Festival der Endlichkeit: Reden über das, was zum Leben gehört
Lübeck. Über das Sterben sprechen? Über Abschied, Trauer und die Frage, was am Ende wirklich zählt? Das „Festival der Endlichkeit“ macht genau das – und holt Themen aus der Tabuzone, die zum Leben gehören. Das Palliativnetz Travebogen lädt im Oktober 2026 gemeinsam mit zahlreichen Partnerinnen und Partnern zu einer Veranstaltungswoche in Lübeck ein. Mit dabei sind auch zahlreiche Kirchengemeinden.
Gespräche, Slams und Gottesdienste
Das Festival verbindet Information mit Begegnung, ernste Fragen mit kreativen Zugängen und persönliche Erfahrungen mit fachlichem Wissen. Auf dem Programm stehen Poetry Slams und Gottesdienste ebenso wie Gespräche, Tage der offenen Tür und besondere Aktionen rund um Leben, Sterben, Tod und Trauer.
Was ist mir wichtig? Wie möchte ich leben? Was bedeutet ein guter Abschied? Und wie können Menschen in Trauer begleitet werden? Die Veranstaltungen schaffen Raum für Fragen, die im Alltag oft wenig Platz haben. Dabei geht es um Wissen und Austausch, aber auch um Kultur, Spiritualität, Hoffnung und Erinnerung.
Entstanden ist das „Festival der Endlichkeit“ 2023 als Nachfolger der Hospiz- und Palliativwochen. Seitdem bringt das Palliativnetz Travebogen unterschiedliche Akteurinnen und Akteure zusammen. Das gemeinsame Anliegen: Sterben, Tod und Trauer nicht auszuklammern, sondern als Teil des Lebens ins Gespräch zu bringen.
Interview mit Pastor Christian Gauer
Wie trauern Kinder – und wie können Erwachsene sie dabei begleiten? Darüber spricht Pastor Christian Gauer aus 33 Jahren Erfahrung in der Trauerarbeit. Am 7. Oktober 2026 lädt die Wichern-Gemeinde ab 19 Uhr zum Gesprächsabend ein.
Herr Gauer, mit Ihrer Veranstaltung „Mit Kindern trauern“ sprechen Sie ein wenig beachtetes Thema an. Was hat Sie bewogen, beim „Festival der Endlichkeit“ mitzumachen?
Christian Gauer: Ich habe schon seit langem mit dem Palliativnetz Travebogen beruflich zu tun. Wenn die Mitarbeiter:innen die Sterbenden begleitet haben, bin ich oft derjenige, der die Trauerfeiern übernimmt. Ich sehe, wie gut das Palliativ-Team seine Arbeit macht und habe sie direkt angesprochen. Seit vielen Jahren sammle ich sozusagen Erfahrungen mit Kindern, wenn sie bei Beerdigungen mit dabei sind. Im Gegensatz dazu scheint das gesamtgesellschaftlich nicht ganz so selbstverständlich zu sein. Deshalb habe ich von mir aus angeboten, von meinen Erfahrungen zu berichten, und dazu einen Themenabend anzubieten.
Und das tun Sie jetzt…
Christian Gauer: Ja. Jetzt ist es so weit. Inzwischen habe ich viele weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vom Travebogen noch einmal anders kennengelernt und freue mich in einem kleinen Umfang mit dabei sein zu dürfen, beim Festival der Endlichkeit.
Arbeiten Sie gern mit Kindern?
Christian Gauer: Und wie! Ich bin vor 33 Jahren in der Wichern-Gemeinde mit der Jugendarbeit gestartet und habe das lange gemacht. Dann kamen die Jahre in den Kitas, und die vielen Jahre, in denen wir die Kinderbibelwoche anbieten - inzwischen ein jährlicher Kinderbibeltag -, immerhin zum 43. Mal. Einmal im Monat bin ich immer noch in unseren drei Kitas unterwegs und erzähle biblische Geschichte. Und Ja! Das mache ich sehr gern.
Das merkt man, wenn man Ihnen so zuhört…
Christian Gauer: Wenn Kinder bei Beerdigungen dabei sind, gibt es oft Unsicherheiten. Zuerst bei den Eltern selbst, aber auch an der Schnittstelle zur Kirche.
Kinder sollen auf Beerdigungen gehen, wenn sie wollen
Das ist verständlich. Der Verlust von Angehörigen stellt ja alle vor große Herausforderungen – gerade Kinder.
Christian Gauer: Genau. Es gibt aber nicht nur Unsicherheiten, sondern auch überholte Einstellungen, wie die, dass Beerdigungen nichts für Kinder sind.
Sollen Kinder denn auf Beerdigungen gehen?
Christian Gauer: Ja, wenn sie es wollen. Dabei geht es aber nicht nur um Beerdigungen, sondern grundsätzlich um die Frage: Was kann ich selbst konkret tun, wenn mein Kind trauert? Was ist meine Aufgabe, um Kindern in dieser schwierigen Zeit zu helfen? Als Elternteil, als Mitarbeiterin in den Kitas, Schulen, Vereinen und überall dort, wo uns Kinder anvertraut werden. Darum geht es an diesem Abend.
Wie trauern Kindern denn?
Christian Gauer: Kindern trauern impulsiv, kurzfristig und in verschiedenen Phasen. Man spricht manchmal auch von „Pfützentrauer.“ Das heißt, wenn Erwachsene im Meer der Trauer versinken, dann springen Kinder in Pfützen und auch wieder heraus. Das ist so, weil Kinder aus entwicklungspsychologischen Aspekten nur so trauern können. Sie sagen: Jetzt bin ich traurig und jetzt spiele ich wieder.
Verstehen Eltern das?
Christian Gauer: In der Regel eher nicht. Wie denn auch? Es ist gar nicht so leicht, als Erwachsene die Welt von Kindern richtig zu verstehen. Es entstehen Fragen, Zweifel, und eben auch Unsicherheiten. Dazu kommt, dass wir Erwachsene oft schon unsere eigenen Erfahrungen mit Tod, Sterben und Trauer gemacht haben, aber eben als Erwachsene und meist nicht als Kind. Es braucht Ruhe und Zeit, meine eigenen Erfahrungen als Erwachsener mit denen von Kindern zu unterscheiden, zu sortieren und damit umzugehen.
Gut ist dann schon mal, wenn Eltern und Angehörige eine Trauerfeier als etwas Positives ansehen und Kinder ermöglichen, dabei zu sein. Es tut ja gut, bei aller Traurigkeit in Ruhe und Würde Abschied zu nehmen, noch einmal vom Leben der Verstorbenen zu hören. Und wenn ein Kind bei einer Trauerfeier dann direkt angesprochen wird, wie z.B. „Ich habe deine Oma kennengelernt, weil deine Eltern mir von ihr erzählt haben. Ich habe so schöne Geschichten gehört.“ Dann fühlen sich Kinder auch in ihrer Trauer mitgenommen und begleitet. Aber wie gesagt, nur wenn das Kind es auch möchte.
Kinder haben oft wunderbare Ideen, wo Oma und Opa jetzt sein könnten
Was sollen die Eltern antworten, wenn das Kind beispielsweise fragt, wo Oma jetzt ist und ob sterben weh tut?
Christian Gauer: Kinder haben oft eigene meist wunderbare Ideen, wo Oma oder Opa jetzt sein könnten. Eltern sollten zuhören und einen Raum für die Fragen schaffen. Es tut dem Kind gut, sich hinzusetzen, es in den Arm zu nehmen und offen zu sein. Zum Beispiel zuzugeben: „Das ist eine gute Frage, das habe ich mich manchmal auch schon gefragt.“ Vielleicht hat das Kind die Antwort schon in sich. Eltern sollten zugeben, wenn sie die Antwort nicht wissen. Sie könnten sagen, dass man ja mal andere fragen kann; Vertrauenspersonen wie Nachbarn, Erzieher oder uns Pastorinnen. Es geht darum, positive Bilder, die das Kind hat, zu bestärken. Manchmal jedoch stellen sich Kinder auch Schuldfragen. Diese sollten dann schnell entkräftet werden, da dies ansonsten schwere Folgen für die Kinderpsyche haben könnte.
Was empfehlen Sie, wenn die Kommunikation mit dem Kind nicht gelingt?
Christian Gauer: Man sollte mit dem Kind immer im Kontakt bleiben und sich dann Hilfe holen, auch fachliche Hilfe. Abhängig vom Alter hören Kinder manchmal gutgemeinte Worte. Die Redewendung, dass ein Mensch eingeschlafen sei, kann Kinder, wenn sie noch sehr jung sind, auf die Idee bringen, dass der Verstorbene bald wieder aufwacht. Was aber, wenn das Kind merkt, dass es gar kein Schlaf ist. Jedes Alter hat eigene Bilder und eine eigene Sprache. Es ist gut, das zu wissen und sich darüber zu informieren
Können Erwachsene das Pfützenspringen von Kindern lernen?
Christian Gauer: Wenn es nach Jesus geht und seinem Wort: „Werdet wie die Kinder.“ dann sollten uns Kinder mit dieser Art zu trauern zum Vorbild werden. Wo uns das gelingt, würde also nicht nur eine Bitte Jesu erfüllt, sondern kommen wir Kindern näher als gedacht. Das wäre doch schön – für beide.
Interview: Sina Worm
Aus dem Festival-Programm
Freitag, 9. Oktober 2026 und 16. Oktober 2026
Todsicher im Gespräch – Fragen erlaubt!
Tod, Abschied und Bestattungen betreffen uns alle - und trotzdem sprechen wir selten offen darüber. Beim ungewöhnlichen Speed-Dating auf der St. Lorenz-Kirche kommen Besuchende direkt mit den Menschen ins Gespräch, die täglich Abschiede gestalten:Friedhof, Bestattung, Steinmetz und Friedhofsgärtnerei. Dazu laden interaktive Stationen wie Sarg-Probeliegen, Gesprächskarten und kleine Mitmach-Aktionen zum Nachdenken, Fragen und Austauchen ein bei Kaffee und Kuchen.
15 bis 18 Uhr, St. Lorenz-Kirche, Steinrader Weg 10 in Lübeck
Sonntag, 11. Oktober 2026
Gottesdienst zum Welthospiztag
Gottesdienst zum Thema „So bunt wie das Leben – Hospiz“ mit dem Team des Hospizes Rickers-Kock-Haus mit Pastorin Frau Mareike Hansen.
12 bis 13 Uhr, St. Marien zu Lübeck, Marienkirchhof in Lübeck
Mittwoch, 14. Oktober 2026
Tag der offenen Tür im Hospiz Rickers-Kock-Haus
Besucher:innen lernen das Hospiz Rickers-Kock-Haus kennen. Das Team führt Interessierte durch die Räume und erzählt von der Arbeit.
15 bis 18 Uhr, Diakonie Nord Nord Ost, Moislinger Allee 75 a in Lübeck