„Ich weiß, wie es ist, neu hier zu sein“
Als Yuliia Petrova mit ihrer Mutter und ihren drei Geschwistern aus der Ukraine flieht, weiß sie nicht, was sie in Deutschland erwartet. Die Familie stammt aus Pokrowsk in der Region Donezk. Der Vater ist schwer krank, die Mutter will ihre Kinder in Sicherheit bringen. „Wir flohen mit einem Bus unserer Kirche“, erinnert sich Yuliia. „Meine Mutter wollte einen Ort, an dem wir sicher sind und meine Diabetes gut behandelt werden kann.“
Die Entscheidung: Frankreich oder Ratzeburg
In Polen muss sich die Familie entscheiden: Frankreich oder Ratzeburg? Die Mutter wählt die kleine Stadt in Schleswig-Holstein. „Für meine Mutter war sofort klar, dass sie eine ruhige Stadt will. Natur, Wasser, nicht so riesig.“
An ihre Ankunft erinnert sich Yuliia genau. Zunächst lebt die Familie in einer Sporthalle. Es ist eng und laut, viele Menschen unterschiedlicher Herkunft teilen sich die Unterkunft. Die Sprache ist fremd, der Alltag voller Fragen.
Eine wichtige Anlaufstelle wird das Gleis 21. Mitarbeitende der interkulturellen Begegnungsstätte kommen regelmäßig in der Sporthalle vorbei, erklären die nächsten Schritte und helfen der Familie, sich zurechtzufinden. „Wir wurden sehr schnell unterstützt“, erzählt Yuliia. „Die ersten Wege und Fragen haben wir nicht allein gemacht, weil es hier sofort Menschen gab, die uns erklärt haben, wie es weitergeht.“
Auch der Jugendmigrationsdienst hilft. Bei Behördengängen, Formularen und beim Deutschlernen. „Meine Beraterin vom Jugendmigrationsdienst hat mir damals mit der Sprache geholfen und das war wichtig.“
Eine anstrengende Zeit für Yuliia
Für Yuliia beginnt eine anstrengende Zeit. Sie besucht eine deutsche Schule und soll gleichzeitig online am Unterricht ihrer ukrainischen Schule teilnehmen. „Das war fast unmöglich“, erinnert sie sich.
Zunächst lernt sie in einer Klasse für Deutsch als Zweitsprache, später wechselt sie in eine Regelklasse. Dort soll sie die Prüfungen für den Ersten allgemeinbildenden Schulabschluss ablegen. „Ich hatte nur eine Woche Zeit, um zu lernen. Aber ich habe ihn bestanden. Jetzt habe ich zwei Schulabschlüsse“, erzählt sie stolz.
Auch Kontakte zu anderen Menschen fallen ihr anfangs schwer. „Neue Sprache, neue Menschen – da fühlt man sich schnell verloren“, sagt sie. „Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass es schlimmer ist, sich zu verstecken. Ich wollte Leute kennenlernen, ich wollte sprechen üben.“
“Da fühlt man sich schnell verloren”
Sie beginnt, Sportangebote des Jugendzentrums Stellwerk zu besuchen, engagiert sich in einer Kunstgruppe und hilft bei einem Übernachtungsangebot der Kirche. Aus ihren Erfahrungen entwickelt sich ein Berufswunsch: Yuliia möchte im sozialen Bereich arbeiten. Weil die Bewerbungsfrist für eine Ausbildung zur sozialpädagogischen Assistentin bereits abgelaufen ist, findet sie mit Unterstützung des Jugendmigrationsdienstes ein Freiwilliges Soziales Jahr an einer Grundschule.
Dort unterstützt sie auch Kinder, die gerade erst Deutsch lernen. „Die Kinder sollten jemanden dabeihaben, der sie versteht. Ich weiß ja, wie es ist, neu hier zu sein.“ Die Arbeit bestärkt sie darin, später die Ausbildung zur sozialpädagogischen Assistentin zu beginnen.
Wenn Yuliia heute zurückblickt, erinnert sie sich an die vielen kleinen Schritte, die notwendig waren, um in Deutschland Fuß zu fassen. Und an die Unterstützung durch das Gleis 21 und den Jugendmigrationsdienst, ohne die vieles kaum möglich gewesen wäre.
Das Gleis 21 ist bis heute ein Anker
Irgendwann sei aus der fremden Stadt ein Zuhause geworden. „Auf einmal wusste ich, dass ich hier leben kann, mit deutschen Freunden, mit einem Alltag, einer Ausbildung und einem Zuhause.“ Heute möchte sie selbst anderen Menschen helfen, ihren Platz zu finden. „Ich habe meinen Weg gefunden und gehe Schritt für Schritt weiter.“
„Wenn ich mir vorstelle, dass das Gleis 21 schließen muss, weil Geld fehlt, würde ich das sehr traurig finden. Denn es ist für mich ein Anker und ich kann jederzeit dort hin“.