Lübeck

Mahnwache in Lübeck: Hunderte setzen Zeichen gegen Hass und Gewalt

Lübeck. Mit einer Mahnwache auf dem Lübecker Markt haben am Mittwochabend (29. Juli 2026) hunderte Menschen an die Opfer des Anschlags auf den Christopher Street Day in Berlin erinnert. Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Kirche und der queeren Community riefen dazu auf, Hass und Gewalt entschieden entgegenzutreten und sich für Vielfalt und Demokratie einzusetzen.

Für Christian Till, Vorsitzender des Lübecker CSD-Vereins, war es eine Rede, die ihm besonders schwerfiel. Er berichtete, dass er den Berliner CSD gemeinsam mit weiteren Lübecker:inne besucht hatte. „Es war ein unbeschwerter, fröhlicher Tag, bis am späteren Abend plötzlich Polizeiwagen, Feuerwehrfahrzeuge und immer mehr Rettungswagen an unserem CSD-Stand vorbeirauschten. Da wussten wir: Etwas ist passiert.“

“Da wussten wir: Etwas ist passiert”

Eine Frau war bei dem Anschlag getötet, 29 weitere Besucherinnen und Besucher teils lebensgefährlich verletzt. „Wir sind bis heute geschockt, aber nicht überrascht“, sagte Till. Seit Jahren nehme der Druck auf queere Menschen zu. „Berlin ist der grausamste Fall. Aber Gewalt und Hass gehören für viele queere Menschen zum Alltag.“ Demokratie müsse diesem Trend entschlossen entgegentreten. „Es braucht intensive Arbeit – von der Kita über die Schulen bis hinein in Unternehmen –, damit Vielfalt endlich selbstverständlich wird.“

Lübecks Bürgermeister und Schirmherr des CSD, Jan Lindenau, rief dazu auf, sich nicht einschüchtern zu lassen. „Jetzt erst recht“, sagte er mit Blick auf den bevorstehenden Christopher Street Day in Lübeck. Er hoffe, dass sich in diesem Jahr noch mehr Menschen beteiligen. Zugleich warnte er vor gesellschaftlichen Rückschritten: „Wir waren schon einmal sehr viel weiter mit gelebter Vielfalt.“

Anne Müller, Pastorin bei segensreich und in der Laurentius-Gemeinde, sprach über die Grenzen von Worten angesichts eines solchen Verbrechens. „Ich frage mich: Sind Worte wirklich immer das, was nach solchen Ereignissen gebraucht wird? Mir bleibt da erst einmal jedes Wort im Hals stecken“, sagte sie.

Sie schilderte ihre Erschütterung als Mensch, ihre Verbundenheit mit der queeren Community und die Verantwortung der Kirche. „Gerade die Kirche und der christliche Glaube haben viel zu oft dazu beigetragen, dass Menschen im Namen Gottes ausgegrenzt und verletzt wurden.“ Deshalb müsse Kirche heute vor allem präsent sein. „Wir müssen da sein und da bleiben. Wir müssen trösten, unsere Kirchen für Gebet und Schutz öffnen, für gleiche Rechte eintreten und Gottes Segen über alle Formen der Liebe und Identität aussprechen.“ Manchmal sei auch Schweigen angemessen. „Nicht jedes Leid lässt sich mit Worten beantworten.“

Schweigen aus Respekt und Trauer 

Anschließend leitete Anne Müller eine Schweigeminute ein. „Wir schweigen nicht, weil man uns mundtot gemacht hat. Wir schweigen aus Trauer. Wir schweigen aus Respekt. Und wir schweigen, um Luft zu holen für einen umso lauteren, bunteren und vielfältigeren CSD hier bei uns in Lübeck. Denn: Vielfalt ist und bleibt unverhandelbar.“

Unter den mehreren hundert Teilnehmenden waren auch Propst Philip Graffam und seine Frau Martina. Der Seelsorger erinnerte an die Opfer des Anschlags und stellte die Würde jedes Menschen in den Mittelpunkt. „Wer Menschen angreift, weil sie lieben, wie sie lieben, oder leben, wie sie leben, greift uns alle an. Er greift unsere Freiheit an. Er greift unsere Menschlichkeit an.“

Propst: Wir dürfen uns nicht spalten lassen!

Graffam betonte, dass Christinnen und Christen jeden Menschen als Ebenbild Gottes verstünden. „Jesus hat den Menschen nie zuerst gefragt, wer er ist, woher er kommt oder wen er liebt. Er hat ihn angesehen. Er hat ihm Würde zugesprochen. Er hat ihm Liebe entgegengebracht.“

Graffam rief dazu auf, sich nicht spalten zu lassen. „Wir stehen an der Seite derer, die Angst haben. Wir stehen für ein friedliches Miteinander und widersprechen jeder Ideologie, die Menschen gegeneinander aufhetzt oder ihre Würde infrage stellt.“ Hass und Angst dürften nicht das letzte Wort behalten. „Das letzte Wort muss die Liebe haben. Die Hoffnung. Der Mut, füreinander einzustehen.“