Von einer Projektidee zum Stadtteiltreff

2006 entstand die Idee zum Gleis 21 in Ratzeburg. Christian Klingbeil, Fachbereichsleiter der Diakonie Herzogtum Lauenburg, blickt in einem persönlichen Beitrag zurück. 

Ein Rück- und Ausblick von Christian Klingbeil

Wenn ich heute auf Gleis 21 schaue, blicke ich auf rund zwanzig Jahre zurück, in denen sich unglaublich viel entwickelt und verändert hat. Ich selbst bin seit 2008 Teil dieser Geschichte. Vieles aus den ersten Jahren kenne ich aus den Erzählungen meiner Kolleginnen und Kollegen, aus Unterlagen und natürlich von den Menschen, die Gleis 21 von Anfang an begleitet haben.

Was 2006 als zeitlich begrenztes Bundesmodellprojekt begann, ist heute ein fester Bestandteil der sozialen Arbeit in Ratzeburg. Für mich persönlich ist Gleis 21 aber weit mehr als eine Einrichtung. Es ist ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen, Beziehungen entstehen, junge Menschen Unterstützung erfahren und immer wieder neue Ideen Wirklichkeit werden.

2006: Wie alles begann

Die Geschichte von Gleis 21 beginnt im Jahr 2006 auf dem St. Georgsberg in Ratzeburg. Damals gab es Schwierigkeiten und Unruhen im Stadtteil. Gleichzeitig fehlten Angebote, die insbesondere junge Aussiedlerinnen und Aussiedler sowie Spätaussiedler erreichten und ihnen Unterstützung und Möglichkeiten zur Begegnung boten.

Herr Steiner als damaliger Leiter der Diakonie,  Wolfgang Cramer vom Jugendmigrationsdienst Lübeck und Pastor Mader entwickelten deshalb gemeinsam ein Konzept und stellten einen Antrag beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.

Anfang Oktober 2006 nahm das Bundesmodellprojekt Gleis 21 schließlich seine Arbeit auf. Mit der Einstellung von Frau Berschauer begann der Aufbau eines Angebots, das junge Menschen erreichen, begleiten und ihre Integration unterstützen sollte. Damals konnte vermutlich noch niemand wissen, was sich daraus einmal entwickeln würde.

2007 und 2008: Beziehungen aufbauen und einen eigenen Ort schaffen

In der Anfangszeit spielte vor allem die aufsuchende Arbeit eine wichtige Rolle. Frau Berschauer knüpfte gemeinsam mit Frau Feil Kontakte zu jungen Menschen und insbesondere zur russischsprachigen Gemeinschaft. Sven Wieschendorf unterstützte die Arbeit im Rahmen einer Arbeitsgelegenheit.

Nach und nach gewann Gleis 21 Unterstützerinnen und Unterstützer. Veranstaltungen wie ein interkulturelles Streetsoccerturnier schufen Gelegenheiten, miteinander ins Gespräch zu kommen und gemeinsam aktiv zu werden.

Ein entscheidender Schritt folgte im Februar 2008: Gleis 21 bezog das ehemalige Malergeschäft der Familie Böttcher. Nach umfangreichen Renovierungsarbeiten konnten im Juli die fertiggestellten Räume eingeweiht und das gemeinsame Haus vorgestellt werden. Gleis 21 teilte sich das Gebäude mit dem Integrationsprojekt „Kopro“ der Bürgerstiftung, aus dem später „Farbklex“ hervorging.

Und dann beginnt auch meine persönliche Geschichte mit Gleis 21.

Mitte Oktober 2008 kam ich zunächst als Praktikant dazu. Ich konnte damals natürlich nicht ahnen, dass mich dieser Ort über so viele Jahre begleiten und schließlich zu meinem beruflichen Zuhause werden würde.

Kurz zuvor, am 1. September 2008, hatte Frau Petersen ihre Arbeit aufgenommen und die Zielgruppe des Projektes erweitert. Karoline Michaelis begann mit drei Wochenstunden als Honorarkraft in der sozialen Mädchengruppenarbeit. Im selben Jahr entstand im Diakonischen Werk außerdem das Team Migration und Integration.

Es war eine Zeit des Aufbruchs. Vieles wurde ausprobiert, manches wieder verändert – aber immer ging es darum, Angebote zu schaffen, die tatsächlich zu den Menschen passten, die wir erreichen wollten.

Impressionen aus 20 Jahren 

2009 und 2010: Wie geht es weiter?

2009 stand Gleis 21 vor einer entscheidenden Frage: Was passiert, wenn die Förderung als Bundesmodellprojekt endet?

Durch zahlreiche Aktionen und Veranstaltungen war Gleis 21 inzwischen in Ratzeburg bekannt geworden. Gleichzeitig war klar, dass wir eine tragfähige Grundlage brauchten, wenn diese Arbeit weitergehen sollte.

Glücklicherweise gelang es, die Zukunft von Gleis 21 zu sichern. Das Abschlussfest des Bundesmodellprojekts im Oktober 2009 war deshalb nicht nur ein Abschied, sondern gleichzeitig der Beginn einer neuen Phase.

Auch für mich veränderte sich in dieser Zeit einiges. Ab Oktober 2009 arbeitete ich als Honorarkraft im Gleis 21. Karoline Michaelis erhöhte ihren Stundenumfang und übernahm offene Angebote.

2010 kam eine Aufgabe hinzu, die Gleis 21 bis heute prägt: Seit Januar befindet sich der Jugendmigrationsdienst für den Kreis Herzogtum Lauenburg bei uns im Haus. Junge Menschen mit Migrationshintergrund erhalten hier Unterstützung bei sprachlichen, schulischen, beruflichen und persönlichen Fragen. Damit konnten wir offene Kinder- und Jugendarbeit und individuelle Beratung noch enger miteinander verbinden.

Im Juli 2010 erhielt ich eine Anstellung als Erzieher mit 19,5 Wochenstunden für das Projekt „Tu was“. Im September veranstalteten wir das erste Marktsoccerturnier auf dem Ratzeburger Marktplatz. Damit wollten wir nicht nur gemeinsam Fußball spielen, sondern auch öffentlich ein Zeichen gegen Rassismus und für Vielfalt setzen.

Im November übernahm Gleis 21 außerdem das Angebot „Farbklex“, das wir unter dem Namen „Konfetti“ weiterführten.

2011 bis 2014: Gleis 21 und Stellwerk wachsen zusammen

2011 startete mit „Mach mit“ ein weiteres vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge gefördertes Projekt. Gewaltprävention und aufsuchende Arbeit standen dabei im Mittelpunkt. Herr Linnenkohl kam als Mitarbeiter hinzu. Außerdem begann das Projekt „Kreaktiv“.

Eine besonders wichtige Entwicklung war die gemeinsame Trägerschaft der Ratzeburger Jugendeinrichtungen. Die vertragliche Grundlage dafür wurde am 27. September 2011 geschaffen. Ab 2012 arbeiteten Gleis 21 und Stellwerk gemeinsam unter der Trägerschaft des Diakonischen Werkes. Damit konnten wir junge Menschen sowohl auf dem St. Georgsberg als auch in der Vorstadt erreichen.

Carsten Voigt kam als Kollege der Stadt Ratzeburg zum Team, Karoline Michaelis erhielt 2012 einen Festvertrag und Projekte wie „Cooltour – mit Kultur in die Natur“ und „Switch“ erweiterten unsere Möglichkeiten.

2013 begann das Projekt „Together“. Heike Knebel übernahm mit einer halben Stelle den Jugendmigrationsdienst.

In dieser Zeit wurde auch die Beteiligung junger Menschen immer wichtiger. Ein Beispiel dafür war „My Voice – Demokratie beginnt doch nicht erst ab 18!“. Jugendliche sollten nicht nur Adressatinnen und Adressaten unserer Arbeit sein. Sie sollten ihre eigenen Interessen vertreten, mitreden und ihre Stadt mitgestalten können. Deshalb begleiteten wir auch den entstandenen Jugendbeirat.

Im Oktober 2014 endete schließlich das Bundesprojekt „Mach mit“. Herr Linnenkohl wechselte anschließend als Schulsozialarbeiter zur Stadt Ratzeburg.

2015 bis 2018: Neue Räume, Ideen und Erfahrungen

2015 zog das Stellwerk in neue Räumlichkeiten. Gleichzeitig wurde im Gleis 21 umfangreich renoviert. Mit „Sprachklar“ entstand zudem ein außerschulisches Sprachförder- und Integrationsangebot.

In den folgenden Jahren kamen zahlreiche Projekte hinzu: Kulturreisen, „Freiwillige Inklusive“, eine Schneiderwerkstatt und viele weitere Möglichkeiten, kreativ zu werden, Neues kennenzulernen und Gemeinschaft zu erleben. Gemeinsam arbeiteten wir außerdem an einem eigenen Schutz- und Handlungskonzept.

2016 fand erstmals eine Ferienfreizeit auf Sylt statt. Solche gemeinsamen Fahrten sind für unsere Arbeit bis heute etwas Besonderes. Außerhalb des normalen Alltags entstehen andere Gespräche, neue Erfahrungen und oft ein ganz besonderes Gemeinschaftsgefühl.

2017 verabschiedete sich Heike Knebel aus dem Diakonischen Werk. Für mich begann damit ein neuer beruflicher Abschnitt, denn ich übernahm den Jugendmigrationsdienst. Gleichzeitig gingen unsere Kulturreisen weiter und mit „Vielfalt Tanzt“ kam ein weiteres Projekt hinzu.

2018 verstärkte Virginia Flint-Wengler mit 19,5 Wochenstunden unser Team in der offenen Kinder- und Jugendarbeit. Projekte wie „Doc an“ und „AkzepTanz“ sowie Ferienfreizeiten nach Seedorf und Italien zeigten, wie vielfältig unsere Arbeit inzwischen geworden war.

2019 bis 2021: …und plötzlich Corona

2019 startete das Programm „Respekt Coaches“. Hinzu kamen unter anderem „Drumsound“, „Gestaltungsraum“ und „Tanzraum“. Im September begann Lasse Koop sein Praktikum bei uns, und Tobias Dzatkowski nahm seine Arbeit in der offenen Kinder- und Jugendarbeit auf.

Dann kam das Jahr 2020.

Mit der Corona-Pandemie veränderte sich unsere Arbeit von einem Tag auf den anderen. Das, wovon unsere Arbeit eigentlich lebt – Begegnung, Gemeinschaft, persönliche Gespräche und gemeinsame Aktivitäten –, war plötzlich nur noch sehr eingeschränkt möglich.

Für uns war aber schnell klar: Gerade jetzt dürfen wir den Kontakt zu den jungen Menschen nicht verlieren.

Also mussten wir neue Wege finden. Wir entwickelten Online-Freizeitangebote und Workshops, berieten telefonisch und digital und unterstützten junge Menschen bei schulischen Aufgaben. Wo es möglich war, arbeiteten wir aufsuchend und boten persönliche Beratung unter den jeweils geltenden Schutzmaßnahmen an.

Auch der Jugendmigrationsdienst setzte seine Beratung fort. Die Respekt Coaches arbeiteten gemeinsam mit Schulen weiter an den Themen Demokratieförderung und Extremismusprävention.

In dieser Zeit entstanden außerdem Projekte wie „Von der Rolle“ und ein Klimaprojekt. Lasse Koop arbeitete als Honorarkraft und übernahm eine Elternzeitvertretung. Rob Harnack kam zunächst als Praktikant zu uns und erhielt im August 2021 eine Anstellung in der offenen Kinder- und Jugendarbeit. Ebenfalls 2021 kam „Fit für Ausbildung und Beruf“ hinzu.

Die Corona-Zeit hat uns viel abverlangt. Sie hat uns aber auch gezeigt, wie wichtig verlässliche Beziehungen sind. Jugendarbeit besteht eben nicht nur aus geöffneten Räumen und Veranstaltungen. Entscheidend ist, für junge Menschen erreichbar zu bleiben – gerade dann, wenn es schwierig wird.

Ab 2022: Bewährtes erhalten und Neues entwickeln

Auch nach der Pandemie blieben Gleis 21 und Stellwerk eng miteinander verbunden. Die Zusammenarbeit zwischen der Stadt Ratzeburg und der Diakonie bildete weiterhin die Grundlage unserer offenen Kinder- und Jugendarbeit.

2023 ging es unter anderem um die Fortführung dieser Zusammenarbeit und darum, die Finanzierung an die gestiegenen Kosten anzupassen. Solche organisatorischen und finanziellen Fragen sind nach außen häufig weniger sichtbar. Sie sind aber entscheidend dafür, dass wir verlässliche Angebote machen und langfristig planen können.

2024 öffnete sich Gleis 21 noch stärker für andere Generationen.

Am 1. Februar startete das Projekt „Allein muss nicht sein“. Seitdem gibt es bei uns einen regelmäßigen Frühstücks- und Gesprächstreff für ältere Menschen und weitere Interessierte. Jeden Montag von 9 bis 11.30 Uhr kommen Menschen zusammen, lernen sich kennen und tauschen sich über ihren Alltag und das Leben in Ratzeburg aus.

Ich finde diese Entwicklung besonders spannend, weil sie zeigt, dass Begegnung keine Altersgrenzen kennt.

2025 kam das Ratzeburger Kompetenzteam der SeniorTrainer hinzu. Menschen im Ruhestand bringen ihre Erfahrungen, Fähigkeiten und Ideen in eigene ehrenamtliche Angebote ein. Gemeinsam mit der Stadt wurde dieser Bereich im Zusammenhang mit der Ratzeburger Engagementstrategie weiterentwickelt.

Gleis 21 ist dabei ein regelmäßiger Treffpunkt geworden. Gemeinsames Kochen, generationsübergreifende Spielenachmittage und Bewegungsangebote zeigen, wie aus einem ursprünglichen Jugend- und Integrationsprojekt zunehmend auch ein Ort der Begegnung zwischen Generationen geworden ist.

Gleis 21 heute

Heute ist Gleis 21 eine interkulturelle Begegnungsstätte und ein Kinder- und Jugendtreff in der Saarlandstraße 2. Der Jugendmigrationsdienst ist weiterhin bei uns im Haus angesiedelt.

Zu unserem Alltag gehören der offene Treff, kreative und sportliche Angebote, Lernunterstützung und Ferienprogramme. Mit „Mix it“ haben wir ein Angebot speziell für Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren. Besonders wichtig ist mir, dass junge Menschen bei uns nicht einfach nur Angebote konsumieren. Sie sollen eigene Ideen entwickeln, Verantwortung übernehmen, sich ausprobieren und sich auch ehrenamtlich engagieren können.

Als Fachbereichsleiter erlebe ich heute, wie viele unterschiedliche Bereiche hier zusammenkommen. Dabei geht es längst nicht mehr ausschließlich um klassische Offene und interkulturelle Kinder- und Jugendarbeit. Gleis 21 ist ein Ort für Beratung, Integration, Beteiligung, ehrenamtliches Engagement und Begegnung zwischen Generationen.

Gleichzeitig greifen wir gesellschaftliche Themen auf, die junge Menschen unmittelbar betreffen.

Am 25. September 2026 veranstalteten der Kinder- und Jugendtreff und das Diakonische Werk Schleswig-Holstein gemeinsam einen Aktionstag zum Thema Jugendarmut. Junge Menschen kamen mit Vertreterinnen und Vertretern aus Politik, Verwaltung, Wohlfahrt und Kirche ins Gespräch. Sie machten deutlich, was sie beschäftigt und welche Veränderungen sie sich wünschen – beispielsweise bei Ausbildungsmöglichkeiten, bezahlbarem Wohnraum und Mobilität.

Gerade solche Veranstaltungen zeigen für mich, was Jugendarbeit leisten kann und leisten sollte: jungen Menschen einen Raum zu geben, ihre Stimme hörbar zu machen.

20 Jahre Gleis 21 – und die Geschichte geht weiter

Wenn ich heute zurückblicke, ist es beeindruckend zu sehen, was aus der ursprünglichen Idee von 2006 geworden ist.

Ich selbst kam 2008 als Praktikant ins Gleis 21. Danach folgten unterschiedliche Aufgaben und Verantwortungsbereiche – von der Arbeit als Honorarkraft und Erzieher über den Jugendmigrationsdienst bis hin zu meiner heutigen Aufgabe als Fachbereichsleiter. Dadurch habe ich einen großen Teil der Entwicklung von Gleis 21 persönlich miterleben und mitgestalten dürfen.

Aber Gleis 21 ist niemals die Geschichte einer einzelnen Person gewesen.

Viele Kolleginnen und Kollegen, Kooperationspartner, Ehrenamtliche, Unterstützerinnen und Unterstützer haben ihren Teil dazu beigetragen. Vor allem aber sind es die Kinder, Jugendlichen und Familien, die diesen Ort über all die Jahre mit Leben gefüllt haben. Inzwischen kommen ältere Menschen und Ehrenamtliche hinzu und eröffnen wieder neue Perspektiven.

Projekte sind gekommen und gegangen. Kolleginnen und Kollegen haben angefangen, sich weiterentwickelt oder neue Wege eingeschlagen. Räume wurden renoviert, Konzepte verändert und immer wieder neue Ideen ausprobiert.

Was geblieben ist, ist der Grundgedanke: Menschen zusammenzubringen, ihnen zuzuhören, sie zu unterstützen und ihnen die Möglichkeit zu geben, selbst etwas zu gestalten.

Aus einem Bundesmodellprojekt auf dem St. Georgsberg ist in 20 Jahren ein fester Ort in Ratzeburg geworden.

Und wenn ich aus all den Jahren eines gelernt habe, dann dies: Gleis 21 ist nie „fertig“. Die Menschen, die zu uns kommen, verändern sich. Die Stadt verändert sich. Gesellschaftliche Herausforderungen verändern sich. Und deshalb müssen auch wir immer wieder bereit sein, hinzuschauen, zuzuhören und unsere Arbeit weiterzuentwickeln.

Ich freue mich darauf, diesen Weg gemeinsam mit unserem Team, unseren Partnerinnen und Partnern und vor allem mit den Menschen in Ratzeburg weiterzugehen.