Lübeck

Ein Stück Geschichte zum Essen: die Trümmertorte aus St. Petri

Lübeck. „Der Petri-Geist ist heute wieder sehr aktiv.“ Lachend schließt Andrea Flint die Tür des St.-Petri-Cafés und beendet damit den Durchzug, der bei Wind durch die alten Gemäuer der Kirche zieht. Das Café ist eines der urigsten auf der Altstadtinsel und lockt nicht nur mit Torten und Gebäck Gäste aus nah und fern an: „Wir bieten auch Pfannengerichte, Quiches und Suppen an“, zählt die Leiterin des Cafés auf. Der Renner aber ist die Trümmertorte: „Der Name leitet sich vom Baiser ab: Wenn die Torte angeschnitten wird, bröckelt das Baiser. 

Ein Backstuben-Besuch bei Andrea Flint

Es erinnert an herabgefallene Steine oder loses Mauerwerk – was bei alten Kirchtürmen durchaus vorkommt. Und natürlich erinnern diese ‚Trümmer‘ auch an Palmarum 1942, als die Lübecker Innenstadt schwer von den englischen Bomben getroffen wurde und die Kirchen St. Petri, der Dom und St. Marien – samt ihrer Türme – ausbrannten.“ Sie selbst habe alte, originale Fotos gesehen, die ihr Stiefvater in der Nacht zum 29. März 1942 und den Tagen danach aufnahm. „Es war schrecklich.“

Eine Torte mit besonderer Rezeptur

„Das Rezept für die Torte ist nicht unsere Erfindung, wir haben es nur ein bisschen angepasst“, verrät die 60-Jährige, ohne genaue Mengenangaben zu nennen. Ein bisschen Geheimnis muss sein: „In den Teig kommen Butter, Eier, Zucker, Mehl, Backpulver und Vanillezucker. Darauf verteilt wird das Baiser aus Eiweiß und Zucker. Wir backen zwei Böden davon – dazwischen kommt die leckere Füllung aus Sahnequark, Sahne und Früchten.“

Diese variieren je nach Saison: „Mal sind es Erdbeeren, jetzt gerade Blaubeeren oder auch Weintrauben. Zur Weihnachtszeit nehmen wir gern selbstgemachtes Apfelkompott mit Zimt.“ Während des Kunsthandwerkermarktes gehen vier bis sechs der beliebten Trümmertorte am Tag über den Tresen, plus unzähliger weitere Torten und Kuchen – mehr als zur Hochsaison im Sommer. „Allerdings kommen nicht nur die Gäste zum Torte essen, auch die Aussteller lieben unsere Backkünste!“

Von der Chemielaborantin zur Caféleiterin

2004 begann Andrea Flint ihre Laufbahn im St.-Petri-Café auf Minijob-Basis. „Ich bin gelernte Chemielaborantin und habe viele Jahre bei der Post gearbeitet. Doch ich brauchte einen Wechsel und Backen ist seit jeher ein großes Hobby von mir.“ So buk sie fleißig und wirkte nebenbei auch als Küsterin.

Ab 2011 konnte sie mit einer halben Stelle die Leitung des Cafés übernehmen und ist mit der anderen halben Stelle für den Aussichtsturm von St. Petri angestellt. Unterstützt wird Andrea Flint von vier Damen im Café: zwei festangestellten Teilzeitkräften und zwei Minijobberinnen. „Plus Unterstützung während des Kunsthandwerkermarktes zur Weihnachtszeit sowie bei größeren Veranstaltungen“, ergänzt Flint.

Im November wird die Backstube zum Weihnachtslager

So ist das Café im November komplett geschlossen und wird zur reinsten Back- und Kochstube: „Wir bereiten die gesamten Leckereien für unseren Stand zum Kunsthandwerkermarkt vor: diverse Marmeladen, Gewürzmischungen, Balsamico, Brotbackmischungen, Zitronenkandis, Apfelpunsch ...“ 

„Das Café dient dann als Lager – manchmal müssen wir auch in eine Ecke des Kirchenraums ausweichen“, schmunzelt Andrea Flint. An ihrem Job liebt sie die Selbstbestimmtheit, mit der sie arbeiten und sich entfalten kann. „Und das Ausprobieren von neuen Rezepten. Wir haben keine feste Speisekarte, wir kochen und backen sehr intuitiv und natürlich saisonal. Das, was gut ankommt bei unseren Gästen, gibt es nochmal.“

Talent liegt in der Familie

Wer schon einmal eine Torte oder einen Kuchen aus der Flintschen Backstube – oder auch etwas Herzhaftes – probiert hat, kommt definitiv wieder. Denn um diese Köstlichkeiten zu zaubern, braucht es einen guten Gaumen: „Dieses Talent wurde mir in die Wiege gelegt. Seit ich klein bin, backe und koche ich. Ganz viel gelernt habe ich bei meiner Mama!“

Und nicht nur die Trümmertorte ist der Renner, auch die Rumkugel hat sich mittlerweile zum Geheimtipp gemausert. „Was hier drin ist, verrate ich aber nicht!“, sagt Andrea Flint mit Bestimmtheit. Wer die Köstlichkeiten selbst probieren mag: Geöffnet ist das St.-Petri-Café montags bis sonnabends von 12 bis 17 Uhr. Mehr Informationen gibt es unter www.st-petri-luebeck.de.