Nicht mehr leiden, sondern leben: Welttag der Suizidprävention
Lübeck-Lauenburg. Der Welttag der Suizidprävention am 10. September erinnert jedes Jahr an ein verstörendes Tabu im gesellschaftlichen Miteinander: die Selbsttötung des Menschen. Die Seelsorger Pastorin Mareike Hansen und Pastor Frank Gottschalk arbeiten mit Angehörigen im direkten Kontakt und mit suizidgefährdeten Anrufer:innen am Telefon. Engagiert und sensibel zugleich berichten beide aus ihrem beruflichen Alltag. Schnell wird klar: Wenn Menschen sich das Leben nehmen, berührt dies unser aller Dasein.
Das folgende Interview beschäftigt sich mit Suizid, Suizidgedanken und den Erfahrungen von Angehörigen und Seelsorgenden. Bitte lesen Sie das Interview nur, wenn Sie sich psychisch dazu in der Lage fühlen und der Inhalt Sie nicht zusätzlich belasten könnte.
Der Welttag der Suizidprävention am 10. September ruft zu Aufklärung und Vorsorge auf. Was ist dieser Tag für Sie: ein lauter Aufschrei oder eine stille Mahnung?
Frank Gottschalk: Ganz spontan: Ein lauter Aufschrei ist es nicht. Das Thema kommt planbar und regelmäßig in jedem Jahr. Es ist in den Medien präsent, sorgt für Nachdenklichkeit und verschwindet dann wieder.
Mareike Hansen: Für mich ist das Thema auch eher etwas Stilles. Ich wurde vor zwei Jahren das erste Mal angesprochen, ob ich etwas dazu machen möchte, aber ich habe abgelehnt. Es kam mir wie Verrat vor. Der Tag richtet sich präventiv auf die Zukunft, an Menschen, die noch die Chance haben, etwas zu ändern, aber in meinen Gruppen haben Menschen diese Chance nicht mehr. Im letzten Jahr hat sich eine Mutter für den Tag engagiert. Damit habe ich die innere Erlaubnis erhalten, mich einerseits den Schuldgefühlen der Trauernden zu stellen und andererseits, das Thema öffentlich zu besprechen.
Erfahrungen im Umgang mit Suizidalität
Frau Hansen, Sie leiten eine Gruppe für Menschen, die Angehörige durch einen Suizid verloren haben. Herr Gottschalk, Sie sind Leiter der Telefonseelsorge. Wie begegnet Ihnen das Thema im beruflichen Alltag?
Frank Gottschalk: Wir schulen das Thema in der Ausbildung, denn es kommt regelmäßig vor, dass Menschen uns am Telefon von ihren Suizidgedanken erzählen. Wichtig ist: Wir bewerten die Menschen nicht. Die üblichen Phrasen wie 'Reiß dich zusammen' oder 'Nach Regen kommt Sonne', die aus Hilflosigkeit und Angst gesagt werden, verwenden wir ganz bewusst nicht. Es tut gut, es einfach mal aussprechen zu können. Wo kann man das sonst?
Nur selten haben wir jemanden in akuter Suizidalität am Telefon. Aber wir kommen dann auch an den Punkt, dass wir die Rettungskette in Gang setzen: “Wenn Sie mir sagen, wer Sie sind und wo Sie sind, dann schicken wir einen Rettungswagen.” Wir haben das fünf- bis sieben Mal im Jahr. Menschen, die bei uns anrufen, die wollen noch was. Das ist ein Hilferuf. Suizidale Menschen in der Entschlussphase, die rufen bei uns nicht an, die wollen nichts mehr.
Mareike Hansen: Ich hatte recht früh in meinem Berufsleben damit zu tun, weil ich als Gemeindepastorin Menschen beerdigen musste, die sich suizidiert haben.
Umgang mit Schuldgefühlen
Frau Hansen, Ihnen sitzen die Angehörigen direkt gegenüber. Bei der Telefonseelsorge trennt bzw. vermittelt das Telefon. Gibt es bei Ihnen beiden so etwas wie “Erste Hilfe”?
Frank Gottschalk: Wir sagen Sätze wie: “Gut, dass Sie anrufen. Ich bin für da für Sie, ich habe Zeit.” Wir signalisieren das auch mit dem Tonfall: “Bitte sprechen Sie. Ungeniert, ungeschminkt.”
Mareike Hansen: Wir unterscheiden in eine Phase, wo erste Gedanken auftauchen. Danach kommt die Ambivalenzphase, in der Menschen mit sich ringen und dann wird der Hebel umgelegt, wo keiner mehr zu ihnen durchdringen kann. Diese Phasen vereinfachen vieles, aber sie reduzieren auch. Uns hängt noch das Kirchenbild nach, Suizide moralisch zu bewerten. Mir ist wichtig, dass ich das außen vor lasse.
Ich weiß inzwischen, dass Schuldgefühle eine Funktion haben. Sie helfen, gegen das Gefühl der Ohnmacht anzukommen. Solange ich überlege, was ich hätte tun können, bewahre ich mir die Illusion, dass es in meiner Macht stand. Sobald die Schuldgefühle aufhören, gebe ich mich der eigenen Ohnmacht preis. Das Schuldgefühl ist erträglicher als die Ohnmacht.
Wie schafft man den Ausstieg aus diesem Teufelskreis?
Mareike Hansen: Menschen gehen danach in den Schmerz und die Trauer. Was in der Gruppe hilft, ist, dass man beim Schicksal der anderen sagt: “Du hast alles getan, was Du konntest.” Das kann man dann auch auf sich selbst übertragen.
Die Telefonseelsorge ist deutschlandweit eines der ersten Hilfsangebote und wird von vielen Medien zum Beispiel unter die Berichterstattung zum Thema Suizid gesetzt. Wie werden Sie dem gerecht?
Frank Gottschalk: Gut, dass Sie das ansprechen, denn es setzt uns sehr unter Druck. Wenn nach dem “Tatort” ein Laufband eingeblendet wird, dann ist das mit uns nicht abgesprochen. Leute, die bei uns anrufen und Leute, die bei uns durchkommen - das sind zwei Paar Schuhe. Die Schere geht seit Jahren immer weiter auf. Wir haben deutschlandweit jedes Jahr 1,3 Millionen Gespräche, die Anwahlversuche liegen bei 17 Millionen. Jeder, der in akuter Suizidalität ist, ruft vielleicht zweimal, dreimal an, mehr nicht. Man verweist gerne auf uns. Dann ist man das Thema los, aber die Erwartungshaltung dahinter können wir so nicht bedienen. Wir haben 104 Telefonseelsorgestellen in Deutschland und etwa 7.600 Ehrenamtliche. Zu glauben, ich wähle die Nummer und habe gleich jemanden, mit dem ich sprechen kann, das ist nicht so.
Sie brauchen mehr Personal?
Frank Gottschalk: Natürlich könnten wir mit mehr Telefonseelsorgestellen auch mehr abfangen. Das ist aber aus der Rubrik 'Wünsch dir was.' Der ehemalige Gesundheitsminister Karl Lauterbach wollte eine Suizid-Hotline aufbauen. Die Idee ist jedoch untergegangen. Wer sitzt da, wie bezahlen wir das? Letztlich scheiterte es am Geld. Und vielleicht würden auch Leute anrufen, die gar nicht akut suizidal sind.
Es gibt eine ganze Reihe von Erklärungen zum Suizid: medizinische, psychologische, soziale, ethische und religiöse. Glauben Sie, dass das Innere eines Menschen, der Suizidabsichten hat, überhaupt greifbar ist?
Mareike Hansen: Den einen suizidalen Menschen gibt es nicht. Jeder kann in diese Lage geraten. Es gibt auch Menschen, die nicht psychisch erkrankt sind, die Schulden oder Liebeskummer haben und auch die erreicht man irgendwann nicht mehr. Es gibt einen Punkt, der dann überschritten wird. Bei manchen dauert das Jahre, bei manchen wenige Stunden.
Frank Gottschalk: Im Leben eines jeden Menschen kann der dunkle Vogel vorbei kommen, wo man das Gefühl hat, es kotzt mich alles an, das hat doch alles keinen Sinn mehr. Es heißt aber nicht, dass ich automatisch suizidal werde.
Risikogruppen für Suizidalität
Bei den Faktoren und Gründen, die einen Suizid begünstigen, werden – um die wichtigsten zu nennen - psychische Erkrankungen, familiäre Konflikte und soziale Isolation genannt. Was ist es genau, das Menschen am Leben verzweifeln lässt?
Frank Gottschalk: Suizidalität kann jeden treffen. Es gibt aber Risikogruppen. Menschen mit chronischen, psychischen Erkrankungen, junge Frauen unter dem Einfluss von Social Media und vor allem ältere Männer ab 55 Jahren nach Partnerverlust. Die Fragen lauten: Ist da noch jemand? Wofür strampele ich mich eigentlich noch ab? Oder der Alterssuizid: Menschen sind nicht geneigt, sich anzuschauen, wie der Körper von Tag zu Tag weniger wird. Die sagen: Dann nehme ich lieber die Abzweigung.
Mareike Hansen: Das mit den Männern fällt mir in meinen Gruppen auch auf. Bei Älteren kommt hinzu, dass sie niemandem zur Last fallen wollen. Es geht nicht nur um psychische, sondern auch um körperliche Erkrankungen, wenn ein Autonomieverlust entsteht. Und auch Schmerzen, psychische Schmerzen, von denen wir nicht ahnen, dass das nicht mehr auszuhalten ist. Dann wird der Suizid als Erlösung gesehen.
Es gibt einen großen Unterschied zwischen der Aussage, nicht mehr leben zu wollen und so nicht mehr leben zu wollen. Wo also muss Hilfe Ihrer Meinung nach ansetzen? Was sind Lebensanker?
Frank Gottschalk: Wenn sich jemand erstmal “leer gekotzt" hat, dann passiert manchmal was. Es muss sich auch nicht immer alles ändern, aber es gibt eine Stellschraube, es gibt das Gefühl: Ich kann etwas tun.
Welche Stellschrauben meinen Sie?
Frank Gottschalk: Wenn jemand den Mut fasst, mit einem Menschen, mit dem er große Probleme hat, ein Gespräch zu versuchen oder einen Schritt nach außen wagt. Zu einer Beratungsstelle zu gehen oder zu einem Verband oder Verein, wo man sich anschließen kann. Wenn jemand den Impuls hat zu schauen, was geht, dann muss das nicht gleich die große Weltveränderung sein. Wenn ich das Bisschen versuche.
Mareike Hansen: Suizidale Menschen sagen nicht: Ich will nicht mehr leben, sondern sie sagen: Ich will nicht mehr leiden. Hilfreich kann sein, einen größeren Kontext zu sehen, etwas, das den Horizont weitet: Du bist nicht nur deine Krankheit, du bist nicht dein Leid und deine gescheiterte Ehe. Beziehungen sind sinnstiftend. Dafür müssen die Menschen aber etwas aufmachen. Wenn ich die Stellschrauben besser kennen würde …
Vielleicht passt dazu, dass Aushalten die stärkste präventive Maßnahme ist? Ich hatte das in der Vorbereitung gelesen.
Frank Gottschalk: Ja, das meinte ich mit Entlastungsgespräch. Es ist eine Illusion zu glauben, dass wir die Welt retten. Wer mit Weltrettungsfantasien in die Telefonseelsorge geht, ist ganz schnell am Ende. Aushalten ist eine riesige Qualität. Der andere ist mit seinem “Scheiß” nicht allein.
Mareike Hansen: Das fehlt bei so vielen Menschen, und das geht uns verloren. Dass jemand zuhört ohne kluge Ratschläge. Dass jemand geduldig aushält, ohne es besser zu wissen. Menschen, die nicht bewerten oder in Schubladen sortieren. Wenn etwas von außen übergestülpt wird, führt das eher zu Entfremdung.
Notstand in der psychotherapeutischen Versorgung
Für den oft langen Weg aus einer schweren Lebenskrise gibt es sicher nicht den einen, richtigen Rat. Welche Versorgungsangebote braucht es, um Menschen aus der Not zu begleiten?
Mareike Hansen: In meinen Trauergruppen verzweifle ich über die psychotherapeutische Versorgung. Da sind Menschen, die haben ihr Kind verloren und die kriegen erst nach einem halben Jahr Wartezeit einen Platz oder bekommen vom Therapeuten gesagt: “Nö, das ist mir zu hart, das will ich jetzt nicht.” Sie werden abgewiesen. Und für mich gesprochen: Eine halbe Stelle als Trauerbegleiterin beim Kirchenkreis ist zu wenig. Die Pastoren vor Ort leisten viel, aber da ist noch unglaublich viel Luft nach oben. Menschen brauchen Menschen mit einem guten Verhältnis von Nähe und Distanz. Ich höre mir alles an, auch immer wieder, aber ich lasse mich nicht aufsaugen. Aushalten ja, aber nicht aufsaugen.
Frank Gottschalk: Wir benutzen bei uns den Satz: Ich fühle mit dir, aber ich leide nicht mit dir. Das setzt eine eigene psychische Stabilität voraus. Es macht mir Sorgen, dass Menschen, die bedürftig sind, immer mehr werden. Wenn ich Kollegen für die Telefonseelsorge suche, muss ich nicht wegen Überfüllung schließen.
Mit welchen weiteren lokalen Akteuren innerhalb des Kirchenkreises und der Stadt arbeiten Sie zusammen?
Frank Gottschalk: Wir sind vernetzt mit anderen Telefonseelsorgestellen. In einen weiteren Zirkel einzutauchen, ich wüsste nicht, wann ich das noch machen soll. Wir sind eher Einzelkämpfer. Wir bieten Supervisionen an, stärken unsere Leute. Damit noch nach außen zu gehen, finde ich schwierig.
Mareike Hansen: Ich bin ebenfalls in Supervisionen, aber eher auch Einzelkämpferin. Ich finde es eigentlich eine tolle Idee, sich mit anderen zusammenzusetzen, um von ihnen zu lernen.
Benennen Menschen, was sie konkret tun wollen?
Frank Gottschalk: Bei uns geht es auch darum, Anrufer gezielt zu fragen: “Ich höre, Sie haben die Absicht, sich das Leben zu nehmen. Wissen Sie schon, wann und wie?” Aus den Antworten können wir oft ablesen, wie weit jemand innerlich ist. Es geht darum, nicht um das Thema herumzuschleichen.
Wen konfrontieren Sie und wen nicht?
Frank Gottschalk: Da muss jeder einzelne Moment abgetastet werden. Das ergibt sich aus der Beziehung zwischen Anrufer und Helfer.
Wir sprechen über Suizide, die von Leid und Verzweiflung getrieben sind. Kennen Sie auch selbstbestimmte Suizide als Ausdruck einer bewussten Entscheidung?
Mareike Hansen: Eine Person fällt mir ein. Jemand hat sich aus freien Stücken das Leben genommen, weil seine Frau schwer erkrankt war. Der Mann war selber kerngesund. Aber auch da muss man sagen: Das Leid und der Abschiedsschmerz waren zu groß.
Frank Gottschalk: Ich habe mal einen Hospizgast erlebt, der in einer souveränen Entscheidung den Tod gesucht und das Essen und Trinken eingestellt hat. Er wollte nicht darauf warten, dass der Magenkrebs ihn auffrisst und hatte das mit seiner Lebensgefährtin besprochen.
Ethische Fragen zum Umgang mit Suizid
Was ist die Eigenverantwortung des Menschen und wo beginnt die Verantwortung der Gesellschaft?
Mareike Hansen: Ich finde, es gibt ein Recht darauf, dem Leben nicht gewachsen zu sein. Wir können nicht jeden retten und dürfen das auch nicht. Es gibt so einen großen Schmerz und großes Leid, dass der Tod eine Erlösung sein kann. Bei Menschen, die lange psychisch erkrankt sind und damit ringen und kämpfen, etwas Lebenswertes zu finden, gibt es das Recht zu sagen: Bis hierhin und nicht weiter. Gerade, wenn Menschen so lange gekämpft haben, ist es irgendwann auch genug gekämpft. Bei psychischen Erkrankungen ist es jedoch schwer, den Punkt zu finden, an dem Gehen erlaubt ist.
Frank Gottschalk: Wir machen uns in unseren Schulungen immer klar: Die Verantwortung für sein Leben hat nur der Anrufer. Etwas anderes lasse ich mir nicht zuschieben. Manchmal ist der Tod nicht das große Übel. Ich gestehe das zu. Es gibt aber auch Menschen, die mit Suizidalität kokettieren. Die wissen: Ich bekomme mehr Aufmerksamkeit. Das zu bedienen, ist nicht unser Auftrag. Das geht so weit, dass Menschen mitteilen: “Überlegen Sie sich, was Sie mir sagen, sonst sind Sie der letzte Mensch, mit dem ich gesprochen habe.”
Wünschen sich suizidale Menschen, die Verantwortung an Sie abzugeben?
Mareike Hansen: Ja.
Unterscheidet sich Ihr kirchlicher, pastoraler Blick auf das Thema von ihrem individuellen Blick als Menschen und Ihrer Lebenserfahrung?
Mareike Hansen: Als Pastorin stehe ich erstmal für das Leben. Als Mareike Hansen sage ich, dass ich Verständnis habe, dass Menschen dem Leben nicht mehr gewachsen sind.
Das eigene Leid ist so groß, dass Menschen sich brutale Gewalt antun.
Mareike Hansen: Ja, das ist so.
Viele Menschen, darunter auch Prominente, reden inzwischen offen über sogenannte Mental-Health-Themen und machen Depressionen u. a. psychische Erkrankungen öffentlich. Geht davon eine echte Veränderung im gesellschaftlichen Miteinander aus?
Frank Gottschalk: Zum Teil, ja. Erinnern wir uns an Robert Enke. Der hatte schwere Depressionen. Das wurde nicht mehr versteckt und Menschen sagen: Ich habe das auch. Ich finde das enorm entlastend, und ich glaube, das hilft.
Mareike Hansen: Ich teile das. Man muss das Thema aus der Schmuddelecke holen. Leute in meinen Gruppen denken oft, sie werden verrückt, weil es so schwer ist, bestimmte Gefühle auszuhalten. Wut, Scham, Angst, Trauer. Es gehört zum Menschsein dazu, diese Gefühle in sich zu tragen.
Mut mit Verletzlichkeit offen umzugehen
Welche Botschaft möchten Sie Menschen mitgeben, die gerade keinen Ausweg mehr sehen?
Frank Gottschalk: Mein inständigster Wunsch ist, dass Menschen in Krisen jemanden finden, der zuhört.
Mareike Hansen: Wir sitzen alle im selben Boot, wir sind alle von den Stürmen des Lebens betroffen. Zeigt euch eure verletzlichsten, schambehaftesten, wundesten Stellen. Weniger Fassade, mehr Mut.
Frank Gottschalk: Leute sagen mir: Du weißt doch alles über Gott. Du hast das doch gelernt. Ich antworte: Ich habe die Taschen auch nicht voll. Wir sind alle zum ersten Mal in diesem Leben. Einige haben bessere Startchancen, aber alle haben wunde Punkte. Es ist eine Haltungsfrage, keine Frage von Gesprächsstechnicken.
Meinen Sie mit Haltung: Das Glas ist immer halbvoll?
Frank Gottschalk: Hm, keine schlechte Formulierung.
Mareike Hansen: Ich bin skeptisch. Ich möchte lieber einen ehrlichen Blick auf das halb leere Glas wagen und mich verbinden mit Menschen, die sagen: Ja, scheiße, das Glas ist halb leer.
Wie lösen Sie sich als Privatperson von der Schwere des Themas?
Frank Gottschalk: Ich sage meine Leuten: Begleitung braucht Begleitung. Damit meine ich Supervisionen. Seelsorge hat viele mit Selbstfürsorge zu tun. Ich muss wissen, wie ich meinen Akku auflade und Distanz bekomme. Dafür brauche ich andere Menschen und auch Rituale. Ich kann nicht wirklich trennen zwischen mir als Pastor und Mensch. Aber ich kann abgeben. An den da oben. Ich haue es ihm um die Ohren und sage: Ich habe alles gegeben. Mehr kann ich nicht. Jetzt mach du. Ich kann mir das gesamte Leid der Welt nicht auf meine Schultern packen und glauben, dass ich alles stemmen muss.
Mareike Hansen: Ich brauche und suche körperlichen Ausgleich. Ich schwimme, laufe, tanze.
Frank Gottschalk: Nach Notfalleinsätzen früher als Krankenhaus-Seelsorger tat es mir gut, durch den Wald zu stapfen. Den Wahnsinn und die Wut in den Boden zu trampeln.
Kurzporträts
Frank Gottschalk: “Ich habe die Taschen auch nicht voll”
Frank Gottschalk ist Pastor und seit 1. September 2020 Leiter der Lübecker Telefonseelsorge. Er führt ein Team von 70 Ehrenamtlichen im aktiven Dienst. Innerhalb von 24 Stunden werden etwas mehr als 40 Gespräche entgegengenommen. Das sind über 14.000 Gespräche im Jahr. Bei etwas mehr als 22 Prozent aller Anrufe ist Einsamkeit/Isolation das beherrschende Thema. Über 35 Prozent geben an, dass sie psychisch erkrankt sind. Mehr als 60 Prozent aller Anrufer leben allein. Mehr als sechs Prozent sprechen über Suizidgedanken. Knapp ein Prozent der Menschen äußern konkrete Suizidabsichten. Die TelefonSeelsorge ist kostenlos Tag und Nacht unter 0800 - 111 0 111 und 0800 - 111 0 222 und im Internet unter www.telefonseelsorge-luebeck.de erreichbar.
Frank Gottschalk ist 60 Jahre alt. Er ist verheiratet, hat zwei Töchter und lebt in Lübeck.
Mareike Hansen: „Das Schuldgefühl ist erträglicher als die Ohnmacht“
Mareike Hansen ist Pastorin und Beauftragte für Trauer- und Hospiz-Seelsorge im Kirchenkreis. Sie ist psychodynamisch ausgebildete Seelsorgerin und leitet seit 1. Juni 2026 eine neue Gruppe für Angehörige von Menschen, die durch Suizid gestorben sind. Die Treffen finden monatlich statt. Der nächste Termin ist am 7. September im Steinrader Weg 11 in Lübeck.
Interessierte werden gebeten, vorab Kontakt aufzunehmen. Weitere Informationen gibt es bei der Pastorin telefonisch unter 0176/979 02 98 oder per E-Mail an mhansen@kirche-ll.de.
Mareike Hansen ist 45 Jahre alt. Sie ist verheiratet, hat zwei Töchter und lebt in Lübeck.
Hilfsangebote bei psychischen Krisen
Jeder Pastor in den Gemeinden ist ansprechbar für Menschen, die sich in Krisen befinden. Ein weiteres, niedrigschwelliges Angebot ist die City-Seelsorge in St. Marien, die jeden Donnerstag von 15 Uhr bis 17 Uhr ohne Anmeldung vertrauliche Gespräche anbietet.
Überregionale Hilfsangebote
Auf den Seiten der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention, der Deutschen Depressionshilfe, des Nationalen Suizidpräventionsprogramms sowie der Deutschen Akademie für Suizidprävention finden sich Unterstützung und wichtige Informationen zum Thema.
Akute Krisen
In akuten Krisen kann der Rettungsdienst unter 112 gerufen oder die Notaufnahme in Krankenhäusern kontaktiert werden.
Hintergrund
Im Jahr 2024 nahmen sich in Deutschland 10.372 Menschen das Leben. Man geht davon aus, dass es zehn bis 20-mal häufiger zu einem Suizidversuch kommt. Das bedeutet, dass es allein in Deutschland ca. 100.000 Suizidversuche jährlich gibt. 71,5 Prozent der Verstorbenen waren Männer, 28,5 Prozent Frauen. 135 Menschen sind im erweiterten Umfeld von einem Suizid betroffen: Familie, Freunde, Kollegen.
Das Suizidrisiko steigt mit zunehmendem Lebensalter an. In der Altersgruppe der 15- bis 25-Jährigen gehört der Suizid weltweit zur zweithäufigsten Todesursache. In Deutschland sterben mehr Menschen durch Suizid als durch Verkehrsunfälle, Gewalttaten, illegale Drogen und AIDS zusammen.