Octav 2’ *Gedackt 8' *
Octav 2’ Rohrnassat 2 2/3'Terz 1 3/5'Quint 1 1/3’ Octav 4'
Mixtur 6-8fach Spitzflöte 2'Quint 1 1/3'Sesquialtera 2fach *Nachthorn 2'
Scharff 4-5fach Terzflöte 1 3/5'Scharff
 4fachScharff 4-5fach Rauschpfeife 3fach *
Trompete 16’ *Sifflöte 1'Vox humana 8' Cymbel 3fach Mixtur 4fach
Trompete 8’ *Mixtur 5fach TremulantDulcian 16’ Posaune 32' *
Zink 8’ *Fagott 16’ Trechterregal 8’ Posaune 16' *
Trompete 8’ Krummhorn 8’Trompete 8'
Oboe 8’ TremulantTrompete 4'
Tremulant

RP-HW,
OW-HW (doppelt; mechanisch und elektrisch), BW-HW, 
OW-RP,   
HW-Ped, RP-Ped,
OW-Ped

Doppelte Registertraktur mechanisch/elektrisch mit Setzerkombinationen

*) historisches Pfeifenmaterial

Disposition der Stellwagen-Orgel

HauptwerkBrustwerkRückpositivPedal
(C, D, E, F, G, A – c3)(C, D, E, F, G, A – c3)(C, D, E, F, G, A – c3)(C – d´)
Prinzipal 16’Gedackt 8’Gedackt 8’Subbaß 16’
Oktave 8’Quintadena 4’Quintadena 8’Prinzipal 8’’
Spillpfeife 8’Waldflöte 2’Prinzipal 4’Spillpfeife 8’ +)
Oktave 4’Zimbel 2 f.Hohlflöte 4’Oktave 4’
Nasat 2 ⅔’Regal 8’Sesquialtera 2 f.Gedackt 4’
Rauschpfeife 2 f.Schalmei 4’Scharf 3-4 f.Flöte 2’
Mixtur 4f. Trechterregal 8’Rauschpfeife 4 f.
Trompete 8’ Krummhorn 8’Posaune 16’
Trompete 8’ +)
Trompete 4’
Tremulant für BW/HW Regal 2’
Tremulant für RP +) originaleTransmission vom HW
Koppeln:
BW/HW, RP/HW, HW/Pedal

Disposition des Richborn-Positivs

Manualumfang CDEFGA-c'''
Bass-/Discantteilung bei c'/cis'
Principal 8' Discant, ab cis'
Gedact 8’
Principal 4’
Octava 2’
Quinta Bass 1 ½‘,  C–c'
Sexquialter Discant, ab cis'
Sedecima 1’
Dulcian Bass/Discant 8’
Tremulant