Lübeck

Urlaub vom Krieg: Ukrainische Kinder im Lübecker Dom

Lübeck. 52 Kinder aus der Ukraine haben den Lübecker Dom besucht. Was als kurzfristig organisierte Kirchenführung begann, entwickelte sich zu einer tief bewegenden Begegnung. Gemeinsam mit ihren Betreuerinnen und Betreuern entzündeten die jungen Gäste Kerzen für Menschen in ihrer Heimat und sangen ein ukrainisches Taizé-Lied. Pastor Martin Klatt beschreibt den Besuch als einen Moment, der ihn nachhaltig berührt hat.

Eine spontane Besuchsanfrage

Die Anfrage für den Besuch erreichte den Lübecker Dom erst am Montagabend: Ob eine Gruppe von 52 Kindern aus der Ukraine, die derzeit an einem Ferienlager in Deutschland teilnimmt, am nächsten Tag (28. Juli 2026) den Dom besuchen könne. Der Terminkalender ließ es zu – und die Antwort war eindeutig. „Natürlich haben wir sofort zugesagt. Solche Begegnungen sind ein Geschenk“, sagt Dompastor Martin Klatt.

Als die Gruppe am Dienstagnachmittag eintraf, wartete bereits eine besondere Verbindung auf ihn. Den Leiter der Freizeit, Dietrich Mohr, kennt Klatt noch aus seiner Zeit als Pastor der Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde in Neumünster. „Damals leitete er eine Kindertagesstätte der Gemeinde. Heute organisiert er Freizeiten für Kinder aus der Ukraine, die für sie ein Stück Urlaub vom Krieg sind."

Krieg gehört zur Lebenswirklichkeit

Gemeinsam mit den Betreuerinnen und Betreuern überlegte Klatt zunächst, welche Themen bei der Führung angemessen seien. „Ich habe gefragt, ob ich den Krieg lieber aussparen sollte. Die Antwort war eindeutig: Nein, das gehört zu ihrer Lebenswirklichkeit.“

So erzählte der Pastor von der Geschichte des Doms: von den jahrhundertealten Gewölben, vom Taufbecken, das früher direkt am Eingang stand, und von seiner Bedeutung. „Die Botschaft dahinter lautet: Du bist ein Kind Gottes. Hier hast du Hausrecht“, erklärt Klatt. Auch die Geschichte der im Krieg zerstörten Orgel und ihres Nachfolgeinstruments gehörte dazu. „Und ich habe vom Altar erzählt, um den wir als Gemeinschaft zusammenkommen – an einem Tisch.“

Für den Pastor erhielt diese Führung eine ganz neue Dimension. „Ich habe diese Geschichten bestimmt schon hundertmal erzählt. Aber mit diesen ukrainischen Kindern um mich herum klangen sie plötzlich ganz anders, viel existenzieller und bedeutsamer.“

Der Pastor singt auf Ukrainisch

Besonders bewegend wurde der Besuch, als die Kinder den Ukraine-Gedenkort im Dom entdeckten. Im Ostchor erinnerte sich Klatt an seine Reise nach Taizé vor wenigen Wochen. Dort hatte er ein Taizé-Lied auf Ukrainisch gelernt. „Ich fragte die Betreuerinnen, ob das Lied tatsächlich Ukrainisch sei. Als sie nickten, habe ich angeboten, es für die Kinder zu singen.“ Zunächst hörten die Jugendlichen zu. „Beim dritten oder vierten Durchgang stimmten immer mehr von ihnen mit ein. Plötzlich erfüllte dieses Lied den gesamten Ostchor. Das war ein Gänsehautmoment.“

Zum Abschluss lud Klatt die Gruppe ein, am Lichteraltar Kerzen zu entzünden. „Ich habe ihnen gesagt, dass sie dafür selbstverständlich nichts bezahlen müssen.“

Kerzen und Gebete am Lichtaltar

Was dann geschah, werde er so schnell nicht vergessen. „Auf einmal standen alle Kinder dicht gedrängt um den Lichteraltar. Es waren so viele Kerzen, dass sie gar nicht mehr alle auf den Leuchter passten. Also wurden sie daneben aufgestellt. Es entstand ein richtiges Lichtermeer.“

Welche Gedanken die Kinder dabei bewegten, könne er nur erahnen. „Ich habe mich gefragt, an wen sie wohl gedacht haben. Welche Namen sie im Stillen genannt haben. Ob alle Menschen, für die sie gebetet haben, überhaupt noch leben.“

Die Begegnung habe ihn tief bewegt. „Man spürt in solchen Momenten, wie viel Angst, Sorge und Trauer diese Kinder in sich tragen. Gleichzeitig erlebt man, wie viel Trost und Hoffnung in einem Ort wie dem Dom liegen können – manchmal genügt dafür schon ein Lied und das Licht einer Kerze.“