Was ist eigentlich ...?


Erde - Unser Element.

Alle Elemente unserer Themenkampagne finden Sie hier unter den Downloads.


Dass Gott den Menschen aus der Erde schuf und ihm das Leben einhauchte, steht in der Bibel. Darin steht auch, dass ein Mensch wieder zur Erde wird, wenn er einmal stirbt. In der Zwischenzeit darf er auf der Erde leben und eigene Erfahrungen machen, die später zu lebhaften Erinnerungen werden. Ein kostbarer Schatz, an den wir in der Trauerfeier denken, wenn Angehörige, Freunde und Freundinnen Abschied von einem Verstorbenen nehmen.

Neben dem, was bleibt, widmen wir uns bei einer Beerdigung dem, was fehlt und nicht wiederkommt. Der dreimalige Erdwurf versinnbildlicht, dass etwas zu Ende geht. Das Grab wird mit Erde bedeckt, die Verstorbenen weich zugedeckt. „Erde zu Erde, Asche zu Asche und Staub zu Staub.“ heißt es dann. Unter der Erde finden die Verstorbenen ihre letzten Ruhestätten. Für die Angehörigen, Freunde und Freundinnen ist so ein Grab oft wichtig: Dort werden Erinnerungen wach und es gibt Raum für Klagen, Bitten und Dank, für offene Fragen und manchmal sogar Antworten.

Auf das, was kommt, weist uns die Fruchtbarkeit der Erde hin. Ein Körper, der darin vergeht, wird zur Quelle neuen Lebens. Das weckt Hoffnung für die Seele. Denn Christinnen und Christen glauben, dass der Tod nicht das Ende ist.

(Text: Pastorin Sara Burghoff)


Radio SAW

Thorsten Keßler spricht mit Bernd K. Jacob über Reerdigung im Nachtprogramm von Radio SAW.


BILD Hamburg

Artikel „Es wäre schön, wenn aus mir Wildobst oder Flieder entstehen würde“


Podcast

The Funeralists Berlin, Barbara im Gespräch mit Pablo Metz


Deutschlandfunk Kultur

Beitrag vom 17.3.2022

Auf dieser Seite informieren wir über aktuelle Bestattungsthemen, berichten über neue Möglichkeiten und geben christliche Impulse sich neuen Wegen zu öffnen.


Ein Pilotprojekt

Die Bestattungskultur ist im Wandel - seit eh und jeh.

Seit es Bestattungsrituale gibt, verändern sich diese mit den Menschen, die eine Gesellschaft prägen. Traditionen sind so lange gut, wie sie gebraucht werden und sich Menschen damit wohl fühlen. Aber neue Denkweisen, veränderte Wahrnehmung, wissenschaftliche Erkenntnisse und Verantwortung für Umwelt und Natur sind Beweggründe, auch neue Wege zu versuchen.

Ein neuer Weg ist die Reerdigung (zweiaktige Erdbestattung), die zur Zeit auf einem Friedhof in unserem Kirchenkreis als Pilotprojekt erprobt wird. Am Ende ist es dann doch wieder nur "Erde zu Erde".

Neben der traditionellen Sargbestattung in einem Erdgrab oder der Einäscherung mit folgender Beisetzung der Asche in Erde oder Übergabe ins Wasser wird bei uns am Ende eines Lebens - sei es lang oder kurz, Ruhe gegeben, mit einer Zeremonie ein letztes Bild für die Erinnerung geschaffen, ein Körper zugedeckt, damit er seinen natürlichen Weg gehen kann.
Und dann ist es die Zeit, die dafür sorgt, dass Asche sich auflöst oder Sarg und Körper ganz in Ruhe zu Erde werden.

Die Circulum Vitae GmbH möchte in Europa ein Verfahren etablieren, dass die natürlichen Vorgänge unter optimalen Bedingungen so ablaufen lässt, dass ein verstorbener Mensch nach 40 Tagen zu fruchtbarem Boden geworden ist und neues Pflanzenleben daraus entstehen kann.

Wir als Kirche begleiten diese Erprobung, machen uns Gedanken zu den Aspekten einer passenden Seelsorge, wollen "neuem" positiv gegenübertreten und lernen, was eine neue Bestattungsart mit uns macht. Das Land Schleswig-Holstein prüft die gesetzlichen Voraussetzungen und schafft so die Grundlage für den gewerblichen Betrieb von Reerdigungen als Alternative zur Feuer- oder Sargbestattungen.
(Text: Bernd K. Jacob)


Natürliche Transformation fördert die Nachhaltigkeit und bewahrt die Bestattungskultur. Immer mehr Menschen versuchen, ein nachhaltiges Leben zu führen und auf Klima- und Umweltschutz zu achten. Wir fahren mit dem Fahrrad zur Arbeit, verzichten auf Plastiktüten und setzen bei der Stromauswahl das Häkchen hinter die Öko-Option. Grün zu leben, ist zu einer wichtigen gesellschaftlichen Haltung geworden, die viele Menschen bewusst wählen. Was aber passiert mit unseren Vorsätzen am Ende des Lebens? Für Viele ist es ein Trost, dass es auch über den Tod hinaus, eine Option gibt, diesen Weg bewusst und vor allem sehr würdevoll zu Ende zu gehen. «Aus der Erde sind wir genommen, zur Erde sollen wir wieder werden», spricht der Geistliche am Grab. Ganz so einfach ist es aber nicht.

Seit 2022 finden in Norddeutschland Reerdigungen statt.

Was ist eine Reerdigung?

Der Körper wird in einem Gebäude auf einem Friedhof in einem speziellen Sarg (Kokon) auf einem Bett aus pflanzlichen Materialien wie Blumen, Grünschnitt und Stroh gebettet. Der 2,50 Meter lange Kokon ist aus langlebigem Edelstahl gefertigt. Damit kann jeder Kokon über viele Jahre genutzt werden und trägt maßgeblich zur Nachhaltigkeit bei. Während die oder der Verstorbene im Kokon ruht, transformieren natürliche Mikroorganismen den Körper in fruchtbare Muttererde. Dieser Vorgang ist einer der ganz ursprünglichen Prozesse der Natur. Alle biologischen Materialien können auf diese Art und Weise in ihre Einzelteile zersetzt und zu Erde werden.

Bei einer Reerdigung können die Organismen schnell und effizient arbeiten. Sie erzeugen bei ihrer Arbeit viel Wärme. Die hohen Temperaturen zerstören schädliche Krankheitserreger und verwandeln Körper, Grünschnitt, Stroh und Blumen in Humus, der für Mensch und Pflanze unbedenklich ist. Aktuelles Beispiel: Ein Corona-Virus überlebt bei diesen Temperaturen maximal 90 Minuten.

Nach Abschluss der Transformation wird die Erde dem Kokon entnommen und kontrolliert. Im Rahmen der Kontrolle können nicht zersetzte Stoffe wie künstliche Gelenke entfernt werden. Außerdem können eventuell verbliebene Knochensegmente ausgelesen, verfeinert und der Erde wieder beigegeben werden. Anschließend erfolgt die Beisetzung der Erde nach dem Willen der verstorbenen Person auf einem Friedhof. Die genaue Ausgestaltung der Grabart obliegt dabei weiterhin den Friedhöfen und den Angehörigen bzw. den Vorsorgenden. Bei einer Reerdigung wird die in jedem Körper enthaltene Kohlenstoffmenge in die Erde aufgenommen. Auf diese Weise werden weitere Nährstoffe im frischen Humus angereichert. Im Gegensatz zu einer Feuerbestattung werden auch keine Klimagase freigesetzt. Die positive CO2 Bilanz beträgt ca 1t pro Bestattung.

Das ist gut für das Klima und den Boden. Damit ist die neue Bestattungsvariante gut für diejenigen, die gehen und diejenigen, die bleiben und noch kommen werden, gleichermaßen.

Mehr erfahren Sie über das Bestattungshaus Ihres Vertrauens oder über Meine Erde

Pröpstin Frauke Eiben zur Projektbegleitung aus kirchlicher Sicht.

Wir sind da: Im stetigen Wandel der Bestattungskultur und der unterschiedlichen Bedürfnisse der Menschen. Wir sind die Experten für gute Rituale. Es gehört zum Kern unserer Aufgaben, Menschen seelsorgerlich in Krisensituationen zu begleiten. Die Bestattungsform Reerdigung knüpft an unsere Bestattungsformel „Erde zu Erde“ an. Wir stehen für die Vielfalt von Bestattungsformen auf unseren Friedhöfen: klassische Erdbestattungen, Urnenbestattungen, Baumgräber u.v.m.. Denn Vielfalt ist uns wichtig, um den Wünschen von Menschen gerecht zu werden. (jeder hat sein Lieblingselement). Dabei ist uns wichtig, bei jeder Bestattungsform das richtige Ritual zu gestalten. Bei der Bestattungsform Reerdigung ergibt sich die Chance nach 40 Tagen noch einmal seelsorgerlich für die Angehörigen da zu sein. 40 Tage sind im biblisch-theologischen Kontext eine wichtige Zahl. Sie steht für Veränderung, Befreiung, Klärung. Evangelische Friedhöfe sind mit dem Schöpfungsgedanken verbunden. Aus diesem Grund passt eine CO2 neutrale Bestattungsform in unser Bemühen die kirchlichen Friedhöfe zeitgemäß und attraktiv zu gestalten.



Was ist eigentlich genau ..?

Fragen stellen und Antworten bekommen. Rund um das Thema Friedhof auf unserem YouTube-Kanal #Wirsindda.
Noch viel mehr Begriffe erklären wir auch in unserem Friedhofs-Wiki.

Bestattung:

ist die mit religiösen oder weltanschaulichen Gebräuchen verbundene Übergabe des menschlichen Leichnams an die Elemente. Die Bestattung erfolgt traditionell in zwei Formen, die gleichberechtigt nebeneinanderstehen. Durch die Erdbestattung (Begräbnis) und die Feuerbestattung (Kremation).

Erdbestattung:

Die Erdbestattung ist beendet, wenn der Leichnam in die Erde versenkt ist. Bei der Feuerbestattung ist zu unterscheiden zwischen der Einäscherung der Leiche und der Übergabe der regelmäßig in einer Urne verschlossenen Aschereste in die Erde oder einen anderen dafür bestimmten Platz. Diese Übergabe wird daher als Beisetzung bezeichnet. Erst mit dieser Beisetzung ist die Feuerbestattung abgeschlossen.

Sarg

Ein Sarg ist ein Behältnis für den Transport, die Aufbahrung und die Bestattung eines Leichnams. In der Regel wird der Sarg beerdigt oder für die Feuerbestattung im Krematorium verwendet. Erdbestattungssärge sollen so beschaffen sein, dass sie in der Ruhezeit voll vergehen können. Für Erdbestattungen darf kein Sarg verwendet werden, der geeignet ist, nachhaltig die physikalische, chemische oder biologische Beschaffenheit des Bodens oder des Grundwassers zu verändern und der die Verwesung der Leiche nicht innerhalb der festgesetzten Ruhefrist ermöglicht.

Beisetzung:

ist die Übergabe der Urne oder des Substrates in die Erde oder die See oder dafür vorgesehene Orte/ Behältnisse.

Grabstätte (Grabstelle):

ein für Bestattungen oder Beisetzungen vorgesehener, genau bestimmter Teil des Friedhofsgrundstücks mit dem darunterliegenden Erdreich. Eine Grabstätte kann mehrere Grabstellen (Gräber) umfassen.“ bekannt.

Grab:

Teil der Grabstelle oder Grabstätte, der der Aufnahme eines menschlichen Leichnams oder – als Urnengrab – der Asche dient.

Gruft (von griechisch Krypta: unterirdischer Kirchenraum):

sind Räumlichkeiten, die zur Bestattung von Särgen, Sarkophagen und Urnen von Verstorbenen dienen, man nennt sie auch ausgemauerte Grabstätten oder Grabgewölbe.

Krematorium

Gebäude zur Einäscherung von Verstorbenen. Den Mitarbeitenden der Krematorien obliebt auch die Handhabung der menschlichen Asche, vollständiges verfüllen in eine Aschekapsel und das ordnungsgemäße versiegeln.

Neue Erde:

Der bei einer Reerdigung durch die natürliche Transformation des Körpers gewonnene Humus, wird "Erde" genannt. In Abgrenzung zur Friedhofserde wird auch von "neuer Erde" gesprochen.

Mausoleum:

ist eine oberirdische Gruft.

Urnen

Urnen, Überurnen oder Schmuckurnen dürfen nicht aus Kunststoffen oder sonstigen nicht verrottbaren Werkstoffen hergestellt werden oder geeignet sein, nachhaltig die physikalische, chemische oder biologische Beschaffenheit des Bodens oder des Grundwassers zu verändern. Auch Urnen und Aschekapseln sollen innhalb der Ruhefrist vollständig vergehen und die Asche an Boden oder Wasser übegeben.

Kolumbarium:

oberirdisch aneinandergereihte Nischen, die in architektonischen Wänden untergebracht sind und die nach der Beisetzung mit einer Abdeckplatte verschlossen werden

Reerdigung

Die Reerdigung ist eine Form der Erdbestattung. Im Rahmen der Reerdigung erfolgt eine natürliche biologische Transformation des Leichnams zu Erde. Der Umwandlungsprozess erfolgt gleichartig, aber wesentlich schneller als bei einer herkömmlichen Erdbestattung.

Alvarium:

Gebäude, in dem Reerdigungs-Kokons und Waben stehen.

Kokon:

Sarg eigener Art, bzw. Reerdigungs-Sarg, in welchen der Leichnam für die Dauer der Transformation gebettet wird.

Wabe:

Schrankähnliche Vorrichtung für die Aufbewahrung des Kokons. Die Wabe enthält einen Mechanismus für das langsame Wenden des Kokons.

Substrat:

organisches Material aus Stroh, Grünschnitt und Blumen, auf welchem der Körper in dem Reerdigungs-Kokon gebettet wird.


Bestattungskultur im Wandel der Zeit.

von Bernd K. Jacob Friedhofsbeauftragter im Ev.-Luth. Kirchenkreis Lübeck-Lauenburg

Wenn wir vom Wandel der Bestattungskultur reden wollen, sollten wir eigentlich bei den Pyramiden anfangen, Sichtbare Zeichen von Rang und die Sicherheit etwas zu hinterlassen, was von der eigenen Präsenz zeugt. Dieser Wunsch ist der rote Faden, der bis heute die Friedhofskultur prägt, bis heute bestimmt dieser Gedanke die Gestaltung der Abschiedskultur

Aber auch viel früher gab es schon den sozial-gesellschaftlichen Dienst von Totenbettung. Bis zu 120.000 Jahre vor unserer christlichen Zeitrechnung.
Im nördlichen Europa wird mit der Errichtung von Hünengräbern auch der Beginn von Spiritualität vermutet, die Errichtung von Grabkammern um den Verstorbenen Ruhe zu gewähren – ein Gedanke, der bis heute zählt.

Aber machen wir einen großen Sprung: Das Jahr Null, längst gab es Zivilisationen, die Grabfelder, Familiengräber, Gedenken und einen besonderen Umgang mit den Toten pflegten. Der bewusste Schnitt durch die Lebenslinie war eine klare Strafe und verwehrte damit ein erfülltes Leben auf Erden. Die christliche Kultur, der christliche Glauben beruhen auf der Faszination und den Ereignissen rund um Sterben, Tod und der Hoffnung auf ein „danach“.

Machen wir wieder einen großen Sprung:

Wir gehen in das mittelalterliche Abendland, die Kirche ist sichtbar und mächtig, hat weit verbreitet Netzwerke, symbolisiert Prunk, Bildung und Privilegien mehr als Hoffnung. Jetzt ist das Ziel nach dem Tod ‚das ewige Leben‘, und je nach Rang und Wirken rücken die Grabstätten möglichst nah an die Altäre. Gräber entwickelten eine eigene Sprache. Sie zeigen den Lohn für gute Dienste, sie präsentieren die Verknüpfung in der Gesellschaft, Stand und Rang. Wer seinen Platz nicht in den Kirchen fand, lag in zentrierter Ordnung auf dem Gelände um die Gotteshäuser. Die Verstorbenen blieben Teil der Gesellschaft und vor allem Teil der Familien. Aber Gräber mahnten auch. Mancher fand seinen Platz nicht in dieser Gemeinschaft oder wurde ausgeschlossen. Erst durch Martin Luther wurden die scheinbaren Privilegien der Grablage langsam wieder aufgehoben.

Neue Regeln prägen die Bestattungskultur, es entsteht das Fundament für unsere heutigen Friedhöfe. Ende des 15. Jahrhunderts: Kirchhöfe und Klostergärten reichten nicht mehr aus, die Bevölkerung wächst und die Konsequenzen der Hygiene zeigen erste Erfolge. Krankheiten und Seuchen machten Abstand erforderlich. Gottesäcker wurden neu angelegt. Meistens außerhalb der Siedlungen, fernab des täglichen Lebens, so dass die Orte weiterwachsen konnten.

Wieder ein Zeitsprung: Im 18. Jahrhundert verändern die neue Park- und Gartenarchitektur, die Sehnsucht nach einem Platz in der freien Natur und die Unabhängigkeit der Grablage von heiligen Stätten das Bild der Bestattungsorte maßgeblich. Wer konnte, errichtete Grablegen in perfekt gestalteter Natur. Es entstand die Idee weitläufiger Parkfriedhöfe.

Da nun aber der Platz selbst keine Aussage über das Leben mehr war, entstand eine neue Gestaltungskultur für das sichtbare Zeichen des gelebten Lebens. Mausoleen, Stelen, Grüfte. Was auch immer bezahlbar war. Aber auch kleine Grabmale entstanden nach individuellen Wünschen, Zeitgeist und Mode spiegelte immer mehr den Stand der aktuellen Gesellschaft wider. Kaum ein Grab ohne Stein und Namen.

An diesem Punkt betreten wir die in Teilen noch heute gültige Ordnung auf Friedhöfen, Anlagen zum Bestattungszweck und einen immer schneller werdenden Wandel in der Bestattungskultur.

Während sich bis jetzt immer nur Grabformen, Stellenwert und Optik der Gräber veränderten, lange Grabreihen weichen geschwungenen Wegen, Bäume, Achsen und Alleen prägen das Bild der Paradiesgärten, wurde Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Einführung von Feuerbestattungen
das Bestattungswesen neu definiert.

Das 20. Jahrhundert – Eine neue Ära: Neben der Erdbestattung wurde in Deutschland nun auch die zweiaktige Feuerbestattung immer üblicher. Dienstleister brachen die alten Strukturen der Leichenfürsorge auf, was bis dato in Familien praktiziert, gelernt und weitergegeben wurde, konnte anonymisiert werden. Der Umgang mit dem Tod, dass er zum Leben dazu gehört, die zwingende Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit wurde unterbrochen. Und so entstand nach und nach ein Tabu, Fremdheit, Lösung von den wichtigen Zeiten, in denen der Tod ein Teil des Lebens war. Die Leere, die entstand, fand bald eine neue Ausdrucksform. Die Grabgestaltung.

Die Zeit der Auseinandersetzung, die zu Beginn der Trauer fehlte, wurde auf liebevolle Weise in der gärtnerischen Gestaltung der Grabanlagen umgesetzt. Jahreszeiten wurden sichtbarer, erblühen und vergehen, winterliche Ruhe, Neuerwachen. Der Gang zum Friedhof wird eine Selbstverständlichkeit (auch wenn er nur der Pflege dient, und um nicht ins Gerede zu kommen) hat sich diese lebendige Ausdrucksform in Deutschland zu einer einzigartigen Friedhofskultur entwickelt, die bis heute besteht, und zurecht 2020 von der Kultusministerkonferenz in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen wurde.

Die 50er und 60er Jahre sind einerseits der Aufbruch in eine neue wirtschaftliche Zeit, andererseits galt aber auch eine gemeine Schlichtheit als angebracht, Fleiß und gemeinschaftlicher Wohlstand wurde das Maß aller Dinge in der breiten Bevölkerung, junge Generationen zogen aus um ein individuelles Leben nach eigene Wertvorstellungen zu führen. Alte, religiös geprägte Werte wurden überdacht.

Auch das wird auf den Friedhöfen sichtbar, ob kirchlich oder kommunal verwaltet, mehr und mehr tauchen anonyme Grabfelder auf, namenlose Gräber sind keine Ausnahme mehr. Die Konsequenzen waren für uns alle damals nicht absehbar, noch waren wir froh über platzsparende Angebote, noch wurden Friedhofsflächen neu angelegt. Die anonymen Urnengemeinschaften waren eine moderne Alternative zum Bohei vergangener Zeiten. Aber auch die logische Grundlage für die immer populärer werdenden Seebestattungen und Bestattungswälder.

Wir begehen das zweite Millennium: Ab jetzt stehen unsere Friedhöfe – sind sie auch noch so alt –
im Wettbewerb zum gewinnorientierten, privatwirtschaftlich betriebenen Bestattungsgewerbe. Ab jetzt ist es nicht mehr selbstverständlich, dass das Angebot der Friedhöfe alternativlos hingenommen wird, ab jetzt müssen wir – erst für uns selbst – dann nach außen – unser Angebot erkennen und darstellen, mit groß angelegten Werbekampagnen mithalten und unsere Strukturen nutzen um wieder Leben auf die Friedhöfe zu bringen, Generationen bei uns zu verbinden und hinhören,
welchen Bedarf auch wir erfüllen können. Heute – noch einmal 22 Jahre später – haben wir dazugelernt, seit wenigen Jahren verändern sich unsere Friedhöfe wieder sichtbar, knüpfen wir an kirchliche Werte an und finden neue zeitgemäße Grabformen. Wir zeigen stolz und selbstbewusst unsere Angebote und geben lebendiger Kultur den Raum, der aus den Orten der Trauer Orte für Begegnung, für Miteinander, Hoffnung und auch Freude macht.

Aber auch die Bestattungsformen haben eine Bandbreite erreicht, die wir sehen müssen, zu der wir eine Haltung haben sollten. Wirken Kohleurnen, Myzelsärge, Asche-Diamanten oder Weltallbestattungen auf uns absurd, haben wir persönliche Meinungen zu Humankompostierung, Wasserurnen oder Streuwiesen? Zeigt diese Angebotsvielfalt jedoch auch hier

den wachsenden Bedarf von Wohlfühlspiritualität. … ist die seelsorgerische Begleitung der Angehörigen ein Angebot, was der Wettbewerb nicht bieten kann. Beratung vor Ort, Bandbreite für Individualität, Bestand in der Gemeinschaft und Gedenkorte ohne jahrzehntelange Pflegeverpflichtung sind Angebote, die die Bindung an unsere Friedhöfe, die Gemeinschaft in den Gemeinden und die Hoffnung in den Familien stärken können.

Außerdem: Ökologie und Nachhaltigkeit sind Themen in aller Munde, mit Friday-for-Futur mahnen uns kommende Generationen, uns dem zu stellen, was wir einmal zurücklassen. Unsere Heimat, unsere Erde. Wenn wir also heute darüber nachdenken, wie wir einmal von dieser Erde gehen wollen, neben der Darstellung der eigenen Person, dem Trost für Angehörige und einem Ort, an dem die Erinnerung an uns wachgehalten werden kann, ist unser Fußabdruck ein wichtiger Bestandteil
der Überlegungen. Die Entscheidung fällt – nach bestem Wissen und Gewissen – also nach dem, was uns gesagt wurde, was Werbeversprechen emotional anpreisen und wo wir uns zu Lebzeiten abgeholt fühlen.
Darum ist es wichtig, dass Kirche spricht, über den Tellerrand schaut und sich Diversität
auch auf Friedhöfen spiegelt. Dass die Bandbreite unserer Gesellschaft abgeholt wird und in den Gottesäckern ein Stück Heimat findet. (wiederfindet)

Mit Corona stehen wir vor einer unbekannten Aufgabe: Wie verändert sich die Sterberate?
Erdbestattungen für Coronaopfer? Trauer ohne Feier? Seelsorge ohne Kontakt?
Neben all den Fragen, auf die es noch keine Antworten gab erhielten Friedhöfe, gerade in städtischer Lage während der ersten beiden Pandemiejahre große Aufmerksamkeit. Als Treffpunkt im Freien, Rückzugsort vom Alltag, Neustart für die Sinne.
Parkbänke wurden aufgestellt, Sitzecken geschaffen und freie Flächen für Trauerfreiern Open-Air genutzt, so wurde aus der Not eine Tugend, aus Brachflächen Kulturorte, aus vergessenen Winkeln wurden Oasen.

Nicht jeder Friedhof wird die kommenden Jahre überstehen, finanzielle Zwänge sind das Maß aller Dinge und wenn sinkende Bestattungszahlen den Betrieb unmöglich machen, bleibt uns keine andere Wahl. Aber es gibt Chancen: Moderne Verwaltungszusammenschlüsse können effektive Lösungen sein, zeitgemäße Grabformen können Entscheidungen beeinflussen, offene Kommunikation über drohende Verluste und denkbare Zukunftsprojekte können Bindung schaffen.

Nicht jeder Friedhof muss eine große Angebotsvielfalt bereithalten, aber regional gesehen sollten Gruppen von Beerdigungsorten dem Wunsch nach Individualismus Rechnung tragen, Alleinstellungsmerkmale ausarbeiten und so das Angebot umliegender Friedhöfe ergänzen. Nicht jeder Friedhof braucht einen Schmetterlingsgarten oder Rasengräber, nicht überall brauchen wir Urnengemeinschaften, Kolumbarien oder Baumgräber, der eine vielleicht streng und formal, der andere wild und natürlich. Selbst entwickeln oder kopieren, was auch immer wir in Zukunft anbieten werden, der Tod brauch das Leben, die Friedhofskultur brauch die Kultur auf Friedhöfen und Gemeinschaften brauchen nachhaltige Angebote an alle Generationen.

Als Kirche brauchen wir den Mut, über Friedhöfe, Tod und Hoffnung zu reden. Als junger Mensch brauchen wir eine Hand, die uns zeigt, welchen Weg wir gehen können. Als Senior brauchen wir jemanden, der zuhört. Wir alle treffen – unser Leben lang – mündige Entscheidungen, die Möglichkeit dazu haben wir bis ans Ende unserer Tage.  –bkj–