Kirchenkreis Lübeck-Lauenburg

Hinsehen. Aufarbeiten. Schützen. Ein Impuls von Bischöfin Fehrs

Lübeck. Die Kirchenkreis-Synode setzt einen Schwerpunkt: Einen ganzen Nachmittag haben sich die Delegierten mit der Prävention sexualisierter Gewalt auseinandergesetzt. Im Mittelpunkt neben zahlreichen Workshops: ein Impuls von Kirsten Fehrs, Bischöfin im Sprengel Hamburg-Lübeck in der Nordkirche. Ihr Beitrag im Wortlaut.  

(…) Ich danke Ihnen dafür, dass Sie sich so viel Zeit nehmen für ein Thema, das ans Innerste geht – auch ans Innerste unseres Glaubens: wie nämlich die gottgegebene, unverlierbare Würde eines jeden Menschen heilig, unantastbar ist und bleibt, überall und vor allem in der Kirche.

Es ist ein sehr persönliches Thema, das uns heute Nachmittag befasst – auch wenn es erst einmal so formal klingt: die Prävention und Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche. Denn es geht schnell ans Innerste auch von uns, weil die Vorstellung, dass und wie (umfangreich) sexualisierte Gewalt in der evangelischen Kirche ausgeübt wurde und leider bisweilen immer noch wird, dass dies in ihrer Verstörung an Grenzen bringt. An Grenzen der Vorstellungskraft zuallererst. Aber auch an persönliche Grenzen durch eigene Schamempfindungen und Brüche – so manches Selbstbild der liebgewonnenen, „meiner“ Kirche erfährt empfindliche Risse. 

Nicht umsonst die Triggerwarnung vorweg – wir befassen uns heute gemeinsam (und das Gemeinsame ist gut!) mit Gewalt in ihren unterschiedlichen Ausprägungen – aber wir tun dies mit dem Ziel des Schutzes vor Gewalt, das ist wichtig, heute nicht aus den Augen zu verlieren. Es geht um Schutz! Prävention. Also um klare Regeln, sichere Räume, um respektvolles Miteinander, Achtung von Grenzen, um den Vertrauensraum Kirche, in dem Christus das Haupt ist. Auf das wir uns ausrichten. Konsequent.

“Wir müssen uns dem Versagen stellen”

Und so danke ich Ihnen als Christenmenschen, dass Sie sich heute einem Thema widmen, das immer wieder neu an die Nieren geht – und das deshalb immer wieder Abwehrreflexe auslöst. Wie gesamtgesellschaftlich auch. Aber – nützt ja nix, wie wir in Hamburg so sagen: Wir müssen uns dem Versagen, das unsere Kirche zu verantworten hat, stellen. Um der betroffenen Menschen willen. Wollen wir Kirche Jesu Christi sein, der stets jeder Gewalt gewehrt hat, um den einzelnen Menschen – klein wie groß – zu schützen, wollen wir Kirche Jesu Christi sein, dürfen wir nichts von unserem Versagen verharmlosen, sondern müssen uns unserer Verantwortung und mehr noch: unserer Schuld stellen.

Wie alles begann… vor 16 Jahren

Ich fange an – beim Anfang vor fast 16 Jahren, beim 1. Kapitel. Dass es nämlich mit von unserer Nordkirche ausgegangen ist, dass sich die evangelische Kirche auch bundesweit lange und intensiv mit Aufarbeitung und Prävention befasst, hat Gründe, die vielen gar nicht mehr bekannt sind. Dann gehe ich in einem 2. Kapitel auf die sogenannte ForuM-Studie ein, die 2020 von der EKD in Auftrag gegeben wurde und deren Ergebnisse im Januar 2024 veröffentlicht wurden. Im dritten Kapitel schaue ich auf die daraus gezogenen Folgerungen durch EKD, Landeskirchen und Kirchenkreise, also auf die gezielte Verstärkung der Prävention auf allen Ebenen. Wohlgemerkt: Verstärkung; die Prävention und Aufarbeitung sexualisierter Gewalt ist kontinuierlich seit 2011 entwickelt und verbessert worden, nicht erst seit 2024. Schließlich ein persönlicher Ausblick.

Wie alles begann … in einer wegen ihrer Progressivität bewunderten Gemeinde am Stadtrand Hamburgs

Ahrensburg 2010. Der erste große große Missbrauchsskandal der evangelischen Kirche wird aufgedeckt. Heißt: abgründige strukturelle und sexualisierte Gewalt über Jahrzehnte hin. Ein eklatantes Versagen nicht nur Einzelner zeigt sich dort, sondern auch das der Institution. Zwei Pastoren – geschützt durch ihren Amtsnimbus – üben in den 70er bis zu den 90er Jahren an etlichen jungen Menschen körperlich, sexuell, psychisch brutale Gewalt aus, mit zumeist lebenslangen Folgen. Also: mit Angstzuständen. Flashbacks. Alkoholsucht. Vertrauensverlust in jeder Hinsicht und tiefe Beziehungsnot.

Dank dem Mut einer Betroffenen wurde das alles 2010 bekannt. 18 Monate später, nach dem Rücktritt von Bischöfin Jepsen, übernahm ich das Amt Ende 2011 – und meine erste Amtshandlung bestand darin, die Aufarbeitung – damals noch ein ziemlich unbekanntes Wort – voranzubringen, und zwar zuallererst mit Hilfe der betroffenen Menschen selbst. Prävention kann nicht gelingen ohne Aufarbeitung. Ohne zu wissen, was passiert ist. Dabei endlich mit den Betroffenen reden statt über sie – und über sie hinweg, das war der Ansatz. 

Es ist sozusagen mein Thema geworden

Seit 2011 ist das Thema sexualisierte Gewalt sozusagen „mein“ Thema geworden, und allein die vielen Gespräche mit betroffenen Menschen – inzwischen sind es international an die 200 Menschen, mit denen ich Kontakt hatte oder noch habe – haben mein Leben verändert: meine Haltung, meine Sprache, meine Theologie, mein Fühlen. Doch dazu, wenn Ihr es hören wollt, gern später mehr.

Zurück zu Ahrensburg, vor allem in den 80er Jahren. Man fuhr auf Jugendfreizeiten, und die Pastoren nahmen sich alle Freiheiten. Grenzenlos und machtbesessen. Exzessive Hauspartys in den Pastoraten fanden statt mit Unmengen von Alkohol – Alkohol auch für die Jungen und Mädchen als Stimulans. Und: So konnten sie den Ekel vergessen. 

Die meisten Jugendlichen wehrten sich gegen die perfiden bis brutalen Übergriffe und gegen die harte sexuelle Gewalt nicht, denn sie wollten dazugehören. Nicht öffentlich ausgegrenzt und als spießig und uncool diskreditiert werden. Zumal sie es oft eh nicht leicht hatten mit den Eltern, der Schule, den Freunden. Die Pastoren vermittelten ihnen vermeintliche Sicherheit und Anerkennung. Und so wollten sie unbedingt zugehörig sein, Teil dieser progressiven, „freigeistigen“ Gemeinde bleiben – in der allerdings Freiheit verwechselt wurde mit Libertinage, dem freien Zugriff der Pastoren auf alles und jeden. 

Eine Kultur des Machtmissbrauchs

Es etablierte sich regelrecht eine Kultur des Machtmissbrauchs und der Missachtung von Grenzen. Schleichend. „Was ist schon dabei, wenn die tröstliche Umarmung mal ein bisschen intensiver wird!“ „Stell dich nicht so an.“ Und: „Wehe, du sagst was. Wem, denkst du, wird man mehr glauben? Dir, der du nichts auf die Reihe bringst, oder mir?“

Trotz dieses Schweigekonsortiums, wie es Betroffene bezeichnet haben, spüren in Ahrensburg viele, dass etwas nicht stimmt. „Irgendwie“ wussten sie es. Ahnten es zumindest. Kirchenvorsteher. Eltern. Nachbarinnen. Einzelne Jugendliche vertrauten sich an. Doch nichts geschah. Denn: Das ist doch nicht zu glauben, sagten sie damals – das sind Pastoren! Es kann nicht sein, was nicht sein darf.

Nicht zu glauben, sagt man heute, dass eine ganze Gemeinde über zwei Jahrzehnte mehr oder weniger stillschweigend zugeschaut, jedenfalls nicht eingegriffen hat. Wer weiß, wenn jemand die Chuzpe gehabt hätte, den einen, als Lichtgestalt verehrten Pastor zu konfrontieren und anzuzeigen. Wer weiß, wenn es jemanden im Kirchenamt gegeben hätte, der den anderen, wohl eher hebephilen (also auf Pubertierende sexuell reagierenden) Pastor bei Bekanntwerden von „Unregelmäßigkeiten“ nicht genau in den Jugendstrafvollzug versetzt hätte. Wer weiß – was wir heute daraus alles lernen können, um es richtig zu machen!

Es ist so wichtig, hinzuschauen!

Deshalb, liebe Synodale, ist es so wichtig hinzuschauen. Hinzuschauen, um zu verstehen, wie das passieren konnte. Aufarbeitungen in Auftrag zu geben. Zu lernen. Studien wie die ForuM-Studie zu finanzieren. Deren 870 Seiten zu lesen, um die Ergebnisse wirklich zu verstehen. Handlungsleitfäden zu entwickeln und Schutzkonzepte. Sich auseinanderzusetzen und nicht aufzuhören damit. Wir müssen es besser machen! Es geht um eine umfassende Sensibilisierung aller Mitarbeitenden in der Kirche – bis in jede Einrichtung und Gemeinde hinein muss verstanden werden, warum Schutzkonzepte nicht nur auf dem Papier, sondern in Herz und Haltung angekommen sein müssen.

Wie gut, dass im Kirchenkreis Lübeck-Lauenburg diesbezüglich schon so viel Gutes vorangebracht worden ist. Dass eine sukzessive aufgebaute Interventions- und Präventionsarbeit die Schutzkonzeptentwicklung in den Gemeinden initiiert und begleitet – aber es ist noch Luft noch oben. Bitte, bitte unterstützen Sie die Arbeit, liebe Synodale. Denn es gilt, das umzusetzen, was in der Nordkirche ab 2016 vorbereitet und 2018 beschlossen wurde: ein Präventionsgesetz, übrigens das erste in Deutschland, das alle Gemeinden und Einrichtungen und alle Haupt- und Ehrenamtlichen höchst verbindlich dazu verpflichtet, Schutzkonzepte zu entwickeln, Selbstverpflichtungserklärungen zu unterschreiben, Fortbildungen zu besuchen, eine Anerkennungskommission vorzuhalten. Und all dies heißt ja: sich emotional einzulassen und emotionale Anstrengung auszuhalten. Aber es lohnt sich. 

Scham, Abwehr, Ungläubigkeit 

Auch wenn es nicht einfach ist, mit Scham, Abwehr, Ungläubigkeit, mit all den Abgründen und Nöten und Spaltungsmechanismen, die dem Thema innewohnen, konfrontiert zu sein. Aber will man der Gewalt wirklich dauerhaft wehren, müssen wir offensiv alles dafür tun, dies selbstkritisch zu reflektieren und aus dem Bereich des Schweigens herauszuholen. Wir, betone ich. Nicht die betroffenen Menschen dürfen es sein, die das Thema vorn auf die Agenda setzen, wir selbst müssen es tun – als Kirche Jesu Christi, die beim Namen nennt, wo Unrecht geschieht.

ForuM-Studie – Einordnung

Und genau diese Forderung nach aktiver Aufarbeitung gehört mit zu den wichtigsten der insgesamt 46 Empfehlungen der ForuM-Studie. Zum Hintergrund: Die Studie ist als ein herausragender Punkt des 11-Punkte-Planes, den ich 2018 auf der EKD-Synode vorgestellt habe und der damals einstimmig beschlossen wurde, initiiert worden, um für alle Landeskirchen und Landesverbände der Diakonie zu erfassen, in welchem ungefähren Umfang und unter welchen Umständen genau sexualisierte Gewalt in der evangelischen Kirche und der Diakonie stattfinden konnte. Diese Studie ist also nicht über uns gekommen. Es war unser absolut eigenes Interesse, wissenschaftlich erforscht zu bekommen, wo die spezifischen Risikofaktoren in der evangelischen Kirche liegen. Damit wir besser werden im Schutz vor Gewalt. Deshalb lag uns am ungeschönten Blick auf die Realitäten.

Im Folgenden stelle ich Ihnen erst einmal die ForuM-Studie in aller Kürze vor. Der Weg dahin, die Ziele und die Ergebnisse. Das ist in Teilen sehr formal und ich beschränke mich auf das Wesentliche. Näheres kann ich gern im Gespräch erläutern. Und insgesamt muss man sich dabei immer vor Augen führen, dass es hier jenseits einer wissenschaftlich-technischen Sprache um großes Unrecht geht, um zerbrochenes Leben, um Schuld, die die evangelische Kirche auf sich geladen hat. Deshalb sind diese Studienergebnisse so wichtig, dass wir daraus Konsequenzen ziehen!

Bischöfin Fehrs im Austausch mit den Synodalen.

Hintergründe, Ziele und Ergebnisse der unabhängigen Studie
„ForuM“

Wie eingangs schon angedeutet, waren seit 2010 (nicht erst seit 2018!) die 20 Landeskirchen mehr oder weniger intensiv in Sachen Prävention, heißt mit Schutzkonzepten, auf dem Weg, allerdings wie in jedem föderalen System extrem unterschiedlich. Aufarbeitungen gab es zwar – etwa in der Diakonie bezogen auf Heimkinder oder aber in Hessen-Nassau und in der Nordkirche – aber relativ wenige. Auch was Anerkennungsleistungen bzw. -kommissionen anging, gab es Luft nach oben – summa: Die vom Runden Tisch sexuellen Kindesmissbrauchs 2012 geforderten Standards waren nur teilweise erfüllt. Grund auch für mich persönlich, im EKD-Rat das Thema klarer auf die Agenda setzen zu wollen – u. a. mit Hilfe des 11-Punkte-Planes 2018.

Forschung sollte unabhängig sein

Ganz wichtig war, die Unabhängigkeit der Forschung sicherzustellen. So wurden die Bewerbungen, die auf eine 2019 erfolgte Ausschreibung eingingen, durch ein Team von internationalen Wissenschaftler:innen ausgewertet, und auf dieser Grundlage erhielt ForuM als interdisziplinärer Forschungsverbund den Zuschlag. Dieser Verbund aus Kriminologen, Pädagogen, Traumapsychologinnen und Historikern hatte vor allem deshalb die Nase vorn, weil er in 5 von 6 Teilstudien methodologisch betroffenenpartizipativ ansetzte – ein Novum in der Forschung, bis dahin betroffene Menschen als Co-Forscherinnen einzusetzen.

Folgenden Zielfragen ist der Forscherverbund nachgegangen:
Welche systemischen und organisationalen Faktoren ermöglichen oder verhindern (sexualisierte) Gewalt?
Welche Spezifika lassen sich für den evangelischen Kontext identifizieren?
Welchen Gefährdungs- und Tatkonstellationen waren Betroffene ausgeliefert?
Wie wurde mit Hinweisen und Meldungen umgegangen? 
Welche Merkmale der Beschuldigten lassen sich identifizieren?
Welche Kennzahlen zum Ausmaß von Übergriffen und erlebter sexualisierter Gewalt lassen sich ermitteln? Welche Ableitungen folgen aus allem?

Entsprechend umfassend wurde in sechs Teilprojekten (TP) folgendes Forschungsdesign entwickelt, u. a.:
TP A hat aus zeithistorischer Perspektive den kirchlichen und öffentlichen Umgang mit sexualisierter Gewalt untersucht – und zwar in Ost und West, von 1950 bis 2022.
(TP B widmet sich der bisherigen Praxis der Aufarbeitung.)
TP C erforschte die Erfahrungen und Sichtweisen von Menschen, die sexualisierte Gewalt in evangelischen Kontexten erlitten haben – und zwar
TP D im Blick auf evangelische Strukturen und deren Nutzung durch Täter*innen.
Das einzige quantitative Teilprojekt E – alle anderen arbeiteten mit qualitativen Betroffeneninterviews – ermittelte Kennzahlen zur Häufigkeit und beschäftigt sich mit der Aktenführung.
Das sechste Metaprojekt schließlich hat die verbindende Klammer gesetzt und die Empfehlungen der Forscher zusammengeführt.

Wichtigstee Ergebnisse aus den 870 Seiten:

Der Realität, dass es sexualisierte Gewalt gibt und auch in der evangelischen Kirche und der Diakonie gegeben hat, muss man ins Auge schauen. Ergo: Es verbietet sich die Rede von Einzelfällen. Das klingt banal, ist aber angesichts des relativ geringen Interesses in der Öffentlichkeit von Wichtigkeit. Nur was als Problem erkannt wird, ist auch zu bearbeiten.

Die politischen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen – etwa einer DDR/BRD oder Prägungen wie die Reformpädagogik oder fromme Milieus – sind weniger wirkmächtig als angenommen. Vielmehr können in allen geschlossenen Systemen – gleich unter welchen Vorzeichen – Machtmissbrauch und Mechanismen sexualisierter Gewalt greifen.

Den Pfarrern als Tätern (zu 99 % männlich) kommt ihr Amtsnimbus zugute – es kann nicht sein, was nicht sein darf. Folge ist auch: Kollektive Schutzmechanismen für den Täter statt für die betroffene Person setzen ein.

Es gibt eine große Verantwortungsdiffusion – Folge einer flachen Hierarchie und föderalen Struktur. Und mehr noch: Das familiale Miteinander in Kirche hat oft zur Folge, dass Verantwortlichkeiten nicht geklärt sind. Jede:r macht vieles, und vieles ist ungeklärt. Wer beispielsweise ist zuständig, wenn eine Meldung erfolgt? Wer handelt, informiert, wer kümmert sich um die betroffene Person? Inzwischen sind hier mit Handlungsleitfäden und Beratungsstäben schon klare Standards flächendeckend gesetzt, aber bis vor 2010 gab es wenig Klarheit, wer wem gegenüber aktiv wird, wenn ein Verdachtsfall sich verhärtete. Jugendliche haben sich bis zu siebenmal anvertraut, bevor irgendjemand reagierte. Und: Täter wurden versetzt – ohne weitere Dokumentation. Siehe Ahrensburg: Versetzung des Täters in den Jugendstrafvollzug.

Das Pfarrhaus ist ein spezieller Kontext in der evangelischen Kirche – die Vermischung von Dienstlichem und Privatem ist dabei besonders im Blick. Und man muss deutlich erkennen: Das Pfarrhaus steht nicht mehr nur für einen Schutzraum oder den Raum gebildeter Kultur; das Pfarrhaus war Tatort.

Der evangelischen Kirche wird ein initiativloses „Ringen um Aufarbeitung“ nachgewiesen. Betroffene Menschen fühlten sich nicht unterstützt, sondern ausgegrenzt und als Nestbeschmutzer behandelt.

Dies ist verbunden mit einem hohen Harmoniedrang innerhalb kirchlicher Gremien und Einrichtungen. Ganz schnell sollte – wenn überhaupt – alles „aufgeklärt“ werden, damit man wieder zur Tagesordnung übergehen konnte. Diese mangelnde Konfliktfähigkeit, die die Dimension des Problems gar nicht erkennt, geschweige denn bearbeitbar macht, wurde von den Forschern und Co-Forscher:innen umfassend dokumentiert und analysiert.

Das Ausmaß der Taten ist größer als bisher bekannt und auf Basis der Daten der ForuM-Studie nicht verlässlich abschätzbar.

2225 Betroffene, 1259 Beschuldigte 

Zu diesem letzten Punkt gestatten Sie mir einen kleinen Exkurs, zumal dieser – leider – die mediale Berichterstattung stark bestimmt hat. Durchaus zum Ärger der anderen Forschenden und betroffenen Menschen, die an dieser Studie mitgewirkt haben, haben die Zahlen dominiert. Dazu einige Fakten:
Bundesweit beläuft sich die Zahl auf 2.225 betroffene Menschen bei 1.259 Beschuldigten – davon sind 19 % Pastoren, 6 % Diakone, 6 % Ehrenamtliche, 62 % Mitarbeitende aller Art.

Laut Teilprojekt E seien aber diese Zahlen vor allem deshalb nicht belastbar, weil die Landeskirchen nicht die notwendigen Akten geliefert hätten. Das stimmt in dieser Verkürzung so nicht. Die geforderten Disziplinarakten der Pastor:innen seit 1945 wurden von allen Landeskirchen pünktlich geliefert, bis auf eine Landeskirche, die vier Wochen Verzögerung hatte. Allein in der Nordkirche haben acht Menschen in Vollzeit an der Durcharbeitung der Personalakten gearbeitet, ohne die man an die Disziplinarakten gar nicht gekommen wäre. (Ich betone das deshalb hier einmal so kritisch und klar, weil das Narrativ, als wollte die Kirche sich nicht ins Blatt gucken lassen, sich hartnäckig hält. Aber: Wir geben doch nicht 3,1 Millionen Euro für eine Studie aus, um nichts zu erfahren?!)

(Dass es im Hellfeld mehr betroffene Menschen gibt – und allemal darüber hinaus ein Dunkelfeld existiert, ist für alle evident. Nicht umsonst insistieren wir ja schon seit Jahren darauf, dass es eine gesamtgesellschaftliche Dunkelfeldstudie gibt, die die Kirchen, klar, aber auch Schulen, Sport, Jugendverbände etc. einschließt. Nur im Verbund macht so eine Dunkelfeldstudie letztlich Sinn.)

Die Zusammenschau der qualitativen mit den quantitativen Ergebnissen gibt guten Aufschluss. So etwa ist im Blick auf zeithistorische Einordnung interessant, dass von den 511 beschuldigten Pastoren bundesweit 500 (weit) vor dem Jahre 2000 ordiniert wurden, 11 nach 2000. Selbst wenn man davon ausgeht, dass sich betroffene Menschen oft erst Jahrzehnte nach der Tat melden, ist hier trotzdem der Unterschied signifikant. Heißt: dass sich in den vergangenen 10 Jahren doch manches getan haben dürfte. Die Sensibilisierung ist stetig gewachsen, bis hin zu dem Phänomen extrem großer Verunsicherung. So fragen sich kirchliche Mitarbeitende, ob und wie überhaupt noch Freizeiten, Jugendgemeinschaften, Kinderchöre stattfinden sollten.

Schutzkonzepte schützen alle

Der Rückzug aus der Jugend- und Kinderarbeit wäre natürlich fatal, deshalb kommt es ja auf ganz präzise Präventionsschulungen und Schutzkonzepte an! Sie schützen letztlich alle – weil alle transparent und mit geordneten Verfahren der Prävention vertraut gemacht werden. Dass sich die Mehrzahl der Fälle in den 50er- bis 90er-Jahren mit unterschiedlichen Piques ereignet haben, danach eher rückgängig sind (davon ist trotz Dunkelziffer auszugehen), mag auch mit der zunehmenden Zahl von Frauen im Pfarramt zusammenhängen.

Soweit erst einmal ein grober Überblick über die Ergebnisse, die nun im sogenannten Beteiligungsforum der EKD weiterbearbeitet werden. Dieses BeFo ist paritätisch zusammengesetzt aus Betroffenenvertreter:innen und EKD-Beauftragten, um von Anfang an gemeinsam an Vorhaben zu arbeiten. Seit fast 4 Jahren arbeitet es, bis vor einem Jahr durfte ich mit dabei sein, schon an Maßnahmen zur Verbesserung von Aufarbeitung und Intervention – und hat damit etliche Empfehlungen von ForuM quasi schon längst vor der Veröffentlichung der Ergebnisse in Arbeit gehabt.

Mit einer Gesetzesänderung zu den Disziplinarverfahren, die deutlich betroffenenorientierter durchgeführt werden sollen – das wurde jetzt auf der EKD-Synode beschlossen.
„BENE“ – mit der Einrichtung einer digitalen Vernetzungsplattform für betroffene Menschen, um sich gegenseitig zu unterstützen.
Mit einer Vereinheitlichung der Anerkennungsverfahren und materiellen Leistungen – die Richtlinie dazu ist 2025/2026 von fast allen Landeskirchen weitgehend übernommen worden.
Mit einer weiterentwickelten Gewaltschutzrichtlinie, die seit 2019 schon verbindliche Standards in den Landeskirchen einfordert.

Vor allem aber mit Präventionsschulungen und Schutzkonzepten allerorten, die konsequent in Stand und Wesen gesetzt werden: in den Kirchenkreisen und den Leitungsgremien der Landeskirchen, auch in unserer Kirchenleitung und der Landessynode. Es geht um Sensibilisierung durch und durch, vor allem in Situationen, in denen es asymmetrische Beziehungskonstellationen gibt und potenziell Machtmissbrauch geschehen könnte: zwischen Bischöfen und Pröpstinnen und Pastoren, Verwaltungsleitern und Mitarbeitenden, Seelsorgerinnen und Klienten und so weiter und so fort.

In der Workshop-Phase konnten Teilnehmende sich über das Thema Prävention austauschen.

Impressionen, die die Innenseite des Themas beleuchten

Das meiste, was ich in der Studie gelesen habe, hat mich nicht überrascht. Aber es hat mich wieder und wieder berührt. Weil es eben um Menschen geht, denen furchtbares Unrecht angetan wurde. Und es geht um meine Kirche, deren Selbstbild – auch das ein Ergebnis – als progressive, reformpädagogisch aufgeschlossene, demokratische, geschwisterliche Glaubensgemeinschaft einen erheblichen Riss erfährt. Für mich schon 2010. Die Schattenseite von der viel gerühmten Freiheit, die von Tätern pervertiert wird als erlaubte Grenzenlosigkeit, also als Grenzmissachtung und Machtmissbrauch, ist mir schon damals so in die Glieder gefahren, dass ich gar nicht hätte aufhören können, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Und deshalb geht es eben nicht allein um einzelne „Maßnahmen“. Sondern diese Maßnahmen münden letztlich in einen grundlegenden Transformationsprozess, der an die Tiefenschichten des evangelischen Selbstverständnisses samt ihrer Strukturen reichen wird. Und das ist auch genau richtig so.

Es bedarf eines Kulturwandels in der Kirche

Kulturwandel ist das über allem stehende Wort dafür. Kulturwandel – der eben nicht von heute auf morgen erfolgen kann. Kulturwandel einer Kirche, in der die Mitarbeitenden schlicht wissen um die Verführungen in Seelsorge und gemeindlichen Beziehungen. Die aufmerksam und achtsam sind für jede Form von Machtmissbrauch – und ja, auch Formen geistlicher Übergriffigkeit und Gewalt. Die ForuM-Studie hat uns in vielerlei Weise den Spiegel vorgehalten, vor allem durch die beeindruckenden Berichte betroffener Menschen. Sie ruft uns in der gesamten EKD auf, die Prävention und Intervention in ihren Standards zu verbessern und zu vereinheitlichen – und schon jetzt haben dabei die Landeskirchen jede Menge Hausaufgaben zu erledigen. Und das heißt eben genau auch: Präventionsfortbildung auf allen Ebenen, vom E-Learning-Programm angefangen, über Juleica-Kurse, Fortbildungen für die Vikar:innen und Pastor:innen hin zu allen Leitungspersonen unserer Kirche. Das ist in der Nordkirche auf gutem Weg. Und weil bei der Berufsgruppe der Pastor:innen eine Evaluierung am einfachsten durchzuführen ist, kann ich Ihnen zumindest dies sagen, dass in der Nordkirche inzwischen 82 Prozent an der verpflichtenden Basisschulung teilgenommen haben. Es sind immer noch nicht die nötigen 100 %, aber die Zielmarke ist in Sichtweite …

Natürlich haben auch wir uns im Pröpst:innen-Konvent der Sprengel fortgebildet. Und ehrlich, nur einen Filmausschnitt von 15 Minuten zu sehen, in dem der Schauspieler Ulrich Tukur in der Rolle von Gerold Becker (der ehemalige Leiter der Odenwaldschule) auf perfide Weise kleine Jungen in sein Gewaltsystem presst, geht an die Nieren. Schlagartig wird klar, was geschlossene Systeme sind, was Täterstrategien und Gefahrenquellen. Für diese Gewaltsysteme sensibilisiert zu werden – ohne in Hysterie und Generalverdächtigungen zu verfallen – und besonnen und mit Augenmaß professionelle Beratung in Anspruch zu nehmen, um im Verdachtsfall nach allen Regeln der Interventionskunst zu handeln – das ist ein Ziel dieser Fortbildungen. Damit der Vertrauensraum Kirche einer ist oder bleibt. Eben weil in ihm Menschen arbeiten, die ein reflektiertes Nähe- und Distanz-Verhältnis verinnerlicht haben.

Unsere Kirche muss genau hinschauen

Summa: Um der betroffenen Menschen und unseretwillen muss unsere Kirche genau hinschauen. Und sich gerade dem bekannten Reflex, sich nicht befassen zu wollen, mit Klarheit entgegenstellen. Denn es geht um Menschen, die viel erlitten haben. In Räumen, in denen man für den Frieden gebetet und von der Liebe gesungen hat. Es geht um jugendliches Liebessehnen und um den Verrat dieser Gefühle. Um die Brüche, die das für eine Biografie bedeutet hat. Und immer geht das Thema an die Grenzen. Auch unsere. Schlicht, weil unsere inneren Grenzen der Vorstellung damit immer wieder durchbrochen werden.

Tabuisierungen aufbrechen

Aber es hilft nichts – es gilt, sich zu stellen. Auch gesamtgesellschaftlich. Wenn dazu die Studie etwas beitragen kann, umso besser. Ihnen jedenfalls danke ich von Herzen, dass Sie zugehört haben. Geduldig. Und aufmerksam. Denn dieses Thema braucht Sprechräume. Kollegiale. Selbstkritische. Synoden-Workshops. Nur so werden wir ermutigt, Tabuisierungen aufzubrechen. Und nur so kann man Ernst machen mit dem Schutzkonzept des Evangeliums: auch durch den Schmerz hindurch das Leben zu stärken.