Lübeck-Lauenburg

Sommerinterview: "Wir müssen junge Menschen entlasten und stärken"

Lübeck. Sommerzeit ist Interviewzeit. Im letzten Teil unserer Reihe spricht Roman Röpstorff, Leiter von jung+ev., über Bedürfnisse junger Menschen und anliegende Projekte.  

Gespräch mit Roman Röpstorff, jung+ev

Die Sommerferien sind zu Ende. Welche Themen liegen bei jung+ev. jetzt oben auf?

Roman Röpstorff: Jetzt geht es vor allem darum, nach den Ferien wieder gut in die Arbeit zu starten, Gemeinden und Regionen zu begleiten und junge Menschen stärker zu beteiligen. Dazu kommen die Vollversammlung der Evangelischen Jugend, die Weiterentwicklung des KonfiCamps und die Frage, wie wir Jugendarbeit im Kirchenkreis langfristig gut aufstellen

Sie sind jetzt fast ein Jahr neuer Leiter von jung+ev. Eine kleine Bilanz?

Roman Röpstorff: Das erste Jahr war intensiv und sehr spannend. Ich habe viele engagierte Menschen, gute Ideen und gleichzeitig sehr unterschiedliche Bedingungen vor Ort kennengelernt, es gab schon Abschiede und viele Neuanfänge zu feiern. Mein Eindruck ist: Wir haben unglaublich engagierte Menschen im Kirchenkreis. Gleichzeitig müssen wir stärker gemeinsam denken, uns vernetzen, Kräfte bündeln und jungen Menschen echte Gestaltungsmöglichkeiten eröffnen und dann Strukturen und Entscheidungen so gestalten, dass sie dem Leben dienen.

Sie engagieren sich seit vielen Jahren in der evangelischen Jugendarbeit. Gibt es Veränderungen in der Arbeit mit jungen Menschen?

Roman Röpstorff: Ja, deutlich. Junge Menschen hinterfragen stärker, warum sie ihre Zeit irgendwo investieren sollen, und erwarten echte Beteiligung. Gleichzeitig erleben viele einen hohen Leistungs- und Erwartungsdruck. Deshalb werden verlässliche Beziehungen und Orte, an denen sie nicht funktionieren müssen, einfach sein dürfen, immer wichtiger. Und das äußern sie auch genau so.

Was sind die großen Probleme bzw. worunter leiden junge Menschen heute?

Roman Röpstorff: Viele junge Menschen stehen heute unter enormem Druck: Leistungsanforderungen in Schule und Ausbildung, Zukunftssorgen, soziale Medien, Krieg, Klimakrise und gesellschaftliche Unsicherheit wirken gleichzeitig. Dazu kommen Einsamkeit und psychische Belastungen. Viele funktionieren nach außen erstaunlich gut und tragen innerlich sehr viel. 
Unsere Aufgabe ist, das nicht einfach hinzunehmen, sondern genau hinzusehen und Bedingungen zu schaffen, die entlasten und stärken.

Junge Menschen wollen Kirche mitgestalten

Wie kann Kirche junge Menschen unterstützen?

Roman Röpstorff: Indem sie sich berühren lässt von dem, was junge Menschen beschäftigt, ihnen zuhört und nicht sofort Antworten liefert. Kirche kann Räume schaffen, in denen junge Menschen Gemeinschaft erleben, selbst gestalten können, Fragen stellen, Glauben ausprobieren und zweifeln dürfen. Sie kann sich gesellschaftlich hörbar an ihre Seite stellen. Und sie muss ihre Strukturen immer wieder daraufhin prüfen, ob sie den jungen Menschen dienen oder ihnen eher im Weg stehen.

Gerade bei jungen Menschen scheint es so, als ob Kirche eher ein Abturner ist. Ist das nicht eher hinderlich?

Roman Röpstorff: Ja, für viele junge Menschen ist Kirche zunächst wenig attraktiv. Sie verbinden mit ihr eine alte Institution, Traditionen und Regeln. Sie ist schlicht nicht relevant. Das lässt sich aber nicht durch eine jugendlichere Verpackung lösen. Entscheidend ist die Erfahrung vor Ort: Werde ich hier ernst genommen? Darf ich mitgestalten? Geht es wirklich um meine Fragen und mein Leben? Wenn das gelingt, dann kann Kirche plötzlich sehr relevant werden.

Sie sind dicht an der Basis: Welche Forderungen stellen junge Menschen an Kirche?

Roman Röpstorff: Im Grunde sagen sie: Redet nicht nur über uns, sondern mit uns. Sie wollen echte Beteiligung, verständliche Sprache, Offenheit für unterschiedliche Lebensentwürfe und eine Kirche, die Haltung zeigt. Und sie erwarten zu Recht, dass Beteiligung nicht nur bedeutet, gefragt zu werden, sondern auch tatsächlich etwas entscheiden und verändern zu können.

ChurchNight wird ein Höhepunkt

Ein Höhepunkt der kommenden Wochen wird die ChurchNight sein. Was erwartet junge Menschen dort?

Roman Röpstorff: Am 6. November wird St. Jakobi wieder ein Ort für hunderte Konfirmand:innen mit viel Raum zum Ausprobieren, um Kirche anders erleben zu können. Unter dem Thema Freiheit geht es kreativ, interaktiv und spirituell darum, was Freiheit für mich, für unseren Glauben und für unsere Gesellschaft bedeutet und welche Verantwortung dazugehört. Vor allem ist die ChurchNight ein Abend von jungen Menschen für junge Menschen und zeigt, wie offen, vielfältig und lebendig Kirche sein kann

Sie haben selbst – vor Ihrem Urlaub – intensive Wochen im Ensemble von „Die Flut“ gehabt. Ein kleiner Rückblick?

Roman Röpstorff: Das war eine außergewöhnlich intensive Erfahrung. Mit 30 jungen Menschen mehrere Wochen gemeinsam auf einem Segelschiff zu leben, unterwegs zu sein, und gleichzeitig ein Musical in 8 verschiedenen Ostseehäfen aufzuführen, fordert alle! Am Ende haben über 3000 Menschen das Stück und vor allem die starke Botschaft gesehen. Besonders beeindruckt hat mich, was entsteht, wenn jungen Menschen Verantwortung übernehmen und ihnen etwas zugetraut wird und eine Gemeinschaft so organisiert ist, dass jede und jeder seinen Platz finden kann.

“Ich freute mich auf mein eigenes Bett”

Worauf haben Sie sich – persönlich – nach der Zeit an Bord am meisten gefreut?
Roman Röpstorff: Ganz eindeutig auf mein eigenes Bett. Und darauf, morgens aufzuwachen, ohne dass sich der Boden unter mir bewegt. Nach mehreren Wochen mit vielen Menschen auf so engem, hellhörigem Raum war aber auch ein bisschen Ruhe sehr willkommen.