Mit Regen und Segen: Ratzeburg sagt AHOI!
Ratzeburg. Hunderte Besucher:innen haben beim 2. Ahoi-Fest in Ratzeburg (13. Juni 2026) einen großen Tag der Kleinkunst erleben dürfen. Eine Rückschau.
Auch wenn am Sonnabend nur ein paar kleine Boote über den Ratzeburger See schippern: Auf der Altstadt-Insel sind viele an Bord gegangen, denn der Kirchenkreis hat dort zum zweiten Mal zum Kleinkunstfest „Ahoi“ eingeladen. Unter dem Motto „Voll das Leben“ macht das Organisationsteam um Propst Philip Graffam keine halben Sachen.
Propst Graffam: Gemeinsamkeit erleben
Schon in seiner Pop-Andacht zur Eröffnung um 11.30 Uhr sagt Graffam, was ihm wichtig ist: sich nicht im Klein-Klein des Alltags zu verlieren, nicht im Stress steckenzubleiben, sondern sich mit anderen zu verbinden, um Gemeinsamkeit zu erleben. Graffam zitiert die Rockband „Die Toten Hosen“ mit ihrem Titel „An Tagen wie diesen“. Hier finde sich die Sehnsucht der Menschen nach etwas, das über das Getöse im Alltag hinausgehe und Kirche da ankomme, wo sie hingehört: mitten im Leben.
Der Wettergott hat eigene Pläne, denn er lässt immer wieder kräftige Schauer über den Markt prasseln. Ein Wind stürmt, so dass Aufsteller und Plakate auf die Pflastersteine krachen, die Zelte mit den Böen wanken und Besucher ihre Regenjacken ins Gesicht ziehen und sich eilig irgendwo unterstellen.
Lieber im Regen tanzen, als auf die Sonne warten
Um 13 Uhr haben „Die Herren“ aus Mölln die Bühne übernommen. Die Herren, das sind Ronald Stahn, Lars Niederstein und Arpad Stöver, die Songs aus den 60ern, 70ern und 80ern spielen. Die Drei sind befreundet, die Band tritt seit etwa vier Jahren auf. Ein paar Mutige trotzen dem Wetter und wissen, worum es im Leben geht: Lieber im Regen tanzen, als auf die Sonne zu warten. „Wir finden Gott schon gut“, sagt Ronald Stahn nach dem Aufritt im Vorbeigehen. Er hat keine Zeit, die Bühne muss wieder geräumt werden. Ab 14 Uhr werden die Stelzenläufer vom Straßen- und Aktionstheater Charivari erwartet. Sie verspäten sich etwas, sprühen aber gleich zu Beginn unzählige Seifenblasen in die Luft und scharren viele Kinder um sich.
„Strahlende Kinderaugen sind unser schönster Lohn“, sagt der Vorsitzende Axel Michaelis. Wer genauer hinschaut, merkt: Auch Erwachsene haben großen Spaß und werden vielleicht wieder ein bisschen zu Kindern. Michaelis sagt, er glaube an Gott, aber er habe so seine Probleme mit dem Bodenpersonal. Wenn er nicht auf Stelzen unterwegs ist, dann ist er als Schulsozialarbeiter tätig. Michaelis ist ein guter Beobachter. Der Zeitgeist, meint er, habe sich total verändert: „Früher haben wir noch selbst gelacht, heute haben wir Emojis.“
Himmelskraft als Herzensöffner
Die 72-jährige Sabine Neumann kommt aus Glücksstadt und lebt seit dem vergangenen November in Bäk kurz vor Ratzeburg. Sie ist Kirchenmitglied, erzählt sie, fühle sich geborgen und aufgehoben – manchmal aber auch gegängelt. Wenn von der Kanzel herunter moralin gepredigt, wenn politisiert oder Menschen ein schlechtes Gewissen gemacht werde, vertreibe das die meisten. Man müsse auch nicht immer nach Mehr schreien: „In unserer schnelllebigen Zeit reicht oft auch ein Weniger.“
„Voll das Leben“ ist nicht nur das Motto, angesagt ist auch ein volles Programm. Bands spielen Musik von Folk über Country bis hin zu Jazz und Pop. Improvisationstheater, Lesungen, Walk-Acts und viele Mitmachangebote laden zu einer kunterbunten Kirmes ein. Wenn der Himmel Regen ausschüttet, dann laufen die meisten in die Petri-Kirche. Ziehen die Schauer vorbei, schlendern alle zurück auf den Markt. Dort verkauft die Jugendfeuerwehr Ratzeburg Waffeln und Grillwürstchen. An anderen Ständen werden Honig, Pizza sowie Fleisch vom Wild angeboten. Dazwischen gibt es Taschen, Ketten und Armbänder, Kinder können sich schminken lassen.
segensreich-Team verteilt Segen to go
In der „Silent Zone“ direkt vor der Kirche kommt der Trubel ein bisschen zur Ruhe. Wer möchte, kann sich von den beiden „segensreich“-Pastorinnen Caroline Boysen und Kristina Boysen „Segen to go“ geben lassen. „Ich hatte schon acht Menschen bei mir“, erzählt Caroline Boysen. Sie frage immer „Wofür brauchst du die Himmelskraft?“ Das sei ein Herzensöffner, der auch bei Touristen gut ankäme. Gerade im Urlaub könne man auf vieles schauen, was sonst gedeckelt werde. Viele seien dazu mit schwerem Gepäck unterwegs, oft begleitet von der Angst, im Leben nicht zu genügen. „Wir nennen das den 'NGG', den Nicht-Gut-Genug-Geist“, sagt die Pastorin.
Es ist ein Kommen und Gehen an diesem Sonnabend in Ratzeburg. Vielleicht spült der Regen etwas von dem Alltagsgrau weg und man kann mit klarem Blick die Segel setzen für das, was wirklich zählt: Tage, wie diese.