Abschied auf Zeit: Ein letzter Gottesdienst in St. Marien
Lübeck. Es ist ein Sonntag voller besonderer Momente und gemischter Gefühle: Noch einmal erklingt die Orgel in der Lübecker St.-Marien-Kirche. Noch einmal kommen rund 300 Menschen zum Gottesdienst in dem vertrauten Kirchenraum zusammen. Es wird gesungen, gebetet – und Abschied genommen. Im Laufe des Gottesdienstes nehmen die Küsterin Paula Claußen und Küster Bernhard Drews die Antependien – die kunstvoll gestalteten Behänge an den Altären – ab. Eine Klarinette begleitet diesen Moment. Am Montag, 2. November 2026, schließen sich die Türen von St. Marien für die Öffentlichkeit. Eine lange Zeit der Veränderung beginnt.
„Wir feiern heute Gottesdienst mit allem, was uns heute bewegt: mit Dankbarkeit und Wehmut, Neugier und mit Hoffnung“, sagt Pastor Robert Pfeifer zu Beginn. Es sind Gefühle, die sich an diesem Sonntag immer wieder zeigen. Denn: Auch wenn die Schließung notwendig ist und viele der Beteiligten der Sanierung mit Vorfreude entgegenblicken, fällt der Abschied vom vertrauten Kirchenraum nicht leicht.
Propst: Was den Kirchenraum so besonders macht
In seiner Predigt beschreibt Propst Oliver Erckens seine Beziehung zur Lübecker Marienkirche und wie sehr er sich als Teil einer Gemeinschaft fühlt, die weit über die eigene Lebenszeit hinausreicht: „Und mir wird es schwerfallen, für die Zeit der Sanierung darauf zu verzichten. Auf die gerade liebgewonnene Kirche mit ihrem Backsteingewölbe, mit ihrer Erhabenheit, der wunderschönen Musik der Orgel und der heiligen Andacht betender Menschen.“
Abschied von einem Ort voller Erinnerungen
Wie eng die Menschen mit St. Marien verbunden sind, wird auch nach dem Gottesdienst deutlich. Hildegard Fiedler, 93 Jahre alt, ist gemeinsam mit ihrer Tochter gekommen. Seit zwölf Jahren führt sie Besucherinnen und Besucher durch die Kirche – vor zwei Wochen gab sie ihre vorerst letzte Führung. „Da kamen mir schon die Tränen“, erzählt sie. Dann beginnt sie, von den Kunstschätzen der Kirche zu berichten, und schwärmt besonders von der Madonnenfigur, die im Krieg zu Bruch gegangen und später wieder zusammengesetzt worden ist. Ihr Wissen und ihre Begeisterung sind sofort abrufbereit. Nur: Die nächsten Führungen müssen erst einmal warten.
Auch Sabine Weiß, ehemalige Kirchenvögtin, hat der Beginn der Veränderungen bewegt. Als die Paramente abgenommen wurden, habe sie das sehr betroffen und traurig gemacht. „Auch wenn ich weiß, dass es nur auf Zeit sein wird, fühlt es sich ganz komisch an“, sagt sie mit Tränen in den Augen. Dabei habe sie auch an andere Lübecker Gemeinden gedacht, deren Kirchen vollständig geschlossen wurden – wie jüngst die Kreuzkirche oder die Dreifaltigkeitskirche.
Gisela Bald, 89 Jahre alt, Ehemalige aus dem Frauenwerk, hat bis zum vergangenen Jahr regelmäßig Mittagsandachten in St. Marien gehalten. Hier zu stehen und Menschen von der Kirche, ihren Schätzen, Figuren und Säulen zu erzählen, sei etwas ganz Besonderes gewesen. „Das wird jetzt erst mal für eine Zeit lang nicht so sein. Aber die Kirche ist so stark und lebendig.“ Den Abschied empfindet sie als einen Einschnitt in ihr eigenes Leben: „Ich nehme Abschied von einem Stück Lebensform und von einem Stück Lebensabschnitt, der mich betrifft.“ Aber sie ist auch überzeugt, dass die Veränderungen für viele Menschen segensreich sein werden.
Sanierung der Marienkirche: Zwischen Wehmut und Vorfreude
Dass die Sanierung längst nicht nur eine bauliche Notwendigkeit ist, sondern auch eine Investition in die Zukunft, betont Marienorganist Johannes Unger. Seit 2009 ist er an der Kirche tätig und hat den Prozess der Sanierung und Umgestaltung in den Gremien begleitet. Neben einer modernen technischen Infrastruktur gehe es auch um eine gute Raumstruktur und Akustik. „Ich freue mich, dass es jetzt losgeht“, sagt er.
Auch Eva-Maria Wiese, Koordinatorin für das Ehrenamt, merkt an diesem Sonntag, dass sie der Abschied stärker berührt als erwartet. „Rational ist es nur ein begrenzter Zeitraum der Schließzeit, aber dann sitzt man da und denkt, das ist schon so ein Ort für mich, der Erdung und des Zur-Ruhe-Kommens.“ Besonders fehlen werde ihr der Blick von ihrem Lieblingsplatz hinauf in den Obergaden. Trotzdem gehört für sie Veränderung zum Leben: „Wandel gehört dazu. Keiner bleibt immer, wie er ist, und unsere Kirche wird sich auch wandeln. Aber sie geht uns ja zum Glück nicht verloren.“
St-Marien-Küsterin Paula Claußen sieht die Veränderungen mit einem lachenden und einem weinenden Auge: "Die Kirche braucht die Arbeiten dringend und ich freue mich, dass mein Arbeitsplatz erhalten bleibt und das Gebäude eine neue technische Ausstattung sowie eine neue Heizung bekommt." Küster Bernhard Drews blickt mit gemischten Gefühlen auf den Tag. Besonders nahegegangen sei ihm bereits das Herausnehmen der Kirchenbänke. „Ein komisches Gefühl, die Kirche leerzuräumen“, sagt er. In den kommenden Wochen steht nun die nächste große Aufgabe an: Der Kirchenraum muss vollständig geräumt werden. Viele Gegenstände werden im Marienwerkhaus eingelagert.
St. Marien bleibt auch während der Sanierung lebendig
Für Pastor Robert Pfeifer ist die Schließung ein wenig wie der Abschied von einem alten Freund, den man erst nach einigen Jahren wiedersehen wird. Wehmütig sei das schon. Doch die Gemeinde verliere nicht das, was St. Marien im Innersten ausmache: die Menschen, die Musik, die Geschichten und die Begegnungen. „Wir schließen nicht, weil wir aufhören wollen, sondern weil wir weitermachen wollen“, sagt er.
Die Gottesdienste werden während der Sanierung zunächst in der Briefkapelle gefeiert. Und irgendwann sollen sich die Türen wieder öffnen. Dann, so wünscht es sich Pfeifer, soll nicht einfach alles so weitergehen wie zuvor. Vielmehr soll neu entdeckt werden, was dieser besondere Ort den Menschen heute geben kann. „Ab Montag ist St. Marien erst einmal geschlossen. Aber die Kirche ist nicht weg. Sie bekommt eine Zukunft.“