Lübeck

Ausstellung St. Marien: Erinnerung an deportierte Lübecker Jüdinnen und Juden

Lübeck. „Nur wenn wir verstehen, was geschehen ist, können wir verhindern, dass sich Ausgrenzung und Hass wiederholen.“ Mit diesen Worten beschreibt die Künstlerin Dagmar Calais den Gedanken hinter der Ausstellung „Zachor: Erinnere Dich!“, die vom 2. bis 31. August 2026 in St. Marien zu Lübeck zu sehen ist. Gemeinsam mit dem Kunsthistoriker Chris Steinbrecher erinnert sie an die Deportation von Lübecker Jüdinnen und Juden nach Riga im Dezember 1941.

Deportation nach Riga: Das Schicksal von 92 Menschen aus Lübeck

Am 6. Dezember 1941 verschleppten die Nationalsozialisten 92 Männer, Frauen und Kinder aus Lübeck über Hamburg nach Riga. Nur sechs von ihnen überlebten den Holocaust.

Was die Deportierten nach ihrer Ankunft in Riga erwartete, zeigt ein weiterer Schwerpunkt der Ausstellung: das Massaker von Rumbula. Ende November und Anfang Dezember 1941 ermordeten die Nationalsozialisten in einem Wald nahe Riga innerhalb von zwei Tagen mehr als 25.000 jüdische Menschen. Parallel dazu trafen Deportationszüge aus deutschen Städten in Riga ein – darunter auch aus Lübeck. Die Lübecker wurden im Gut Jungfernhof untergebracht, und im März 1942 ermordeten die Nationalsozialisten rund 1.800 Gefangene aus Jungfernhof im Wald von Bikernieki. 

„Vielen Menschen ist dieser Zusammenhang überhaupt nicht bewusst“, sagt Dagmar Calais. „Deshalb erzählen wir diese Geschichte dort, wo die Transporte ihren Ausgang nahmen. Es geht um Menschen aus unserer Mitte und darum, was mit ihnen geschehen ist.“

Begehbare Bilder machen Geschichte greifbar

Seit vielen Jahren entwickeln Dagmar Calais und Chris Steinbrecher sogenannte „begehbare Bilder“: Installationen, die Geschichte nicht nur zeigen, sondern Besucherinnen und Besucher mitten ins Geschehen versetzen. In St. Marien führt ein Rundgang Schritt für Schritt durch die Ereignisse.

Die Ausstellung beginnt bei der alten Synagoge in Lübeck, zeigt die zunehmende Ausgrenzung, den Bahnsteig der Deportation und den Weg nach Lettland. Großformatige Gemälde, Zeichnungen, Porträtbilder und eine Videoinstallation erzählen von den Massakern in Rumbula sowie vom Schicksal der Menschen, die aus Lübeck deportiert wurden. „Wir wollen diese Geschichte nicht über lange Texte erzählen, sondern über Bilder und Räume“, erklärt Calais. „Die Besucher können den Weg ein Stück weit emotional nachvollziehen.“ Ein großer Teil der Ausstellung besteht aus einer Installation mit 92 Stelen. Auf jeder Stele steht Name und Alter eines deportierten Menschen. QR-Codes führen direkt zu den Biografien, die die Lübecker Stolperstein-Initiative zusammengetragen hat.

Dagmar Calais: Wald von Rumbula

Erinnerung als Auftrag für die Gegenwart

Für Dagmar Calais endet Erinnerung nicht mit dem Blick in die Vergangenheit. Die Ausstellung ist für sie auch eine Einladung zum Dialog über das gesellschaftliche Miteinander.

„Gerade heute ist es wichtig, zu verstehen, was Ausgrenzung bedeutet“, sagt sie. „Viele Menschen kennen dieses Gefühl aus ihrem eigenen Leben. Wenn Geschichte greifbar wird, merken wir: Das gehört zu unserer Geschichte. Sie erinnert uns daran, wachsam zu bleiben und gemeinsam dafür einzustehen, dass sich solche Verbrechen nicht wiederholen.“

St. Marien als Ort des Erinnerns

Für Pastor Robert Pfeifer passt die Ausstellung gut in die Marienkirche: „St. Marien ist eine Kirche, in der das Erinnern einen besonderen Platz hat. Wir sind ein Gedenkort. Aus dem Erinnern ziehen wir auch Verantwortung für die Gegenwart.“

Im August rechnet er mit rund 25.000 Besucherinnen und Besuchern und hofft, dass viele Menschen die Ausstellung bewusst wahrnehmen: „Aus der Geschichte heraus können wir die Ereignisse der Gegenwart neu und anders beurteilen.“

Kirchen tragen laut Pastor Pfeifer eine besondere Verantwortung für das Erinnern an den Holocaust. „Das Erinnern an jeden einzelnen Menschen ist tief in unserem christlichen Glauben verwurzelt. Gleichzeitig müssen wir benennen, dass Kirchen in der Geschichte auch Schuld auf sich geladen haben. Dazu zu stehen und Schuld zu bekennen, gehört zu unserer Aufgabe.“