Lübeck

Ein letzter Erntedank in der Dreifaltigkeitskirche

Lübeck. Die Kirchengemeinde in Kücknitz nimmt Abschied: Die Dreifaltigkeitskirche wird am Erntedanksonntag, 4. Oktober 2026, im Rahmen eines Gottesdienstes mit Bischöfin Kirsten Fehrs und Lübecks Propst Oliver Erckens entwidmet. Beginn ist um 15 Uhr.

Eine Kirche voll persönlicher Erinnerungen

Gerhard Gülck ist traurig. Es fällt ihm sichtlich schwer, von der Kirche Abschied zu nehmen, die ihn quasi sein ganzes Leben begleitet hat. Viele Stunden hat er in dem ab 1963 errichteten Gotteshaus mit dem markanten, weithin sichtbaren Turm verbracht. Viele Jahre war er Mitglied des Kirchengemeinderates, als Küster hat er zahlreiche Gottesdienste begleitet. „Es geht mir ganz schlecht damit“, sagt der 84-Jährige und erzählt von einer sehr persönlichen Geschichte, die ihn mit der Dreifaltigkeitskirche verbindet. Nach einem schweren gesundheitlichen Schicksalsschlag habe er viele Stunden in der Kirche verbracht. „Die damalige Pastorin sagte mir, ich solle die Kerzen am Altar anzünden. Das habe ich gemacht, mich in die Reihen gesetzt – und Zwiegespräche geführt“, sagt Gülck. Das habe ihn beruhigt, ihm Hoffnung und Zuversicht gegeben.

Die bevorstehende Entwidmung der Kirche am 4. Oktober 2026 bewegt ihn sehr. Und nicht nur ihn. „Wir sind als Pastoren nicht dafür ausgebildet worden, Kirchen zu schließen“, sagt Albrecht Martins. Er habe sich viele Jahre dagegen gesträubt, über Schließungen nachzudenken. Aber: „Letztlich wäre so viel Geld notwendig, um die Bausünden der 1960er-Jahre zu beheben.“ Geld, das in der aktiven Gemeindearbeit so viel sinnvoller eingesetzt werden könne. Insgesamt wären Investitionen von mindestens 1,8 Millionen Euro erforderlich gewesen. Hinzu kämen jährliche Bewirtschaftungskosten von rund 13.000 Euro – eine finanzielle Belastung, die die Kirchengemeinde dauerhaft nicht tragen könnte.

Eine Kirche, die Generationen prägte

Die Dreifaltigkeitskirche im Lübecker Stadtteil Kücknitz hat das Leben vieler Menschen geprägt. Mehr als 60 Jahre lang. Der Gebäudekomplex entstand in einer Zeit des Aufbruchs. Nachdem die Hansestadt in den Nachkriegsjahren durch viele Geflüchtete stark gewachsen war, entwickelte sich auch der Stadtteil Roter Hahn zu einem neuen Wohngebiet. Mit dem Bau der Kirche erhielt das Quartier einen geistlichen und gesellschaftlichen Mittelpunkt. Der Grundstein wurde am 18. Juni 1963 gelegt, die Einweihung erfolgte am 28. Februar 1965. Seitdem haben Generationen von Menschen hier Gottesdienste gefeiert, Kinder taufen und konfirmieren lassen, geheiratet, Abschied genommen und Gemeinschaft erlebt.

Rückschau und Dankbarkeit 

Dass die Entwidmung des Gotteshauses am Erntedankfest stattfinden soll, ist eine bewusste Entscheidung des Kirchengemeinderats. „Es ist ein wichtiger Tag, an dem Rückschau und Dankbarkeit gleichermaßen im Fokus stehen“, sagt Dennis Pferdmenges, Pastor im Pfarrsprengel Kücknitz-Travemünde. Er kennt die Gemeinde und die Dreifaltigkeitskirche gut, hat sein Vikariat in Kücknitz absolviert. „Mein Examensgottesdienst hat hier in der Dreifaltigkeitskirche stattgefunden.“ An Erntedank Abschied zu feiern, empfindet er als konsequenten Schritt. „Das Feld ist abgeerntet, zugleich beginnt etwas Neues. Ende und Anfang treffen an diesem Tag aufeinander.“

Ein Lied wird es in dem Entwidmungsgottesdienst im Fokus stehen, kündigt Pastor Ruben Burkhardt an, das bei der Einweihung gesungen wurde und auch zum Abschluss erklingen soll: "Nun danket alle Gott" schließt sich wie eine Klammer um die besondere Zeit in Dreifaltigkeit.  Dazu soll eine alte Tradition in der Dreifaltigkeitskirche noch einmal aufleben. „Pastor Iwer Rinsche lud an jedem Erntedankfest zu einem gemeinsamen Suppenessen ein“, berichtet Albrecht Martins. Und so ist es auch am 4. Oktober 2026 geplant.

Noch einmal feiern, tanzen und erinnern

Vor der Entwidmung soll die Kirche aber noch einmal – im wahrsten Sinne des Wortes – erstrahlen. Am 3. Oktober lädt die Gemeinde ab 19 Uhr zum festlichen Kirchenball ein. „Dazu verwandeln wir unsere Dreifaltigkeitskirche in einen Ballsaal. Gemeinsam wollen wir ein letztes Mal unsere Kirche zum Klingen bringen und im Glitzerlicht der Diskokugel einen unvergesslichen Abend erleben“, sagt Ruben Burkhardt. Am Sonntag, 4. Oktober 2026, findet ab 13 Uhr ein Fest auf dem Vorplatz im Schlesienring 1 statt. „Wir laden herzlich ein, anhand vieler alter Fotos gemeinsam in Erinnerungen zu schwelgen.“