Lübeck

Travemünder Woche: Gottesdienst rückt Sorgen der Seeleute in den Blick

Lübeck. Für die Lübecker Seemannsmission ist die Travemünder Woche ein fester Termin im Kalender. Sie lädt am 19. Juli 2026 ab 11 Uhr wie in jedem Jahr zum Open-Air-Gottesdienst am Brügmanngarten ein. Die meisten Besucher genießen auf der Hafensause unbeschwerte Stunden. Der Gottesdienst jedoch schlägt ernste Töne an. 

 Seemannsmission Lübeck gestaltet Gottesdienst 

„Worries at sea“, Sorgen auf See, so lautet das Thema, zu dem Matthias Ristau, der Generalsekretär der Deutschen Seemannsmission, predigt. Der Lübecker Stationsleiter und Seemannsdiakon Marco Folchnandt hat das Thema gemeinsam mit Pastor Hans-Uwe Reese, zugleich 1. Vorsitzender der Seemannsmission, vorgeschlagen.

 Unterstützung bei den “Worries at sea”

Die Lübecker Seemannsmission liegt nicht im schönen Travemünde, sondern in Siems am Lehmannkai. Fähren, RoRo-Schiffe, Betonbauten, Container, Lkw und Strommasten prägen die Gegend. An der Hafenkante laufen Männer mit gelben Warnwesten und Schutzhelmen auf den Köpfen umher. Wenn die Sonne sich durch ein paar Wolken drückt, hellt der Horizont auf, ansonsten aber ist der Ort unwirtlich und trist. Wer hier als Seemann an Bord geht, weiß: Man schippert nicht auf einer romantischen Urlaubsreise über die Weltmeere, sondern stemmt einen harten Alltag. Seefahrer sind manchmal bis zu sechs Monate nicht zu Hause, sie kennen in dieser Zeit kaum Familienleben, sondern malochen und sind oft einsam. 

 Die kleinen Bitten des Alltags

 90 Prozent aller Wirtschaftsgüter werden über den Seeweg transportiert. „Diese Zahl ist bekannt und trotzdem bleiben die Seeleute unsichtbar“, sagt Marco Folchnandt. Das ist die bittere Realität. Die meisten Waren, die umgeschlagen werden, sind Stammholz, Getreide, Zellulose, Papier und Dünger. Kleine Schiffe liegen meist nur kurz im Hafen, größere steuern in Lübeck mehrere Standorte an. Die Besatzung an Bord zählt fünf bis 23 Personen, in der Regel sind es zwischen sieben und neun. 

 Etwa 60 Prozent der Männer stammen von den Philippinen. Die übrigen Nationalitäten ließen sich zahlenmäßig schlecht erfassen, aber es seien wenig Deutsche dabei, so Folchnandt. Auf den Philippinen gilt der Beruf als angesehen. Viele arbeiten im Ausland, um ihre Familien zu unterstützen. Sie sind duldsam, widersprechen selten und haben Hierarchien verinnerlicht. „Das freut die Reeder, aber wir versuchen bewusst, das aufzubrechen“, sagt Diakon Folchnandt. „Wenn die Leute uns mit 'Sir' anreden, dann antworten wir: 'Hello, my friend.' Wir kommen als Seelsorger, nicht als Kontrolleure.“ Viele fragen nach SIM-Karten, nach einem Weg in die Stadt und brauchen Hilfe bei Geldüberweisungen. „Und manchmal auch nur eine warme Jacke.“

 „Wir kommen als Freunde“

 Die Gespräche bleiben oft erst einmal oberflächlich. „Filipinos sind Menschen, die sich nicht sofort öffnen.“ Aber manchmal eben doch, erzählt Sönke Friedrichsen. Der 67-Jährige ist seit anderthalb Jahren als Ehrenamtlicher im Team von Marco Folchnandt. Ein Filipino, etwa 40 Jahre alt, berichtete ihm von einem Erdbeben bei ihm zu Hause und erzählte, er wisse nicht, wo seine Familie sei. Er hatte Frau und Kinder, und Friedrichsen vermittelte ihm schnell ein Telefonat. „Danach sang er als Lautester Karaoke. Filipinos lieben Musik. Die hauen ihren Frust über das Singen raus. Sie singen kräftig und falsch und sind dabei total glücklich“, sagt Friedrichsen. Meike Hölscher aus dem Team hatte eine Karaoke-Maschine auf den Philippinen gekauft und gespendet. Sie erweist sich als lohnende Investition.

Karaoke hilft gegen Heimweh

Über Politik hingegen wird kaum geredet. Seeleute sagen immer, sie geben ihre Nationalität an Bord ab, doch die Sorgen bleiben, erzählt Hans-Herbert Dünow. Der 72-Jährige ist seit 2021 als Ehrenamtlicher dabei. Er berichtet von einem ukrainischen Koch an Bord, der ihm sein Herz ausgeschüttet hat. Seine engste Familie war im Krieg nach Estland geflohen, andere saßen in den Trümmern der umkämpften Stadt Mariupol. „Ich spürte seine Angst, aber manchmal kann man nicht mehr tun, als zuzuhören“, so Dünow. „Wir sind die Einzigen, die nichts wollen, außer helfen. Wir kennen keine Unterschiede bei Religion, Herkunft und Hautfarbe“, sagt Marco Folchnandt. Er ist jeden Tag irgendwo an Bord unterwegs. Sein Team hat im letzten Jahr fast 500 Schiffsbesuche gemacht und über 1200 Seeleute getroffen. Die gesamte Crew zählte mehr als 5100 Personen, aber die sind nicht immer alle an Bord. 

 „Der Zusammenhalt reicht über Ländergrenzen hinweg“, erzählt Folchnandt. Ein Filipino war wegen eines Tumors hinterm Auge sechs Wochen im Krankenhaus in Oldenburg in Niedersachsen. Er konnte nicht mehr zu See fahren und wurde von der philippinischen Community vor Ort liebevoll aufgepäppelt. „Mit Sauerkraut und Kartoffeln wird der Asiate nunmal nicht gesund“, sagt Folchnandt und lacht. Später haben sich die Helfer noch einmal gemeldet. Sie sagten: „Danke, dass wir uns um unseren Bruder kümmern durften.“ 

 Ein Anker für Seeleute in der Fremde

 Der 58-jährige Marco Folchnandt ist seit zwei Jahren bei der Lübecker Seemannsmission und führt 15 Ehrenamtliche, davon sechs Frauen. Sie sind montags, dienstags und donnerstags von 17 bis 21.30 Uhr als Seelsorger unterwegs. Die Bordsprache ist Englisch. Direkt vor dem Haus, in dem sich die Büros in Siems befinden, liegt ein riesengroßer Anker. An den Zimmerwänden hängen viele Rettungsringe. Anker und Rettungsringe sind Helfer in der Not. So wie Marco Folchnandt und sein Team.

Hintergrund: Der Lübecker Hafen

Die Wurzeln des Lübecker Hafens reichen zurück bis in das 12. Jahrhundert, als die Hansestadt durch den Seehandel mächtig wurde. Als wichtigste Drehscheibe für den Ostseeverkehr wickelt er heute jährlich über 500.000 Passagiere sowie ein massives Gütervolumen ab. Der Hafen ist spezialisiert auf den „Roll-on-Roll-off“-Verkehr (RoRo-Verkehr), bei dem komplette Lastwagen, Sattelauflieger und Anhänger direkt auf die Fähren gefahren werden. Die Deutsche Seemannsmission in Lübeck wurde 1906 gegründet und ist wichtiger Ansprechpartner im Hafen. Weitere Informationen finden sich hier: https://www.kirche-ll.de/von-a-bis-z/s/seemannsmission.html