Die Grüfte der Lübecker Kaufleute - Einblicke in St. Marien
Lübeck. Faszinierende Einblicke in das historische Welterbe Lübeck liefern zurzeit archäologische Untersuchungen unter dem Fußboden von St. Marien in Lübeck. Im Fokus stehen dabei die historischen Grüfte und deren Bedeutung als Bestattungsorte der Hanse-Eliten. Ganz neu: Über beleuchtete Infotafeln erfahren Besucherinnen und Besucher mehr über die Arbeiten der Archäologen.
Grüfte als Fenster in die Vergangenheit
“So eine Gelegenheit bekommt man nur einmal in hundert Jahren”, schwärmt André Dubisch, Leiter der Innenstadtarchäologie bei der Hansestadt Lübeck. Gemeinsam mit seinen vier Kolleginnen und Kollegen erforscht er seit Monaten die tieferen Schichten unter dem Fußboden von St. Marien.
Freskenmalereien und Inschriften aus dem 17. Jahrhundert, Fundamentreste und Backsteinmauern: Mit Schaufeln und Besen legt das Team an mehreren Stellen im Kirchraum Fenster in die Vergangenheit frei; Einblicke in Jahrhunderte, in denen sich reiche Lübecker Kaufleute Grabstätten in der Kirche sicherten. Anlass für die Arbeiten sind die Vorbereitungsmaßnahmen zum Einbau einer neuen Fußbodenheizung.
Blog-Beiträge und Info-Tafeln zu den Arbeiten
Über die Arbeit seines Teams informiert Dubisch regelmäßig im Blog “Unter St. Marien - Chroniken aus der Tiefe”. “Für die Lübecker Archäologie ist es eine ganz besondere Grabung. St. Marien ist die Kirche der Hanse-Kaufleute und wir erfahren hier viel über ihre Bestattungen. So schnell wird man nicht wieder so nah drankommen.”
“Die Funde eröffnen ganze Welten der Vergangenheit”, sagt auch Marienpastor Robert Pfeifer. “Sie machen sichtbar, wie Menschen über Jahrhunderte hinweg Kirche als Ort der Hoffnung und der Geborgenheit verstanden haben. Hier wird deutlich, wie eng kirchliches Leben und städtische Entwicklung miteinander verwoben sind.”
Inschriften und Freskenmalereien für die Toten
Unter dem Nordturm von St. Marien erleuchten Scheinwerfer eine Baugrube. Hier arbeiten die Grabungshelfer:innen Joana Laura Noack und ihr Kollege Thai Nguy daran, alte biblische Inschriften und Malereien freizulegen, die den Toten mit auf den Weg gegeben wurden. “Man sieht hier zwei Gruftkammern. Die eine Gruftkammer ist sehr groß”, erläutert Grabungsleiter Jonas Stalfort. “Wir gehen Schicht für Schicht runter. Hier gibt es viel kalkhaltigen Schutt, mit Backsteinresten.”
Grüfte wurden zugeschüttet und teilweise zerstört
Alles deutet darauf hin, dass hier mehrere Personen bestattet wurden. Womöglich handelt es sich um ein Familiengrab. “Durch den kalkhaltigen Schutt sind die Inschriften sehr gut erhalten”, erläutert sein Kollege André Dubisch. “Früher gab es solche Grüfte flächendeckend unter dem Kirchenboden”, so der Archäologe. “Wir gehen davon aus, dass die Grüfte oft sehr tief waren und die Toten auf Bretterlagen auch übereinander bestattet wurden.”
“Heute sehen wir, dass viele Grüfte fehlen. Es gab in früherer Zeit massive Eingriffe in den Boden.” Die Gräber seien teilweise schon im 19. Jahrhundert leergeräumt, mit Sand und Schutt gefüllt und sogar zerstört worden.“
Gräber als Zeugnisse der "hansischen Elite“
“Die Malereien, die wir hier finden, sind in der Qualität, Form und Größe einmalig für Norddeutschland”, so Dubisch. Das sei ihm vom Lübecker Gruftforscher Andreas Ströbl bestätigt worden, der regelmäßig zu den Ausgrabungen kommt. “Die Funde zeugen von der sogenannten ‘hansischen Elite’, die weit über den vermuteten Niedergang der Hanse hinaus Bestand gehabt hat. Wer sich im 17. Jahrhundert so eine Grabliege leisten konnte, der hatte Geld.”
Wenn es nach Dubisch ginge, dürfte der Boden von St. Marien gern komplett geöffnet werden. “Das wäre super spannend – einfach, um noch mehr über die Bestatteten zu erfahren.” Parallel laufen Forschungen im Stadtarchiv. Über die Inschriften der Grabplatten und die Lage der Gräber erhoffen sich die Forschenden Informationen darüber, wer genau hier bestattet wurde. “Die Arbeiten im 19. Jahrhundert müssen dokumentiert worden sein. Davon erhoffen wir uns mehr Erkenntnisse.”
Zwei Grabungskampagnen im Zuge der Sanierung
Im Zuge der geplanten Sanierung von St. Marien und in Vorbereitung der neuen Fußbodenheizung sind zwei “Grabungskampagnen” vorgesehen. Die erste begann im November 2025 und geht noch bis Ende April 2026. Die zweite startet im Oktober 2026, wenn die Kirche zum Einbau der Heizung geschlossen sein wird. Dann soll u.a. der Chorbereich archäologisch genauer untersucht werden. Hier sind in einer Grabungstelle Mauerreste der romanischen Basilika von etwa 1200 zu erkennen; ein Tonnengewölbe und eine Grabplatte deuten auf die unterschiedlichen Baumaßnahmen über die Jahrhunderte hinweg.
Wie geht es mit den Ausgrabungsorten weiter?
Wie geht es nach den Ausgrabungen weiter? “Wir wollen natürlich nichts zerstören, was erhalten bleiben kann. Stadt, Kirchengemeinde und der Kirchenkreis Lübeck-Lauenburg wollen gemeinsam ein Konzept erarbeiten – mit dem Ziel, Teile der Ausgrabungen auch über die Baumaßnahmen in der Kirche hinaus sichtbar bleiben”, so Dubisch.
“Viele Besucherinnen und Besucher sind begeistert und sehr interessiert an dem, was hier passiert”, sagt Marienpastor Robert Pfeifer. “Deswegen wäre es toll, wenn wir eine Form finden, das langfristig zugänglich zu machen.”
Während der Öffnungszeiten der Kirche haben Besucher:innen die Möglichkeit, sich einen Eindruck von den Arbeiten zu verschaffen.