"Kirche ist Beziehung": Verabschiedung von Pastorin Bettina Kiesbye
Lübeck. In der St.-Lorenz-Kirche verabschiedet sich Bettina Kiesbye am Sonntag, den 28. Juni 2026, im Rahmen eines Gottesdienstes in den Ruhestand. Sie blickt auf ein erfülltes Leben als Pastorin zurück. Ihr Engagement im christlich-jüdischen Dialog will sie weiterführen.
“Kirche ist Beziehung", sagt Bettina Kiesbye zum Abschied. "Ich bin dankbar dafür, dass ich so viele Familien und Kinder, aber auch einzelne Menschen teils über einen langen Zeitraum begleiten durfte.”
Interessen schon früh gefunden
Drei Themen ziehen sich wie rote Fäden durch das Leben von Bettina Kiesbye: die Arbeit mit Familien und Kindern, die Förderung inklusiver Gemeindearbeit und der Einsatz für den christlich-jüdischen Dialog.
Die Fundamente für ihr Engagement waren schon früh angelegt. Ihre Eltern hatten sich im Studium an der Kirchlichen Hochschule in Bethel kennengelernt: "Sie fanden nach der NS-Zeit in der Kirche Orientierung und eine Neuausrichtung. Beide fühlten sich von der Nazi-Ideologie belogen und missbraucht", erzählt Kiesbye. "Durch die Nähe der Hochschule zu den Bodelschwinghschen Anstalten war auch ein menschenwürdiger Umgang mit Menschen mit Behinderung ein Thema. Wes Geistes Kind eine Weltanschauung ist, das zeigt sich sehr deutlich in ihrem Umgang mit Menschen mit Behinderungen."
Studium in Jerusalem prägend
Kiesbye wurde in Flensburg geboren. Während ihres Theologie-Studiums in Kiel, Berlin und Hamburg verbrachte sie zwei Jahre in Jerusalem, studierte dort an der Hebräischen Universität, und verdiente nebenbei mit verschiedenen Jobs ihren Lebensunterhalt. “Es war für mich eine Ehre dort studieren zu dürfen. Ich habe mich intensiv mit rabbinischem Schriftgut befasst und das Judentum besser kennengelernt. Wir waren eine Gruppe von Studierenden aus Deutschland, der Schweiz und Österreich und haben neben der Erforschung des christlichen Antijudaismus auch viel über politische Themen diskutiert."
Von 1988 bis 1990 absolvierte Bettina Kiesbye ihr Vikariat an der Lübecker Lutherkirche. Dort befasste sie sich im Rahmen eines gemeindepädagogischen Projektes intensiv mit dem Lübecker Märtyrer Pastor Karl Friedrich Stellbrink - auch ein Baustein ihrer Prägung.
Es folgten 11 Jahre in Nordfriesland, als Leiterin des Ev. Frauenwerks und als Gemeindepastorin auf der Insel Föhr. Im Jahr 2001 kehrte Kiesbye mit ihrem Mann und den drei Kindern zurück nach Lübeck - diesmal in die St.-Markus-Gemeinde, die seit der Fusion im Jahr 2022 zur Laurentiusgemeinde gehört. Auf diese Zeit blickt Kiesbye dankbar zurück.
Schöne Zeit mit “Mini-Konfirmanden"
Mehr als 20 Jahre begleitete sie die “Mini-Konfirmanden", regelmäßig stattfindende Gruppenstunden am Freitagnachmittag für Kinder im 3. und 4. Schuljahr. “Mit Kindern in diesem Alter kann man wunderschön arbeiten. Wir haben philosophiert, gesungen, gebastelt und gemeinsam gegessen. Ich hatte guten Kontakt zu den Familien, teilweise über viele Jahre bis zur Konfirmation der Jugendlichen." Einige Mütter begleiteten die Stunden als ehrenamtliche Teamerinnen. "Sie konnten da auch ihren Glauben vertiefen. Das war für alle eine schöne Erfahrung."
Kinder und Familien als Schwerpunkt
Fast 25 Jahre lang besuchte Kiesbye die Kinder der KiTa Astrid Lindgren. “Für Kinder da zu sein, sehe ich als eine der wichtigsten Aufgaben von Kirche. Nicht nur, wenn sie in der KiTa sind, sondern auch darüber hinaus", so die Pastorin.
“Es gibt viele Familien, in denen ich getauft, konfirmiert, getraut und beerdigt habe. Fast so wie in alten Zeiten auf dem Dorf", schildert Kiesbye.
Idee einer inklusiven Kirche
Möglichst viele Menschen mitzunehmen, diesen Gedanken verfolgte Kiesbye auch mit ihrem Einsatz für eine barrierefreie Umgestaltung des Gemeindezentrums St.-Markus 2006/07. “Im Rahmen eines Leuchtturmprojekts holten wir eine Sonderpädagogin ins Team. Ziel war es, nachdem wir bauliche Barrieren abgebaut hatten, auch in unseren Angeboten bildreicher und anschaulicher zu werden."
Seit 2012 wurden gemeinsame Gottesdienste mit der Gehörlosen-Gemeinde Lübeck gefeiert. Daraus entwickelte sich das Pilotprojekt “Lichtungen- Gottesdienste für Gehörlose”, in dem eine neue Licht- und Projektionstechnik für die St. Markus-Kirche entwickelt wurde.
Ganz wichtig sind ihr die Open Air-Krippenspiele am Heiligen Abend in St. Markus und dem angrenzenden Park der Diakonie mit rund 40 mitwirkenden Kindern, vielen Helfern und 200 Besuchenden, mit echtem Esel und Kamel: "Diese starken Eindrücke bleiben. Die Idee kommt auch aus der Sonderpädagogik, ist aber für alle etwas. Ich wünsche mir, dass diese Tradition bewahrt wird."
Einsatz für christlich-jüdischen Dialog
Was bleibt für den Ruhestand? Ihr Engagement in der Gesellschaft für christlich-jüdischen Dialog in Lübeck und auf Landesebene sowie der Einsatz im Bündnis gegen Antisemitismus liegen Kiesbye besonders am Herzen. Dieses wird sie beibehalten: “Ich sehe eine große Verunsicherung und auch Einsamkeit von jüdischen Menschen, nicht nur hier, sondern in der ganzen Welt." Wachsender Antisemitismus, Leiden und Traumatisierung durch den 7. Oktober sorgten für ein hohes Sicherheitsbedürfnis und Rückzug von Jüdinnen und Juden. “Mir geht es darum, im Austausch zu bleiben und zu zeigen: Wir stehen an eurer Seite."
Mehr Zeit für Kultur und Familie
Vom Ruhestand erhofft sich Bettina Kiesbye mehr Zeit für Freunde, Haus und Garten, aber vor allem auch für ihre zwei Enkelinnen, die ein und drei Jahre alt sind. Sie freut sich auf Reisen und möchte mehr Sport treiben. Auch für Theater- und Konzertbesuche in Lübeck und Hamburg soll Raum sein.
Bettina Kiesbye wird am Sonntag, den 28. Juni 2026, in der St.-Lorenz-Kirche im Rahmen eines Gottesdienstes mit Propst Oliver Erckens und dem Laurentius-Pfarrteam verabschiedet. Beginn ist um 14 Uhr.