100 Tage Propst in Lübeck: Wie steht Kirche da, Herr Erckens?
Lübeck. 100 Tage ist Oliver Erckens als neuer Propst in Lübeck im Amt. Zeit für eine erste Bilanz. Ein Gespräch.
Interview mit Propst Oliver Erckens
Sie sind jetzt 100 Tage im Amt. Reichte die Zeit aus, sich intensiv einzuarbeiten?
Oliver Erckens: Die Zeit war sehr intensiv! Ich habe viele Menschen getroffen und werde noch mehr kennenlernen. Dabei half mir, dass ich gut vorbereitet starten konnte. Schon vor Dienstbeginn hatte ich einen gemeinsamen Monat mit meiner Vorgängerin Petra Kallies. Von ihr habe ich viel gelernt. Zudem bin ich sehr dankbar für meinen erfahrenen Amtskollegen und ein super Team.
Wie steht der Kirchenkreis aus Ihrer Sicht da?
Oliver Erckens: Egal ob alteingesessene Ehrenamtliche, jugendliche Teamende oder erfahrene Verwaltungskräfte in der Kirchenkreisverwaltung: Den Menschen liegt an unserer Kirche und ihnen ist der Kern unseres Auftrags wichtig, Gottes Liebe zu den Menschen weiterzutragen. Insofern haben wir ein riesengroßes Pfund. Das brauchen wir auch. Denn gleichzeitig weiß ich von vielen Menschen, für die wir nicht mehr relevant sind. Sie leben ihren Glauben an Gott ohne uns als Glaubensgemeinschaft. Ihrer Sehnsucht nach Sinn gehen Sie auf anderem Weg nach. Das führt dazu, dass immer weniger Menschen in der Kirche sind und finanzielle Mittel sinken. Und das geht sehr viel schneller, als alle gedacht hätten.
Identität und Struktur finden
Wo sehen Sie perspektivisch den größten Handlungsbedarf?
Oliver Erckens: Wir müssen eine gemeinsame Identität und eine kirchliche Struktur finden, die uns Handlungsspielräume schafft. So können wir auch im Kleinerwerden deutlicher in der Nachfolge Jesu Christi werden.
Die finanziellen Mittel schwinden, der Unterhalt von historischen Gebäuden ist kostenintensiv. Haben Sie als Propst überhaupt Möglichkeiten, zu gestalten?
Oliver Erckens: Mir geht es vor allem darum, den schwierigen Entscheidungsprozess verantwortlich mitzugestalten. Die Menschen, die weiterhin in der Kirche sind, wollen oft umso stärker mitgestalten. Sie interessieren sich für die neuen Wege, die wir einschlagen.
Gern hört man das Argument, die Kirche habe genug Geld. Die Bereitschaft zum Spenden ist begrenzt. Was entgegnen Sie?
Oliver Erckens: Die großen Altstadtkirchen in Lübeck, die sieben Türme, sind ein gutes Beispiel. Das sind riesige Gebäude und große Vermögenswerte, materiell wie immateriell. Gleichzeitig ist der Unterhalt kaum zu bezahlen. Wenn es überhaupt gelingt, dann nur in einer großen Solidarleistung. Das zeigt sich gerade wieder: Alle packen zusammen an.
Der Abschied von Gebäuden gehört dazu
In mehreren Gemeinden laufen Gebäudeprozesse. Zwei Gemeinden entwidmen im Herbst Kirchen. Das sind keine schönen Meldungen. Sorgen Sie sich um das Image der Kirche? Könnte der Eindruck entstehen, Kirche befände sich auf dem Rückzug?
Oliver Erckens: Mit Blick auf die Zahl an Mitgliedern und die flächendeckende Versorgung befinden wir uns tatsächlich im Rückzug. Wir werden kleiner. Immer mehr Menschen entscheiden sich durch ihren Austritt gegen eine Kirche vor Ort. Das müssen wir zur Kenntnis nehmen. Der Abschied von Gebäuden und Kirchen gehört dazu. Für mich zeigt sich darin beides: Die vielen Erinnerungen, die Menschen über lange Zeit mit diesen Gebäuden verbanden und die jetzt nochmal gefeiert und wertgeschätzt werden und der Schmerz, dass ein geliebter und vertrauter Ort nicht mehr benötigt wird.
Aufbruchstimmung ist längst da
Der Kirchenkreis hat mit der Expedition Kirche einen Reformprozess angestoßen, der aber in den Gemeinden längst nicht allerorts mit Begeisterung begleitet wird. Wie kann es gelingen, Aufbruchstimmung zu erzeugen?
Oliver Erckens: Die Aufbruchstimmung ist längst da. Denn in einem sind sich fast alle einig: Es muss sich etwas verändern. Ein „Weiter so“ kann es nicht geben. Uneinigkeit besteht darüber, wo die Reise hingehen soll und wie es gelingen kann, die Kirche Jesu Christi nach bestem Wissen und Gewissen an die Herausforderungen der Zeit anzupassen. Da ist richtig Musik drin! Und auch, wenn es viele engagierte Diskussionen geben wird, zeigt mir das vor allem: Den Menschen liegt an der Kirche.
Worauf kommt es in den kommenden Monaten an?
Oliver Erckens: So viel und so gut es geht zuzuhören und transparent zu kommunizieren – besonders dort, wo wir neue Wege suchen.
Gibt es seit Ihrem Amtsantritt Dinge, von denen Sie positiv überrascht worden sind?
Oliver Erckens: Mich beeindruckt, wie wichtig vielen Menschen in Lübeck die Kirche ist. Das spüre ich an der Offenheit, Wertschätzung und Freundlichkeit, mit der von allen Seiten in der Stadtgesellschaft begegnet wird.
Gibt es Dinge, die Sie ganz anders erwartet haben?
Oliver Erckens: Bisher nicht, aber das wird sicher noch kommen.
Ich entdecke etwas Neues: Trotz
Wie sehr sorgen Sie sich um die politische Stimmung im Land?
Oliver Erckens: Ich gebe die Hoffnung so schnell nicht auf und entdecke dabei eine neue Seite meines Gefühlsspektrums: Trotz! Der hält mich wach und aktiv. Ich erlebe, dass es vielen so geht. Ob bei der Mahnwache auf dem Lübecker Marktplatz anlässlich des Anschlags beim CSD, den beeindruckend engagierten Jugendlichen beim Musical „Die Flut“ oder die berührenden Momente beim großen Kirchenmusikfest in Lübeck. Überall kommen unterschiedliche Menschen zusammen und machen klar, dass sie für Verständigung und ein gutes Miteinander einstehen.
Was kann Kirche in der zweitgrößten Stadt Schleswig-Holsteins tun, sich gegen den Rechtsruck zu stellen?
Oliver Erckens: Die Kirche muss immer wieder zweierlei tun: Stellung beziehen, wenn Menschen unter die Räder zu drohen geraten und gleichzeitig Verständigungsorte schaffen. Also Orte, an denen sich Menschen, die sich sonst nicht begegnen, ins Gespräch kommen.
Blicken wir in die Zukunft: Welche drei Dinge wollen Sie in einem Jahr geschafft haben?
Oliver Erckens: Erstens: Die Lübecker und Lübeck besser kennengelernt. Zweitens: Alle kirchlichen Gemeinden und Gebäude einmal besucht. Drittens: Meinen Urlaub so legen, dass ich mehr spannende Ereignisse in Lübeck mitbekomme, wie zum Beispiel dem Hansekulturfestival, die Travemünder Woche und das Drachenbootrennen.