„Sie haben Namen und Geschichten“: Requiem für Tote an Europas Grenzen
Lübeck. Zehntausende Menschen sind in den vergangenen Jahren auf der Flucht nach Europa ums Leben gekommen. Sie ertranken im Mittelmeer, starben auf dem Weg durch die Wüste. Am Mittwoch, 18. November 2026, ab 18 Uhr erinnert ein Requiem in der Lübecker St.-Jakobi-Kirche an die Verstorbenen. Unter dem Titel „Sie haben Namen und Geschichten“ stehen Lesungen, Musik und Berichte aus der zivilen Seenotrettung auf dem Programm. Der Gottesdienst bildet zugleich den Abschluss der Ökumenischen Friedensdekade im Kirchenkreis Lübeck-Lauenburg.
Requiem in Lübeck am Buß- und Bettag
„Das Sterben geflüchteter Menschen im Mittelmeer braucht einen Trauerort mit politischer Anklage“, sagt Elisabeth Hartmann-Runge, Flüchtlingsbeauftragte des Kirchenkreises. Seit 2009 wird das Requiem in St. Jakobi gefeiert. Die Seefahrerkirche ist internationaler Gedenkort für die zivilen Opfer der Seefahrt.
„Die Menschenrechte sind in akuter Seenot“
Das Thema zivile Seenotrettung sei zuletzt ein wenig aus dem Fokus der Öffentlichkeit geraten, sagt Hartmann-Runge. An der Situation auf den Fluchtrouten ändere das jedoch nichts. „Die Menschenrechte sind in akuter Seenot.“ Allein 2026 seien rund 1400 Menschen aus Seenot gerettet worden. Gleichzeitig beschäftigen neue Auseinandersetzungen die Rettungsorganisationen: „Auf europäischer Ebene wird, nicht zuletzt durch die GEAS-Reform, versucht, die humanitäre Hilfe auf See immer weiter einzuschränken. Wenn es nach der italienischen Regierung ginge, soll Rettungsschiffen die Einfahrt in italienische Gewässer regelmäßig verweigert werden. Stattdessen sollen auf See gerettete Menschen in Drittstaaten überführt werden, zu denen sie keinerlei Verbindung haben. Diese Abschottungspolitik erschwert die Rettung und Bergung von Menschen erheblich““, erläutert Elisabeth Hartmann-Runge. Auch diese Aspekte sollen im Requiem zur Sprache kommen. Neben Berichten aus der Seenotrettung sind Informationen zu rechtlichen Entwicklungen vorgesehen.
Ein Gottesdienst über Schuld und Verantwortung
Der Termin am Buß- und Bettag ist bewusst gewählt: „Es ist ein Tag, an dem über Schuld und Leid bewusst nachgedacht wird“, sagt Susanne Reich, Pastorin an St. Jakobi. Das Gedenken soll deshalb auch die Frage aufwerfen, welche Verantwortung Europa für das Sterben an seinen Außengrenzen trägt. „Frieden heißt für mich: Achtsamkeit füreinander. Gerechte und gewaltfreie Lebensgrundlagen. Ein sicheres Zuhause und keine Angst vor der Zukunft.“ Millionen Menschen hätten all das nicht. Viele riskierten ihr Leben, um anderswo Schutz zu finden. „Ihr tausendfaches Sterben hat mit Fragen nach Verantwortung und Schuld zu tun.“
Im Gottesdienst werden Trauer, Verzweiflung und Hoffnung in Gebeten und Lesungen aufgegriffen. „Wir nennen es Requiem, weil wir vor Gott um die Toten trauern. Sie alle haben Namen und Geschichten“, sagt Pastorin Hartmann-Runge.
Männerstimmen der Knabenkantorei singen
Musikalisch gestaltet wird das Requiem von der Lübecker Knabenkantorei St. Marien unter der Leitung von Merle Hillmer. An der Orgel spielt Jonathan Weiler, Assistenzorganist an St. Jakobi. An der Vorbereitung und Gestaltung sind außerdem Menschen aus der Flüchtlingssolidarität, dem Theater Lübeck und der zivilen Seenotrettung beteiligt.
Das Requiem „Sie haben Namen und Geschichten“ beginnt am Mittwoch, 18. November 2026, um 18 Uhr in der St.-Jakobi-Kirche zu Lübeck.
Veranstalter sind die Kirchengemeinde St. Jakobi und die Flüchtlingsbeauftragte des Kirchenkreises Lübeck-Lauenburg in Kooperation mit dem Theater Lübeck, dem Lübecker Flüchtlingsforum e. V. und der Beauftragten für Flüchtlings-, Asyl- und Zuwanderungsfragen des Landes Schleswig-Holstein.
Mitwirkende beim Requiem:
Pastorin Susanne Reich, St. Jakobi zu Lübeck
Dr. Julia Trinh, Referentin der Beauftragten für Flüchtlings-, Asyl- und Zuwanderungsfragen des Landes Schleswig-Holstein
Yannik Nolthenius, SOS Méditerranée Deutschland gGmbH, Berlin
Ingo Werth, RESQSHIP e. V., Hamburg
Vincenz Türpe und Cornelia von Schwerin, Theater Lübeck
Kapitän Stefan Schmidt
Lübecker Knabenkantorei St. Marien, Leitung: Merle Hillmer
Jonathan Weiler, Assistenzorganist St. Jakobi
Pastorin Elisabeth Hartmann-Runge, Flüchtlingsbeauftragte des Ev.-Luth. Kirchenkreises Lübeck-Lauenburg