Alireza Asadollahi

„Das Gleis 21 ist meine zweite Familie“

Als Alireza Asadollahi 2018 nach Deutschland kommt, ist er 23 Jahre alt. Hinter ihm liegt die Reise aus dem Iran, vor ihm ein Leben, über das er noch so gut wie nichts weiß. Er ist allein, ohne Familie, ohne Freunde. Er kennt niemanden, spricht kein Deutsch. „Ich hatte Angst“, erinnert sich der heute 31-Jährige. Angst vor dem Alltag, vor einer ungewissen Zukunft. Wie soll er sich in einem Land zurechtfinden, dessen Sprache er nicht versteht?

Eine Mitarbeiterin der Ratzeburger Stadtverwaltung gibt ihm schließlich einen entscheidenden Tipp: Er solle einmal beim Jugendzentrum Gleis 21 vorbeischauen. Alireza zögert. Wieder fremde Menschen, wieder eine unbekannte Situation. Doch er überwindet sich. Eine Entscheidung, die sein Leben verändern sollte.

Verständigung auch ohne gemeinsame Sprache

„Ich habe die Sprache der Mitarbeitenden zwar nicht verstanden, aber wir konnten uns trotzdem verständigen“, erzählt er. Was zunächst mit Händen und Füßen funktioniert, wird schnell zu mehr. Die Mitarbeitenden nehmen sich Zeit, helfen ihm beim Deutschlernen. „Ich habe die Sprache sehr schnell gelernt“, sagt Alireza.

Vor allem aber geben sie ihm etwas, das er seit seiner Ankunft in Deutschland vermisst hat: das Gefühl, willkommen zu sein. Aus ersten Begegnungen werden vertraute Kontakte. Wenn er Fragen hat, findet er im Gleis 21 Menschen, die ihm zuhören. Sie begleiten ihn bei Behördengängen, helfen bei persönlichen Schwierigkeiten und sind auch dann für ihn da, wenn ihn seelische Probleme belasten.

Das Jugendzentrum wird für den jungen Iraner zu einem festen Anlaufpunkt. Hier kann er Fragen stellen, ohne sich dafür schämen zu müssen. Hier findet er Unterstützung in einem Alltag, der ihm anfangs so viel Angst gemacht hat.

Vom Jugendzentrum in den Beruf

Die Hilfe bleibt nicht auf das Jugendzentrum beschränkt. Das Team unterstützt Alireza auch bei der Suche nach einer beruflichen Perspektive. Schließlich ergibt sich eine Möglichkeit direkt in der Nachbarschaft: In einem benachbarten Handwerksbetrieb kann er eine Ausbildung zum Maler beginnen. Das Gleis 21 hat bei der Vermittlung geholfen.

Mit der Zeit wächst sein Selbstvertrauen. Aus dem jungen Mann, der sich anfangs kaum traute, auf andere Menschen zuzugehen, wird jemand, der selbst Verantwortung übernimmt. Heute ist Alireza mehrfach in der Woche im Gleis 21. Nicht mehr, weil er Hilfe bei seinen ersten Schritten in Deutschland braucht, sondern weil er für andere da sein möchte. Er malt mit Kindern, treibt mit Jugendlichen Sport und verbringt Zeit mit ihnen.

„Ich möchte etwas zurückgeben“

Auch außerhalb des Jugendzentrums engagiert sich Alireza. Seit fünf Jahren gehört er der Freiwilligen Feuerwehr in Ratzeburg an. In dieser Zeit hat er zahlreiche Lehrgänge und Qualifikationen absolviert. „Ich möchte etwas zurückgeben“, sagt er.

Seine Zukunft hat er inzwischen ziemlich genau vor Augen. Er möchte die deutsche Staatsangehörigkeit erwerben und eines Tages hauptberuflich als Feuerwehrmann arbeiten. Am liebsten würde er dafür in Schleswig-Holstein bleiben. Allerdings stehen diesem Wunsch derzeit rechtliche Hürden entgegen.

Dass ausgerechnet das Gleis 21, der Ort, an dem für ihn in Ratzeburg so vieles begonnen hat, nun vor der Herausforderung steht, die laufenden Mietkosten zu finanzieren, lässt ihn nicht unberührt.

Acht Jahre sind vergangen, seit Alireza zum ersten Mal die Tür des Jugendzentrums geöffnet hat. Damals war er ein junger Mann, der sich in einer fremden Umgebung zurechtfinden musste. Heute hat er einen Beruf gelernt, engagiert sich bei der Feuerwehr und unterstützt selbst junge Menschen.

Seine Verbindung zum Gleis 21 ist geblieben. Dreimal in der Woche kehrt er durchschnittlich dorthin zurück, wo er einst Hilfe gesucht und Menschen gefunden hat, die ihn aufgenommen haben. Für Alireza lässt sich die Bedeutung dieses Ortes deshalb kaum in Worte fassen. Und doch findet er am Ende einen Satz, der alles zusammenfasst: „Die Menschen hier, diese Einrichtung – das sind meine zweite Familie, mein zweites Zuhause.“