Lübeck

61 Jahre voll Geschichte: Abschied von der Dreifaltigkeitskirche

Lübeck. Die Kirchengemeinde Kücknitz in Lübeck hat Abschied genommen: Im Rahmen eines Gottesdienstes mit mehreren hundert Besuchenden ist die Dreifaltigkeitskirche (4. Oktober 2026) entwidmet worden. 

“Dankbarkeit und Abschiedsschmerz - beides bringen wir heute vor Gott”, sagte Pastor Albrecht Martins. Propst Oliver Erckens bekannte “Was war das für eine reiche Zeit”. In den vergangenen Tagen und Wochen habe er viele Gespräche mit Gemeindemitgliedern geführt, Geschichten - schöne wie schwere - gehört. Einige dieser Geschichten fanden Einzug in den Gottesdienst: Die Ehefrau des ersten Kirchenmusikers erinnerte an die Anfänge in den 1960er-Jahren, die Gründung von Chören und Musikgruppen in dem Stadtteil Roter Hahn. Der langjährige Küster erinnerte an berufliche und persönliche Momente - und an das lange Läuten der Kirche um 18 Uhr. “Da wussten alle Kinder, dass sie vom Spielen nach Hause kommen sollten.”

Der PopcOhr unter Leitung von Kantorin Olga Mull umrahmte den Abschiedsgottesdienst. “Heal the World” von Michael Jackson oder “Halleluja” von Leonard Cohen gaben der Zeremonie einen besonderen, sehr emotionalen Rahmen.  

„Das Herz braucht manchmal länger als der Verstand“

Bischöfin Kirsten Fehrs erinnerte an die mehr als 60-jährige Geschichte des Gotteshauses – und warb zugleich für einen zuversichtlichen Umgang mit den Veränderungen in der Kirche. Dabei verschwieg sie nicht, wie schmerzhaft der Abschied von einem vertrauten Ort sein kann. „Und trotzdem ist es schwer, ein vertrautes und warm geliebtes Haus zu verlassen. Das ist und bleibt eine Zumutung“, sagte Fehrs. „Das Herz braucht da manchmal länger als der Verstand.“

Die Bischöfin erinnerte an die besondere Entstehungsgeschichte der Dreifaltigkeitskirche. Sie wurde in einer Zeit gebaut, in der Lübeck nach dem Zweiten Weltkrieg stark gewachsen war und viele Menschen nach Flucht und Vertreibung in der Stadt ein neues Zuhause fanden. „Hier lebten Menschen, die alles verloren hatten“, sagte Fehrs. Viele von ihnen hätten zugleich ihre „kernige Kirchlichkeit“ mitgebracht und seien es gewohnt gewesen, „zuzupacken“.

Bischöfin Fehrs: „Das Dreieck trägt alles“

Über sechs Jahrzehnte wurde die Dreifaltigkeitskirche weit mehr als ein Gottesdienstort. Fehrs beschrieb sie als „Sakralen Raum, Markthalle bei Festen, Experimentierfeld für alle möglichen Gottesdienstformen, Krippenspielort, Konzertsaal für Kantorei und Popchor“. Selbst zum Ballsaal sei sie am Vorabend ihrer Entwidmung noch geworden. Ihr Fazit mit einem Satz aus der Gemeindechronik: „Das Dreieck trägt wirklich alles. Sogar den Abschied.“

Besonders würdigte Bischöfin Fehrs die Menschen, die das Gemeindeleben über Generationen geprägt haben. Taufen und Konfirmationen, Trauungen und Trauerfeiern, Kinder- und Jugendarbeit, Frauen- und Seniorenkreise, Kirchenmusik und soziale Angebote hätten ihren Platz in der Dreifaltigkeitskirche gehabt. Auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten habe die Gemeinde Verantwortung für den Stadtteil übernommen. „Das ist nur ein winziger Ausschnitt aus der Geschichte dieser Gemeinde, die immer und immer versucht, bei den Menschen im Quartier zu sein.“

„Unsere Kirche wird kleiner und ärmer“

Den Abschied ordnete Fehrs zugleich in die Veränderungen ein, vor denen die Kirche insgesamt steht. „Die Zeiten haben sich geändert, unsere Kirche wird kleiner und ärmer. Die Zeiten der ‚kernigen Kirchlichkeit‘ sind Geschichte.“ Schuldzuweisungen erteilte sie dabei ausdrücklich eine Absage: „Daran trägt niemand Schuld. Es ist so.“

Deshalb könne „nicht alles bleiben, wie es ist“, sagte die Bischöfin. Es brauche Menschen, „die den nötigen Wandel verantwortlich gestalten“. Die Entscheidung der Kücknitzer Gemeinde, ihre Arbeit künftig auf St. Johannes und das KirchenFORUM zu konzentrieren, würdigte sie ausdrücklich. „Ich bin sehr beeindruckt, wie das Ihrer Gemeinde gelungen ist.“

Mit der Entwidmung werde nun „der Weg wirklich frei für die Konzentration auf das neue Herz der Kücknitzer Gemeinde“. Kirsten Fehrs sprach von einer „großen Leistung“, dass es gelungen sei, ein tief verwurzeltes Denken in einzelnen Quartieren zu überwinden und trotz der räumlichen Trennung Kücknitz’ „zu einer Gemeinde mit einem Zentrum, das Zukunft hat“ zusammenzuwachsen.

„Der Zusammenklang zieht mit“

Zu einem Leitmotiv ihrer Predigt machte Fehrs den von Fritz Fleer gestalteten Taufstein und die darauf dargestellte Geschichte Noahs. Für die Bischöfin schlägt sie eine Brücke zu den Menschen, die nach Flucht und Vertreibung in Kücknitz neu beginnen mussten. „Mich berührt, dass Menschen, die nach Flucht und Vertreibung mit fast Nichts neu anfangen mussten, ihren Kindern genau diese Geschichte ums Taufwasser gelegt haben.“

Die Botschaft des Regenbogens übertrug sie auf den Abschied von der Kirche: Gottes Gegenwart sei nicht an ein Gebäude gebunden. „Gottes Zuspruch und seine Gegenwart hängen eben nicht an einer Behausung, nicht an zerstörten Häusern, nicht an einem Schiff, nicht an einer Kirche.“

Was die Dreifaltigkeitskirche ausgemacht habe, gehe deshalb nicht verloren. „Der Zusammenklang zieht mit. Der Regenbogen geht mit. Und das Licht der Osterkerzen auch.“ Auch die Beharrlichkeit, die Musik und das „Zupacken derer, die einmal mit nichts hier ankamen“, nehme die Gemeinde mit an ihren neuen Mittelpunkt.

Am Ende verband Fehrs Abschied und Aufbruch mit dem Lied „Vertraut den neuen Wegen“: „Das ist es doch“, sagte sie. „Vertraut den neuen Wegen, Gott selbst kommt uns entgegen. Die Zukunft ist sein Land!“

Mit den Worten der Entwidmung endete schließlich nach 61 Jahren die sakrale Nutzung des Gotteshauses: „Von 1965 bis heute war diese Kirche dem Dienst Gottes geweiht. Nun ist die Zeit gekommen, Abschied von diesem Haus zu nehmen.“ 

Ende eines Stücks Kücknitzer Kirchengeschichte 

Beim Einholen der sakralen Ausstattung und Liturgie-Gegenstände wie dem Abendmahlgeschirr oder der Altarbibel war es totenstill in der 1965 eingeweihten Kirche. In den Gesichtern vieler Besuchender waren Schmerz und Trauer deutlich zu sehen, als zum letzten Mal die Altarkerzen ausgeblasen wurden. Mitglieder des Kirchengemeinderats und das Pastor:innen-Teams die in Tücher gehüllten Gegenstände aus der Kirche. Um 16.13 Uhr endete ein Stück Kücknitzer Kirchengeschichte.