Lübeck-Lauenburg

Sommerinterview: Ohne Fundraising blieben viele Ideen nur Träume

Lübeck. Sommerzeit ist Interviewzeit. Das gilt nicht nur bei Politiker:innen und Medien, auch im Kirchenkreis Lübeck-Lauenburg möchten wir in den kommenden Wochen Menschen aus verschiedenen Tätigkeitsbereichen zu Wort kommen lassen. Wir möchten die Aufgabenfelder etwas näher vorstellen und einen Blick hinter die Kulissen werfen. Den Auftakt macht heute Frank Geuenich. Der 52-Jährige ist seit Mai 2025 Teamleiter der Fundraising-Abteilung des Kirchenkreises mit sechs Mitarbeitenden.  

Ein Gespräch mit Teamleiter Frank Geuenich

Mal ganz pauschal gefragt: Was ist überhaupt Fundraising?

Frank Geuenich: Der Begriff „Fundraising“ kommt zwar englisch-modern daher, die Praxis ist aber uralt und auch von jeher eng mit der Kirche verbunden. So ist die sonntägliche Kollekte nichts anderes als Fundraising. Ohne die Fundraising-Aktivitäten unserer katholischen Freunde zum Bau des Petersdoms zu Zeiten Luthers - Zitat: „Nur wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt“ - wäre es vielleicht nie zur Reformation gekommen und wir hätten heute keinen Ev.-Luth. Kirchenkreis. Fundraising ist also auch historisch ein weites Feld…

Bleiben wir mal in der Gegenwart. Wie ist heute Fundraising definiert? 

Frank Geuenich: Fundraising zielt heute darauf ab, Mittel für die Umsetzung konkreter Projekte oder auch für die kontinuierliche Arbeit eines Vereins, einer Initiative oder eben einer Kirchengemeinde zu sammeln. Meist geht es um finanzielle Mittel, also Geld. Es können aber auch Sachwerte wie zum Beispiel die Wollmützen bei der Mützen-Challenge oder auch Zeitspenden sein.

Aber nicht bei Ihnen, oder? 

Frank Geuenich: Nein, bei uns in der Fundraising-Abteilung geht es fast immer um finanzielle Mittel: Die können wir entweder beantragen bei so genannten Fördermittelgebern, also bei Stiftungen oder entsprechenden Programmen auf kommunaler, Landes-, Bundes- oder EU-Ebene oder wir bitten Privatleute um eine Spende – zum Beispiel, indem wir uns mit einem Mailing an die Gemeindeglieder einer Kirchengemeinde wenden.

So funktioniert Fundraising beim Kirchenkreis 

Wie stelle ich mir die Arbeit des Fundraisings beim Kirchenkreis vor?

Frank Geuenich: Normalerweise wenden sich Kirchengemeinden oder auch der Kirchenkreis an uns, wenn es darum geht, ein konkretes Projekt umzusetzen, für das nicht genügend Geld vorhanden ist. Wir prüfen dann zuerst, ob es passende Förderprogramme oder Stiftungen gibt, für die das Projekt interessant wäre. Manchmal findet sich schnell ein passender potenzieller Fördermittelgeber. Manchmal braucht es auch eine umfassendere Recherche. Und manchmal lautet die Antwort „Ja, aber…“

Ja, aber…?

Frank Geuenich: Mitunter muss das Projekt noch angepasst oder verändert werden, um für eine Förderung in Frage zu kommen. Das führt dann auch schon mal zu Diskussionen mit denjenigen, die das Projekt konzipiert haben und es nun genau so umsetzen wollen. Wir können dabei aufgrund unserer Erfahrungen nur zu- oder abraten. Entscheiden muss letzten Endes immer der Antragsteller. 

Können Sie das mal exemplarisch an einem Beispiel erläutern? 

Frank Geuenich: Natürlich. Wenn ich ein Sozialprojekt plane, das sich nur an evangelische Männer (oder Frauen) im Alter zwischen 45 und 50 wendet, die geschieden sind, werde ich dafür voraussichtlich keine Förderung bekommen, da viel zu viele Menschen ausgeschlossen sind. Da würden wir wahrscheinlich gar nicht mit der Antragstellung anfangen, da sie nahezu aussichtslos wäre. Dort, wo Aussicht besteht, bereiten wir gemeinsam mit der Kirchengemeinde oder dem Kirchenkreis die Anträge vor, stellen sie und übernehmen im Erfolgsfall dann auch die weitere Abwicklung, also vor allem den Abruf der Mittel und die finale Erstellung der Verwendungsnachweise. Je nach Größe und Dauer eines Projektes kann das erst Jahre nach der Antragstellung passieren, so dass einen manche Projekte über viele Jahre begleiten. 

Die Sanierungsprojekte in der Lübecker Altstadt zum Beispiel, richtig? 

Frank Geuenich: Die demnächst startenden Großprojekte in Dom und St. Marien zählen dazu, korrekt. Wir sind schon seit einigen Jahren mit der Mittelakquise beschäftigt und werden bis nach dem Abschluss der Baumaßnahmen - voraussichtlich irgendwann in den 2030er-Jahren - damit zu tun haben. Neben dem Antrags-Fundraising setzen wir mit und für die Kirchengemeinden auch Spendenmailings um. Diese sind vor allem für kleinere oder mittelgroße Projekte geeignet. Dabei sind wir zur Vorbereitung, Durchführung und auch bei der anschließenden Bedankung der Einzelspender im ständigen Kontakt zu den Kirchengemeinden, während ein Mailing läuft.

Welche Form von Projekten unterstützt das Fundraising? 

Frank Geuenich: Grundsätzlich alles, was an uns herangetragen wird. Vor allem Bauprojekte, die absolut und vom Volumen her gesehen das meiste Geld benötigen. So kostet die Sanierung der Innenraumschale von St. Marien zu Lübeck beispielsweise rund 29 Millionen Euro. Und selbst die Sanierung einer „normalen“ Kirche auf dem Land kostet immer 6-stellig, manchmal auch 7-stellig). Zudem soziale Projekte, Events und – auch wenn das recht schwierig ist – bisweilen die Finanzierung von Stellen.

Ideen fördern. Kirche stärken.

Gibt es eigentlich irgendwelche Voraussetzungen, damit Sie aktiv werden?

Frank Geuenich: Bei Bauprojekten ist wichtig, dass diese zuvor mit der Bauabteilung besprochen worden sind. Wir beginnen mit unserer Arbeit erst, wenn wir grünes Licht aus der Bauabteilung haben, dass ein Projekt nach erfolgreicher Mittelakquise dann auch so umgesetzt werden kann - und nicht etwa der Denkmalschutz dagegen spricht, um nur ein Beispiel zu nennen. Bei Nicht-Bauprojekten gibt es schon mal das Problem, dass sich Gemeinden zu spät bei uns melden.

Manche Projekte kommen einfach zu spät 

Was bedeutet: zu spät?

Frank Geuenich: Naja, man sollte immer mit sechs Monaten Vorlauf kalkulieren, bis man bei Fördermittelanträgen eine Zusage hat. Wer also für das Weihnachtskonzert erst im September bei uns anklopft, hat kaum noch eine Chance. Es sei denn, er macht dann ein Mailing: Das geht deutlich schneller und funktioniert auch für Vorhaben, die bereits begonnen haben.

Warum bedarf es eigentlich einer eigenen Abteilung. Es heißt doch so gern, die Menschen zahlen Kirchensteuer….

Frank Geuenich: Klar, nur reicht die Kirchensteuer eben nicht (mehr) für das, was die Kirche alles so macht und zum Teil auch machen muss. Um nochmal auf die Großprojekte in Lübeck zu kommen: Die Sanierung der Domtürme wird allein für den demnächst startenden Projektteil A rund 14 Millionen Euro kosten. Die Domgemeinde erhält an Kirchensteuerzuweisungen jährlich etwa 100.000 Euro. Sie müssten ohne Fundraising also die gesamte Kirchensteuer der nächsten 140 Jahre (oder noch länger, da die Steuer tendenziell rückläufig ist) da reinstecken und könnten nichts anderes machen. Ganz zu schweigen davon, dass die Türme so lange vermutlich nicht mehr stehen würden. Dieses Problem haben bei größeren Bauvorhaben im Prinzip alle Gemeinden, und das wird sich mit den rückläufigen Mitgliedszahlen auch eher noch verschärfen…

Projekte, auf die man besonders stolz ist 

Gibt es Projekte, die mit Ihrer Hilfe realisiert wurden und auf die das Team besonders stolz ist?

Frank Geuenich: Da wir es mit einer großen Bandbreite an Projekten zu tun haben, hat wahrscheinlich jeder seine persönlichen Favoriten. Ich freue mich über jedes sinnvolle Projekt, das mit unserer Hilfe finanziert werden kann oder konnte. Das kann das kostbare Gemälde im Lübecker Dom sein, dessen Restaurierung finanziert werden muss, aber auch die Generalsanierung einer in die Jahre gekommenen Kirche. Oder das Mailing für Jugendarbeit, das viel besser läuft als erwartet…

Was übt für Sie persönlich den großen Reiz aus, im Fundraising zu arbeiten?

Frank Geuenich: Auf den Punkt gebracht: Fundraising ermöglicht Dinge, die sonst nicht möglich wären. Und gerade im kirchlichen Kontext sind das fast immer sinnvolle Dinge.