Lübeck

Keine Zuschauer, keine Setlist: Ein Weltstar spielt für sich im leeren Dom

Lübeck. Kein Applaus, kein Publikum. Nur Nils Landgren, seine weltbekannte rote Posaune und der große weite Raum des Lübecker Domes. Wenige Tage nach seinem ausverkauften Konzert beim Schleswig-Holstein Musik Festival ist der schwedische Jazzmusiker jetzt (12. August 2026) noch einmal in die Kirche zurückgekehrt. Fast ohne dass es jemand wusste. Diesmal allerdings nicht für einen offiziellen Auftritt. Landgren wollte ausprobieren, was passiert, wenn er mit seinem Instrument ganz allein auf den Raum trifft.

Nils Landgren probt im Dom zu Lübeck

Die Idee dazu entstand bei seinem Konzert am 5. August. Gemeinsam mit dem Swedish Radio Choir und Dirigent Kaspars Putniņš hatte Landgren im Dom das Programm „Farben der Liebe“ gespielt. Vor allem der Klang des Doms ließ Landgren anschließend nicht mehr los. „Ich war so beeindruckt von dem Klang und von der ganzen Atmosphäre“, erzählt er. „Dann dachte ich: Vielleicht könnte man hier mal ganz alleine etwas aufnehmen.“

Also fragte er Dompastorin Margrit Wegner. Die beiden kennen sich persönlich, hinzu kommt eine sprachliche Verbindung: Wegner spricht Schwedisch. Die Antwort fiel unkompliziert aus. „Sie hat gesagt, dass es nicht unmöglich ist – und vielleicht sogar möglich“, sagt Landgren und lacht.

Der Klang des Doms ließ ihn nicht los

Margrit Wegner: „Nils und ich kennen uns schon eine Weile. Als er mich gefragt hat, ob er noch einmal ganz allein im Dom spielen und aufnehmen könne, musste ich nicht lange überlegen. Der Dom ist schließlich nicht nur ein Ort für große Konzerte. Manchmal entfaltet er seine besondere Wirkung gerade dann, wenn es ganz still ist und nur ein einzelner Klang den Raum füllt.“

Für Landgren passte die Gelegenheit auch deshalb, weil er ohnehin mehrere Tage in Lübeck verbringt. Vom 9. bis 13. August leitet er im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festivals gemeinsam mit weiteren Dozenten einen Blechbläser-Workshop an der Musikhochschule Lübeck.

Eine Kirche als musikalischer Partner

Was Landgren im Dom spielen wollte, stand vorher bewusst nicht fest. Keine Setlist. Kein fertiges Programm. „Ich habe gar nichts entschieden, was ich spielen soll“, sagt er kurz vor den Aufnahmen. „Ich lasse mich einfach selber überraschen, was rauskommt.“

Dabei wird der Dom selbst ein Stück weit zum musikalischen Partner. „Hier kann man auf jeden Fall sehr, sehr langsam spielen, weil das so ein toller Nachklang ist“, sagt Landgren. „Das finde ich genial.“

Der Schwede gehört seit Jahrzehnten zu den bekanntesten Jazzposaunisten Europas. Landgren studierte zunächst klassische Posaune, bevor er sich zunehmend Jazz, Funk und Soul zuwandte. Im Laufe seiner Karriere arbeitete er unter anderem mit ABBA, Herbie Hancock und den Crusaders zusammen. Zu seinem Markenzeichen wurde die rote Posaune; mit seiner Nils Landgren Funk Unit feiert er seit den 1990er-Jahren internationale Erfolge. Neben seiner Arbeit als Musiker ist Landgren auch als Produzent, Mentor und Festivalleiter aktiv. Im Februar 2026 feierte er seinen 70. Geburtstag.

Kirchen sind für Landgren keine unbekannten Spielorte. Seit mehr als 20 Jahren ist er mit seinem Weihnachtsprojekt „Christmas With My Friends“ auch in Deutschland unterwegs. Viele Konzerte fanden lange in Kirchen statt. Inzwischen seien manche Kirchen für die Nachfrage schlicht zu klein geworden, erzählt er. Trotzdem ist für ihn etwas geblieben, das sich in einem klassischen Konzertsaal kaum herstellen lässt.

“Kirchräume sind etwas Besonderes”

„Ich finde persönlich, dass ein Kirchenraum etwas ganz Besonderes ist“, sagt Landgren. „Jedes Mal, wenn ich in eine Kirche reingehe, setze ich mich gerne hin und denke ein bisschen nach.“ Das sei unabhängig davon, ob er anschließend selbst auf der Bühne stehe. „Sobald man hier ist, passiert was mit mir. Und das finde ich toll.“

Im Lübecker Dom bekam Landgren dafür nun einen seltenen Moment: Einer der bekanntesten Posaunisten Europas hatte den Raum ganz für sich - ohne Publikum, ohne festgelegtes Programm und mit viel Zeit zwischen den Tönen.