Lübeck-Lauenburg

75 Jahre Bauhütte: Hier wird die Kirche von Siebeneichen herausgeputzt

Siebeneichen/Lübeck. 75 Jahre - so alt wird die Kirchenbauhütte des Kirchenkreises in diesem Jahr. Bis zum Jubiläumstag am 11.9.2026 schauen wir auf ihre wichtige Arbeit zum Erhalt der 72 denkmalgeschützte Kirchen und Kapellen im Kirchenkreis. Heute: Besuch auf der Baustelle in Siebeneichen.

Kirchenbauhütte feiert Jubiläum

Beim Blick auf die Orgel-Empore in der Kirche St. Johannis von Siebeneichen gibt es in diesen Tagen ein Schattenspiel zu erleben. Hinter den abgeklebten Planen huschen Silhouetten umher. Doch es ist keine Theatergruppe, die dahinter werkelt - es sind die Mitarbeitenden der Bauhütte. "Wo wir hinkommen, wird es meist staubig", sagt Sven Kalkhorst-Fechner, Leiter der Bauhütte. Und deshalb wurde die gesamte Empore eingehaust - “sodass nichts vom Baustaub in das Kirchenschiff gelangt.”

In jeder Hinsicht besondere Arbeitsorte

Bei allein rund sechzig Prozent der Arbeiten, welche die Bauhütte hier in der Feldsteinkirche aus dem 18. Jahrhundert, ausführt - geht es um Schutz von Inventar wie etwa die liturgische Ausstattung, mobile Orgeln oder andere Kunstschätze. Fast bei jedem Einsatz der Kirchenbauspezialist:innen ist der Arbeitsort besonders. Von unvorhersehbaren Schäden über Denkmalschutz bis hin zu schlecht zugänglichen Arbeitsbereichen ist alles dabei - so auch bei St. Johannis in Siebeneichen.

Abgestimmte Baumaterialien

Hier wurde 2025 die historisch bedeutende Meyer-Orgel aus dem Jahr 1847 ausgebaut, die seitdem in der Werkstatt des Orgelbauers Jörg Bente aufwändig restauriert wird. "Im Zuge dessen wurden Schäden an der Decke über den Seitenemporen festgestellt", sagt Kalkhorst-Fechner. "Ziel war es, die Decke wieder wie zuvor herzustellen, aber es war noch nicht ganz klar, wie groß die Schäden sind." Als das Team mit den Maurer-Kollegen Christian Bracker und Hannes Lehmann die Schilfdecke an den beschädigten Stellen öffnete, wurde klar, dass die Traglattung kaputt und lose war und größtenteils erneuert bzw. neu befestigt werden musste. "Wir haben dann den Schilf wieder neu aufgebracht und dann folgte der Putz."


Schilfmatten wurde als Putzträger eigentlich nur bis in die 1960er-Jahre verwendet. Aus Denkmalschutzgründen kommt das Material hier weiterhin zum Einsatz, weil es bereits Bestandteil der historischen Konstruktion ist. Angepasst wurde jedoch die Verbindungstechnik: Heute wird für eine lange Haltbarkeit auf rostfreies Material geachtet. Ebenso achtet die Bauhütte mit ihrem jahrhundealten Wissen auch bei Farben, Mörtel und allen weiteren zu verarbeitenden Stoffen auf Verträglichkeit mit der bereits bestehenden Bausubstanz.

Jede Kirche bringt eigene Herausforderungen mit sich

Oben hinter der Plane auf der Seitenempore ist Hannes Lehmann noch mit den restlichen Putzarbeiten der Decke beschäftigt. Um dort arbeiten zu können, musste das Team der Bauhütte sich eine besondere Konstruktion überlegen. "Die Bänke auf der Empore sind fest mit dem Boden verbunden und ließen sich einfach nicht ausbauen", erklärt der Maurer. Jetzt sorgt eine Zusatzkonstruktion aus Holzbrettern mit Diagonalen über und unter den Bänken für eine Arbeitshöhe von knapp 2,80 Metern. „Man hat vor Ort immer mit besonderen historischen Gegebenheiten zu tun, die sich nicht einfach verändern lassen", sagt Kalkhorst-Fechner. "Keine Kirche ist wie die andere – und genau deshalb bringt jedes Gebäude seine ganz eigenen Herausforderungen mit sich.“

So auch der Dielenboden der Orgelempore, der noch abgeschliffen werden muss, bevor die Orgel wieder zurück an ihren Ursprungsort kommt. Hier stehen noch Beprobungen aus, damit die richtige technische Bearbeitung festgelegt werden kann. Der Bauhüttenmeister entnimmt dafür Material, das anschließend im Labor untersucht wird. Denn in einer jahrhundertealten Kirche erzählt fast jeder Baustoff seine eigene Geschichte. Manches ist auf den ersten Blick sichtbar, anderes kommt erst bei genauerem Hinsehen zum Vorschein. Für die Bauhütte heißt das: lesen, untersuchen – und dann entscheiden, wie es weitergeht.

Hintergrund: Die Kirchenbauhütte

Die Kirchenbauhütte Lübeck-Lauenburg, einzigartig in Norddeutschland, kümmert sich seit 1951 um den Erhalt und die Sanierung der 72 denkmalgeschützten Kirchen und Kapellen im Kirchenkreis. Dabei bewahren die neun Handwerker und zwei Lehrlinge nicht nur Gebäude, sondern auch jahrhundertealtes Wissen: Die Tradition der Bauhütten reicht bis ins Mittelalter zurück und verbindet überlieferte Handwerkstechniken mit moderner Denkmalpflege. Das Bauhüttenwesen ist von der UNESCO als Immaterielles Kulturerbe der Menschheit anerkannt.