Klangfarben: Zwölf Lübecker Orgeln für Zuhause
Lübeck. In der Lübecker St.-Gertrud-Kirche ist an diesem Abend einiges anders als sonst. Im hinteren Bereich stapeln sich die roten Polster, die normalerweise auf den Kirchenbänken liegen, ein großer Teil des Teppichs ist eingerollt. Zwischen den Bänken stehen Mikrofone auf bis zu drei Metern hohen Stativen. Wo sonst Gottesdienste stattfinden, konzentriert sich heute alles auf den Klang der großen Orgel, die sich auf der Westempore der Kirche majestätisch aufbaut.
Lutz M. Schmidt, Gründer der Stockelsdorfer Produktionsfirma Chorus Productions, ist für die Aufnahme verantwortlich. Er bewegt sich durch den Kirchenraum, prüft die Mikrofone und hört genau hin. Schon kleine Veränderungen können den Klang beeinflussen. "Die Polsterung kann sehr viel vom Ton schlucken", erklärt der Ton-Experte. Für seine Produktion "Klangfarben" reist er durch Lübeck und nimmt zwölf Orgeln in evangelischen Kirchen außerhalb der Innenstadt auf.
"Eines der wenigen Zeugnisse romantischen Orgelbaus in Lübeck"
Dann setzt sich Kirchenmusikdirektor Peter Wolff an den Spieltisch. Seine Hände wandern über die Tasten der Manuale, ziehen Register – parallel dazu tanzen seine Füße über die Pedale. Augenblicklich füllt das Kolorit der Orgel aus der Orgelfamilie E.F. Walcker das Kirchenschiff.
Die Orgel in der St.-Gertrud-Kirche stammt aus dem Jahr 1910. Rund 2200 Pfeifen gehören zu dem Instrument. "Mit 35 Registern ist sie die größte bespielbare Orgel in einer Lübecker Vorstadtkirche außerhalb der Innenstadt", erzählt Peter Wolff. Der Organist kennt das Instrument genau und beschreibt seinen Charakter mit wenigen Worten: "Das ist eine weiche und dunkle Orgel", und führt weiter aus: "Das Klangideal der Walcker-Orgel orientiert sich am symphonischen Orchesterklang. Der weiche und grundtönige Klang wird unter anderem durch streichende Register verfeinert."
Orgelbau E.F. Walcker: Ein Stück Orgelgeschichte
Die Walcker-Orgel gehört zur romantischen Tradition und erzählt ein Stück Orgelgeschichte. Ihre Klangvorstellung geriet im 20. Jahrhundert zeitweise ins Hintertreffen, als die sogenannte Orgelbewegung sich stark an historischen Barockinstrumenten orientierte. Auch in St. Gertrud veränderte man deshalb das Instrument: 1980 erhielt die Orgel einen neuen Spieltisch, außerdem kamen Register hinzu, die sich stärker an der barocken Klangwelt orientierten.
Später änderte sich der Blick auf die unterschiedlichen Epochen erneut. 2013 baute die Gemeinde die Veränderungen zurück. Heute lässt sich dieser romantische Klang in St. Gertrud wieder unmittelbar erleben. Peter Wolff spielt an diesem Abend zwei Stücke für die Aufnahme: Zum einen ertönt eine Improvisation Wolffs über den Choral "O Jesu, all mein Leben bist du" und zum anderen präsentiert er das Stück "Toccata in d-Moll" des US-amerikanischen Komponisten Gordon Balch Nevin von 1915.
Mal klingt die vollpneumatische Orgel kraftvoll und raumfüllend, dann wieder erstaunlich fein. Eine Besonderheit ist hier der gleichbleibende Anschlagswiderstand: "Ob ich mit einem Register oder mit allen Registern spiele, der Anschlagswiderstand ist immer genau gleich", erklärt Wolff.
Produktion "Klangfarben": Orgeln außerhalb der Innenstadtkirchen
Genau solche Eigenheiten interessieren Lutz M. Schmidt bei seiner Produktion "Klangfarben". Die großen Orgeln der Lübecker Altstadtkirchen sind seit Jahrzehnten immer wieder auf Tonträgern zu hören. Die mehr als 60 Orgeln in den umliegenden Gemeindekirchen dagegen sind bislang nur selten dokumentiert.
Schmidt möchte diesen Klang festhalten, solange die Instrumente in ihren Kirchen stehen und gespielt werden. Denn die Veränderungen in den Gemeinden, die durch den steigenden Mitgliederschwund entstehen, betreffen auch die Orgeln. "Wenn Kirchen aufgegeben oder profanisiert werden, verschwinden mitunter auch die Instrumente," so Schmidt.
Doppel-CD als haptisches Klangerlebnis
Die Doppel-CD "Klangfarben" versammelt zwölf solcher Instrumente. Für jede Orgel stehen etwa zehn bis 15 Minuten Musik zur Verfügung. Die Veröffentlichung soll noch vor Weihnachten erscheinen. Die Doppel-CD kostet 15 Euro und wird über die beteiligten Musikerinnen und Musiker sowie die Gemeinden erhältlich sein. Parallel dazu stehen die Aufnahmen auch als Streamingangebot zur Verfügung. Das 28-seitige Booklet ist ein ebenso wichtiger Teil des Projekts: Es enthält Informationen zu den zwölf Orgeln, Fotos und Porträts der beteiligten Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker.