Lübeck

Friedensethik in unsicheren Zeiten: Bischöfin Fehrs wirbt für offenen Diskurs

Lübeck. Wie positioniert sich die Kirche bei Themen rund um Krieg und Frieden? Darum ging es beim Gesamtkonvent - der Versammlung - der Pastor:innen, Gemeindepädagog:innen und Diakon:innen des Kirchenkreises in der Kirchengemeinde St. Georg in Lübeck-Genin. Dabei warb Bischöfin Kirsten Fehrs, zugleich Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), für eine differenzierte Debatte über Frieden, Sicherheit und Verantwortung.

In einem Impulsvortrag zur neuen Friedensdenkschrift der EKD betonte Fehrs, dass es in einer komplexer werdenden Weltlage keine einfachen Antworten mehr gibt. Umso wichtiger seien Diskurs, Dialog und Begegnung beim wichtigen Thema Friedensethik. 

Weltweite Kriege und Konflikte machen Angst

„Die Welt ist in Unruhe“, sagte Bischöfin Fehrs mit Blick auf die Kriege in der Ukraine, im Nahen Osten oder im Sudan. Die Bedrohungen rückten „unglaublich nah – geographisch wie emotional“. Die geopolitischen Entwicklungen bereiteten ihr Sorge: „Auch mir machen Drohnenüberflüge und Sabotageakte Angst.“

Die Bischöfin im Sprengel Hamburg und Lübeck erinnerte daran, dass viele Menschen - auch sie selbst - in Deutschland im Frieden aufgewachsen seien und nun lernen müssten, mit einer neuen Unsicherheit umzugehen. Dabei werde auch die Frage nach militärischer Verteidigung neu gestellt. Fehrs räumte ein, dass ihr dies persönlich schwerfalle: „Mich schmerzt es, das auszusprechen“, sagte sie mit Blick auf notwendige Verteidigungsfähigkeit. Schließlich habe sie selbst einst mit großer Überzeugung „Frieden schaffen ohne Waffen“ gefordert.

Einladung zur Gewissens- und Meinungsbildung

Die im vergangenen November veröffentlichte Friedensdenkschrift der EKD verstehe sich deshalb bewusst nicht als fertige Antwort, sondern als Einladung zum Nachdenken. „Die Friedensdenkschrift ist eben keine Vorschrift, sondern eine Nachdenkschrift, die einen Kompass bieten will bei der eigenen Gewissens- und Meinungsbildung“, erklärte Fehrs.

Zentrales Anliegen sei es, Friedensethik und Sicherheitsethik zusammenzudenken und den Diskurs darüber zu intensivieren. Dabei halte die EKD am Vorrang gewaltfreier Konfliktlösungen fest. Zugleich müsse anerkannt werden, dass Menschen Schutz benötigen, wenn sie von Gewalt bedroht werden. Die Denkschrift spreche deshalb von „rechtserhaltender Gewalt“ als äußerstem Mittel, wenn alle diplomatischen Möglichkeiten ausgeschöpft seien.

Spannungen und Dilemmata aushalten

Kritisch äußerte sich Fehrs zu einer zunehmenden Polarisierung in der Debatte. Es helfe nicht, Menschen als „naive Pazifistinnen“ oder „militaristische Kriegstreiber“ abzustempeln. Vielmehr gehe es darum, die Spannungen und Dilemmata ehrlich auszuhalten. Zugleich warnte die Bischöfin vor den Gefahren hybrider Kriegsführung, etwa durch Desinformation, digitale Manipulation und Cyberangriffe. Demokratie müsse deshalb aktiv gestärkt werden. Kirchen seien dabei wichtige Orte für Aufklärung, Resilienz und respektvollen Diskurs.

Vielen Menschen helfe es, dass Dilemmata benannt werden - „auch um einzuordnen, worin die eigene Zerrissenheit liegt”.

Hoffnung als christliche Perspektive

Mit Blick auf alle Unsicherheit hält Fehrs an einer christlichen Perspektive der Hoffnung fest. Es beschäftige sie, „wie wir weiterhin stark machen, dass die christliche Botschaft auf Hoffnung und Zuversicht setzt – nicht auf Angstmacherei“. Die Stärke evangelischer Friedensethik liege darin, „die Realität zu akzeptieren und Orientierung für die eigene Gewissensbildung in sich wandelnden Zeiten“ zu bieten.

Die EKD-Friedensdenkschrift „Die Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick“ versteht Bischöfin Fehrs als Beitrag zu einer offenen gesellschaftlichen Debatte darüber, wie Frieden in einer zunehmend konfliktreichen Welt bewahrt und gestaltet werden kann.

Vertiefung der Themen in der Diskussion

In der anschließenden Diskussion im Pfarrgarten von St. Georg wurde das Thema gemeinsam vertieft. Im Gespräch mit Bischöfin Fehrs ging es um die Themen Feindes- und Nächstenliebe, um kategorischen Pazifismus und darum, wie unterschiedliche ethische Positionen theologisch hergleitet werden können. Auch hier betonte Fehrs: "Die Möglichkeit zu reden, wirkt 'entängstlichend'. Sich mit den Themen auseinanderzusetzen macht Menschen ruhiger.”

Workshop-Phase am Nachmittag

Mit Referent:innen aus unterschiedlichen Bereichen wurden am Nachmittag friedensethische Fragen erörtert. So gaben die Leiterin der Dienste und Werke im Kirchenkreis, Anne Freudenberg-Klopp, Pastor Hans-Christian Baden-Rühlmann und Roman Röpstorff, Leiter von jung+ev., Impulse für die Gemeindearbeit und Julika Koch, Referentin im Ökumenewerk der Nordkirche leitete einen Workshop zum Thema “Neuer Wehrdienst und Gewissensfrage” an. Die Flüchtlingsbeauftrage des Kirchenkreises, Elisabeth Hartmann-Runge, lud zur kritischen Auseinandersetzung mit der Friedensdenkschrift ein.